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02.08.2005 - VORSOKRATIKER

Textvariante aus dem Wüstensand

Ein ägyptischer Papyrus wirft neues Licht auf die frühe griechische Philosophie

von Josef Tutsch

 
 

Manchmal kommt es auf den Buchstaben an. Im 4. Jahrhundert hat die christliche Kirche sich bekanntlich über der Frage gespalten, ob Christus mit Gottvater wesensgleich oder bloß wesensähnlich wäre, im Griechischen: "homousios" oder "homoiusios". Ganz so dramatisch sind die Verse, die der Münchner Gräzist Oliver Primavesi auf einem Papyrus aus der ägyptischen Wüste jetzt ausgewertet hat, wohl nicht; aber die neue Lesart aus dem Werk des Philosophen Empedokles könnte Aufschluss geben über ein Rätsel, an dem sich die Philosophiehistoriker seit zweieinhalb Jahrtausenden abarbeiten. In den Worten von Wilhelm Capelle, geschrieben vor sieben Jahrzehnten: "die merkwürdige Tatsache, dass neben dem Physiker Empedokles der Mystiker steht."

Es geht wieder um einen einzigen Buchstaben. Bisher war Empedokles’ Theorie dem Publikum in folgender Fassung bekannt (nach der Übersetzung von Hermann Diels): "Dieser beständige Tauschwechsel hört nimmer auf: bald vereinigt sich alles durch Liebe zu Einem, bald auch trennen sich wieder die einzelnen Stoffe im Hasse des Streites." "Alles", das sind die vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer, aus deren Verbindung Empedokles auch die Lebewesen – Pflanzen, Tiere und Menschen – erklärt. Das zentrale Wort in der ersten Satzhälfte heißt auf griechisch "synerchómena". Das ist ein

 Empedokles-Text aus dem Straß-
 burger Papyrus: das Ny über
 dem Theta 
Partizip und wäre wiederzugeben mit "als zusammenkommende". In dem ägyptischen Papyrus hat Primavesi einen einzigen Buchstaben anders gefunden, statt des Ny ein Theta, also "synerchómetha", und das bedeutet "wir kommen zusammen". Primavesi übersetzt: "Bald kommen wir in Liebe zusammen zu einer harmonischen Einheit."

Wer ist "wir"? Primavesi kommt in seinem Forschungsprojekt, das von der Thyssen-Stiftung finanziert wird, zu dem Schluss, dass von Menschen, Tieren und Pflanzen die Rede ist, allesamt Fragmente des Göttlichen. Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass diese neue Lesart durchaus auch dem Altmeister der Vorsokratiker-Forschung, Hermann Diels, hätte vorliegen können. Im November 1904 hatte Otto Rubensohn in Oberägypten im Auftrag deutscher Museen und Bibliotheken Reste einer Papyrusrolle erstanden, die – im Bestattungswesen als Totenkragen verwendet – im heißen, trockenen Klima überdauert hatten. Mit dem Vermerk "meist farblose Worte, aber drei Versanfänge" gelangten die Stücke nach Berlin, wo Diels lehrte. "Hätte er seinerzeit den Papyrus selbst gesichtet, wäre die Geschichte sicherlich anders verlaufen", meint Primavesi. "Diels hätte erkannt, dass die Verse von Empedokles sind."

Tempel in Akragas, der Heimatstadt des
Philosophen

Statt dessen wurden die Fragmente als zweit- oder drittrangig erachtet und der Universität Straßburg, damals im deutschen "Reichsland" Elsass-Lothringen gelegen, zugeteilt. Erst 1990 erkannte der belgische Epigraphiker Alain Martin, dass sich in der Masse von Alltagstexten – Rechnungen, Verträgen usw. – drei Bruchstücke des sizilischen Philosophen Empokles (etwa 495 bis 435 vor Christus) befanden, aus dem Lehrgedicht "Über die Natur". Bisher war dieses Werk im Wesentlichen aus Referaten bei anderen antiken Schriftstellern bekannt, angefangen bei Platon und Aristoteles


Dass Empedokles seine physikalische Theorie in Versform vorgetragen hat, hielt bereits Aristoteles gut ein Jahrhundert später für verfehlt: "Homer und Empedokles haben außer dem Vers nichts Gemeinsames; daher wäre es richtig, den einen als Dichter zu bezeichnen, den anderen aber eher als Naturforscher denn als Dichter." Die folgenden Jahrhunderte stießen sich mehr an dem scheinbar unvermittelten Nebeneinander verschiedener Inhalte. Capelle: Neben den Äußerungen des Naturphilosophen muten uns die des

   Münze aus Akragas
Mystikers "wie ein Gebilde aus einer anderen Welt an, denn hier handelt es sich überhaupt nicht um Probleme der Wissenschaft, sondern um die – fast möchte man sagen – fanatische, jedenfalls aber schlechthin enthusiastische Verkündung von Lehren eines bestimmten Glauben."

Für Empedokles gehörte beides jedoch zusammen: die Theorie von den vier Elementen, die auch für Aristoteles – und damit indirekt für die gesamte abendländische Physik – die Grundlage lieferte, und die Predigt von der Wiedergeburt. Alle Lebewesen werden als Fragmente des Göttlichen angesehen, die aus eigener Schuld in einem gottfernen Exil leben und viele leidvolle Inkarnationen als Pflanzen, Tiere und Menschen durchlaufen müssen, bevor sie gereinigt an die Tafel der Götter zurückkehren können. Der Philosoph stellte sich den Weltprozess als einen Pendelrhythmus vor: Im Zeichen der "Liebe" wäre die Gesamtmasse der vier Elemente zu einem einzigen, kugelförmigen Lebewesen vereint, auf dem Höhepunkt der "Streitherrschaft" wären die Massen voneinander geschieden und konzentrisch geschichtet: Erdkugel, Wasser- und Lufthülle, schließlich das Feuer. Dazwischen jeweils lange Übergangsphasen, in denen die Liebe diese Elemente zu Lebewesen verbindet, die der Streit dann wieder zerstört.

Empedokles lehnt sich aus dem
Fenster, um den Weltuntergang
zu betrachten (Fresko von Luca
Signorelli, um 1500)
Das "wir", das in dem Straßburger Papyrus zu lesen ist, stellt den Zusammenhang her zwischen einer Lehre von Schuld, Sühne und Erlösung einerseits, dem kosmischen (von unserem heutigen Standpunkt her würden wir vielleicht sagen: bloß physikalischen) Wechselspiel der Elemente andererseits: "Bald kommen wir in Liebe zusammen zu einer harmonischen Einheit ..." Bereits für Aristoteles war solche Theologie als Physik (oder Physik als Theologie) kaum noch nachzuvollziehen. Die "erste Philosophie" habe "einem lallenden Kinde" geglichen, schreibt er in der "Metaphysik", will aber dennoch "auch diejenigen zu Rate ziehen, welche vor uns das Seiende erforscht und über die Wahrheit philosophiert haben". Mag sein, dass die Philosophiegeschichte sich anders entwickelt hätte, wenn die Bücher der Vorsokratiker, zum Beispiel Empedokles, nicht verloren gegangen wären ... Übrigens muss der Schreiber jenes Papyrus aus Oberägypten auch die andere Textvariante gekannt haben. In seiner Kopie hat er sozusagen eine kritische Ausgabe hergestellt: Über dem Theta ist zusätzlich ein Ny vermerkt.


Mehr im Internet:

Das Geheimnis des Empedokles
LMU München

scienzz artikel Philosophie der Antike

 

 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.


 

 


 

 

 

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