07.07.2005 - KOLONIALISMUS
Völkermord als Hebel der Zivilisation
Die Niederschlagung des Herero-Aufstandes in der deutschen Literatur
von Josef Tutsch
 | | Windhoek, das Reiterdenkmal für die
gefallenen Deutschen - die Sieger
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Es ging um Völkermord. "Aber unsere Jungs haben diese Hereros und ähnliche Hottentotten einfach inne Wüste gejagt ...", gibt Günter Grass’ Buch "Mein Jahrhundert" in meisterhafter Verknappung wider, was sich von den Ereignissen der deutschen Öffentlichkeit eingeprägt hat. Im Januar 1904 hatte sich die eingeborene Bevölkerungsgruppe der Herero gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Südwest-Afrika, heute Namibia, erhoben. Am 11. August wurden die Herero in einer großen Schlacht am Waterberg geschlagen. Die deutschen Truppen trieben die Aufständischen mitsamt Frauen und Kindern in die Steppe und riegelten sie von den wenigen Wasserstellen ab. Man schätzt, dass etwa 80 % des Herero-Volkes und ein großer Teil der Nama, die sich dem Aufstand angeschlossen hatten, dieser Vernichtungsstrategie zum Opfer gefallen sind.
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Herero nach dem Aufstand
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Anlässlich des 100. Jahrestages der Schlacht wurden diese Fakten der Vergessenheit entrissen. Jetzt hat sich das Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum mit dem Echo befasst, das die Niederschlagung des Herero-Aufstandes in Memoiren und Romanen hervorgerufen hat – die Kämpfe waren bis 1945 ein beliebtes Thema der "schönen" Literatur, einschließlich Schul- und Jugendbuch. Das Ergebnis hat die Forscher überrascht: Der Völkermord wurde keineswegs verschwiegen oder geleugnet oder beschönigt, vielmehr ausdrücklich gerechtfertigt.
"Es war ein blutiger Tag, der am Waterberg; er entschied aber endlich über das Los der stolzen Herero. Was nicht in der Schlacht fiel, das trieben wir in die Durststrecken hinein. Verschwindend wenige sind entkommen. Ein grausiges Ende!" So
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Erinnerungsbuch von der "Front" (Generalleutnant Freiherr v. Dincklage-Campe)
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die lapidare Schilderung der Kinder- und Jugendbuchautorin Henny Koch in ihrer Erzählung "Die Vollrads in Südwest". Ein 14-jähriges Mädchen darf mit "zitternder Stimme" fragen: "Hatten wir dazu ein Recht?" Die Antwort ihres Vaters: "Das Recht, das schon gilt, solange die Welt steht, und erst mit ihr vergehen wird: Das Recht des Tüchtigeren und Fleißigeren. Wie ein roter Faden zieht es sich durch die ganze Natur."
Völkermord als Hebel des kulturellen Fortschritts ... Bei Gustav Frenssen wird es noch deutlicher ausgesprochen: "Diese Schwarzen haben vor Gott und den Menschen den Tod verdient, nicht weil sie die zweihundert Farmer ermordet haben und gegen uns aufgestanden sind, sondern weil sie keine Häuser gebaut und keine Brunnen gegraben haben ... Gott hat uns hier siegen lassen, weil wir die Edleren und Vorwärtsstrebenden sind ... Den Tüchtigeren, den Frischeren gehört die Welt. Das ist Gottes Gerechtigkeit."
Medardus Brehl und Mihran Dabag, Mitarbeiter am Bochumer Institut, weisen darauf hin, dass solche Gedanken sich nicht erst verbreitet haben, seit Darwins Theorie der biologischen Selektion sozialphilosophisch umgedeutet wurde. Letztlich
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Der Sieger: Generalleutnant Lothar von Trotha
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gehen die Argumentationsmuster auf die Geschichtsphilosophie der Aufklärung zurück. Afrika sei "das Geschichtslose und Unaufgeschlossene, das noch ganz im natürlichen Geiste befangen ist", schreibt Hegel in seiner Geschichtsphilosophie, "der Neger stellt den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar ...es ist nichts an das Menschliche Anklingende in diesem Charakter zu finden."
Mit Hegels Aussage, dass die Weltgeschichte als Verwirklichung der Freiheit nicht zugleich der Boden des individuellen Glücks sein könne, war auch eine Rechtfertigung für die Kosten des Fortschritts vorformuliert. "Die Hereros haben sich zu unterwerfen, oder sie werden ausgerottet, etwas anderes ist nicht denkbar", stellt Friedrich Meister in "Nimm dich in acht, Herero!" die Alternative. In Maximilian Bayers Roman "Okowi – ein Hererospion?" wird die neue, zivilisierte Welt nach Vernichtung der Ureinwohner wortreich beschrieben: "Wir Deutschen sind jetzt Herren im Lande. Wir werden die Dornensteppe in ein fruchtbares Gebiet verwandeln und im toten Sandfeld Wasser finden ... Frieden soll im Lande werden, das seit Urzeiten durch Kriege und Kämpfe verwüstet und entvölkert wurde."
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Herr mit Diener: der Pro- pagandist der Kolonial- herrschaft, Carl Peters
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Das Eigene und das Fremde, Weiß und Schwarz, Zivilisation und Wildnis – das Weltbild, das den Völkermord legitimierte, war sehr übersichtlich auf ein einfaches Gegensatzpaar aufgebaut. Inwieweit mit diesem Genozid des wilhelminischen Kaiserreichs dem noch weit umfangreicheren Holocaust im Nationalsozialismus der Weg bereitet wurde, bedarf wohl noch weiterer Forschungen. Sicher ist jedenfalls, dass der Kolonialismus den Zeitgenossen als logische Fortsetzung der deutschen Einheitskriege von 1866 und 1870/71 erschien. Carl Peters, einer der führenden deutschen Kolonialpropagandisten, schrieb bereits zwei Jahrzehnte vor dem Herero-Aufstand: "Es war nur natürlich, dass das deutsche Volk, nachdem es seine europäische Machtstellung auf den Schlachtfeldern von Königgrätz und Sedan emporgerichtet hatte, sofort das Bedürfnis empfand, nunmehr auch der elenden und zum Teil geradezu verächtlichen Stellung unserer Nation jenseits der Weltmeere ein Ende zu machen."
Mehr im Internet: Hereros Die Schlacht am Waterberg scienzz artikel Deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts scienzz artikel Kolonialismus
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation
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