Berlin, den 18.05.2012 Link Home Link Ticker Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
kultur

08. 11. 2004 - THEOLOGIE

"... und es herrscht der Erde Gott, das Geld"

Kapitalismus als Religion, Antikapitalismus als Gegenwehr?

von Josef Tutsch

 
 

van Reymerswaele, Der Geldwechsler

Goethes Kaiser in „Faust II" ist verwirrt, als er das neueingeführte Papiergeld sieht. „Und meinen Leuten gilts für gutes Geld? Dem Heer, dem Hofe gnügts zu vollem Sold? So sehr mich’s wundert, muss ich’s gelten lassen.“ Der Kaiser muss – und angesichts der Frohbotschaft, die der kaiserliche Schatzmeister dem Vorgang abgewinnt, ahnt man, dass hier vielleicht nicht nur eine irdische Majestät an ihre Schranken gestoßen ist: „In diesem Zeichen wird ein jeder selig.“ Das Geld – ein Motor der Säkularisierung? Oder womöglich die Geldwirtschaft als eine neue Form von Religion?

Hundert Jahre nach Goethe entwickelte Max Weber seine These, dass der "Geist des Kapitalismus" in seiner Entwicklung ganz wesentlich durch die calvinistische Ethik mitbedingt sei. Wenige Jahre später schrieb Walter Benjamin einen kurzen, fragmentarischen Text unter dem Titel "Kapitalismus als Religion": Der Kapitalismus habe sich im Abendland sozusagen als „Parasit“ auf dem Christentum entwickelt und so sehr von dessen Kräften gezehrt, dass er sich seinen „Wirt“ am Ende einverleibte - die Geschichte des Christentums wurde zuletzt zur Geschichte des Kapitalismus.

Holzschnitt gegen den Ablasshandel, 1520

   Holzschnitt gegen den Ablass-
   handel (1520)

Eine Herausforderung für gläubige Christen, die doch viel mehr die Bergpredigt im Sinn haben: „Sehet die Vögel unter dem Himmel. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen. Und euer himmlischer Vater ernährt sie doch“ – offenbar nicht gerade ein Leitfaden für vorausschauendes und gewinnorien-tiertes Wirtschaften. Die evangeli-schen Theologen der Berliner Hum-boldt-Universität sind der Frage jetzt mit einer wissenschaftlichen Konferenz unter dem Motto „Gott, Geld und Gabe“ nachgegangen. Christof Gestrich, der den Sammelband mit den Tagungsbeiträgen herausgegeben hat: "Wir brauchen als Gegenwehr keine Religion des Antikapitalismus, sondern die Befreiung zu rationaleren Umgangsweisen mit kleineren und größeren Geldmitteln." Oder der Heidelberger Theologe Michael Welker: Wir müssen "den einfachen Dual 'Gott oder der Mammon' überbieten" - weil es ja offenbar Dinge gibt, die sich legitim im Kreislauf des Marktes abspielt, und andere, die dem entzogen sein sollten.

Eigentlich dieselbe Frage, die sich auch Martin Luther vornahm, als er vor fast 500 Jahren gegen den „Ablass“ protestierte, den Versuch der spätmittelalterlichen Kirche, die jenseitigen Strafdrohungen markt- und geldförmig zu regulieren. Der Reformator wandte sich bekanntlich gegen jene „Arbeitsteilung“, die Spätantike und Mittelalter eingeführt hatte: zwischen dem „Laienkatholizismus“ einerseits, den „Heilsvirtuosen“ in Klerus und Kloster andererseits. Luthers neues Konzept: Jeder Christ steht allemal in der Spannung zwischen den Geboten Gottes und den Anforderungen dieser Welt.

In der Praxis hat das wohl eher dazu geführt, dass der neuzeitliche Christenmensch zwischen seinem Leben im Alltag und seinem Leben am Sonntag unterscheidet – hier das Erwerbsstreben, dort ein wenig Mildtätigkeit und Besinnung. Aber es ist zweifellos richtig, die Welt des Handels wird in den biblischen Texten nicht durchweg negativ gesehen. Der Göttinger Theologe Hermann Spieckermann verweist auf die Sprüche Salomonis, wo selbst positiv gewertet wird, dass die Marktteilnehmer zugleich ein "soziales Ranking" aushandeln.

DollarscheinNun sind gewinnorientierter Handel einerseits, selbstloses Schenken andererseits keineswegs die einzigen Formen des Umgangs mit Gütern. Der Sozialwissenschaftler Hans Joas aus Erfurt führt den französischen Ethnologen Marcel Mauss an, der 1924 nachgewiesen hat, dass das Leben „primitiver“ Völker weitgehend von einem zeremoniellen Gabentausch geprägt ist, der sich weder aus Profitstreben noch aus Altruismus erklären lässt. Mauss’ Bild von diesem Gabentausch war durchaus ambivalent: Etwa an der kanadischen Westküste pflegten die Stammeshäuptlinge einander in großangelegter  Zerstörung sowohl von materiellen Gütern als auch von Sklavenleben zu überbieten. Joas ist jedoch zu dem Schluss gekommen, dass solche Exzesse sich erst unter den Bedingungen der Kolonialherrschaft ausgebildet haben. Die Frage muss hier offen bleiben.

Interessant wäre auch, analogen Phänomenen in unserer modernen Gesellschaft nachzugehen. Was den wirtschaftlichen Güteraustausch im engeren Sinn angeht, hat sich der moderne, abendländische Kapitalismus aber von traditionellen Formen wohl weit entfernt. Darauf insistiert der Soziologe Christoph Deutschmann aus Tübingen: „Die Transformation von Geld in Kapital setzt voraus, dass es am Markt eine Ware besonderer Art zu kaufen gibt, die menschliche Arbeitskraft. Die Explosion von Produktivität und Destruktivität in den vergangenen zweihundert Jahren beruht entscheidend auf dem durch den industriellen Kapitalismus hergestellten direkten Nexus von Geld und Arbeitskraft.“ Eine Entwicklung, meint Deutschmann, die Benjamin Aussagen voll und ganz bestätigt hat: „Die Religion als das Alltäglichste, das die Menschen ohne jede Reflexion bindet und verpflichtet: Ich denke, dass dies sich heute mit größerer Berechtigung für das Geld als für die meisten der offiziellen Religionen sagen lässt – auch für den Islam.“

Damit wäre ein ganz anderes Problem angerissen; aber bleiben wir beim Christentum. Dort werden die Frommen und Gläubigen spätestens seit Weber und Benjamin von dem unbehaglichen Gedanken geplagt, ihre Religion könnte an dieser
Rembrandt, Hundertguldenblatt
  Rembrandts predigender und heilender
Christus (Hundert-Gulden-Blatt, um 1645)
Entwicklung irgendwie selbst mit Schuld tragen. Gestrich: „Es wäre fatal, wenn Max Weber wirklich Recht hätte mit seiner These, dass ein genetischer Zusammenhang besteht zwischen dem Ka-pitalismus und der calvinistisch geprägten Form echt protes-tantischer Frömmigkeit.“ Klingt ein wenig nach Palmströms Logik, dass nicht sein kann, was nicht sein darf; aber Gestrich hat Argumente: Der Kapitalismus ist mindestens so alt wie das Geld selbst, der Ursprung seiner aktuellen Form liegt entweder in der industriellen Revolution des 18. oder in der italienischen Renaissance des 14. Jahrhunderts, aber jedenfalls nicht im Calvinismus des 16. Jahrhunderts.

Das geht nun ein wenig an Webers Verständnis des spezifisch abendländischen Kapitalismus mit seiner Organisation „freiwilliger“ Arbeit vorbei, auch an Webers Versuch, langfristige Entwicklungen über die Jahrhunderte nachzuzeichnen. Wie auch immer – der Berliner Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz sieht sich zu der Feststellung veranlasst, dass die Macht des Geldes doch wohl auch ihr Gutes hat: „Wo Geld die Welt regiert, herrschen eben nicht: fanatische Ideologie und blutige Gewalt.“ Dem ist schwer zu widersprechen. Aber die Frage, wie Theologen das mit so mancher zentralen Aussage der Bibel in Übereinstimmung bringen könnten, zum Beispiel der Bergpredigt, bleibt offen.


Gott, Geld und Gabe. Zur Geldförmigkeit des Denkens in Religion und Gesellschaft, herausgegeben von Christof Gestrich, Wichern Verlag (ISBN 3-88981-161-2) 



Mehr im Internet:
scienzz artikel Christentum in der Neuzeit

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur
scienzz communcation.

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


forschung


politik


innovation


kultur


campus


kontakt