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16. 07. 2004 - THRAKER-AUSSTELLUNG
Goldschätze einer verschollenen Kultur
Ab 23. Juli in Bonn:
Antike Grabungsfunde aus bulgarischen Museen
von Josef Tutsch
 | | | | | Der griechische Geschichtsschreiber Herodot hatte Respekt vor den Thrakern. Ihr Volk sei „nach dem indischen das größte der Erde. Wäre es einig und hätte nur einen Herrscher, so wäre es unbesiegbar und meiner Meinung nach bei weitem das mächtigste Volk, das es gibt.“ Aber von manchem, was er da, mehr oder weniger verlässlich, gehört hatte, war er doch recht befremdet: „Um das neugeborene Kind setzen sich die Verwandten herum und klagen, weil es so viele Leiden in seinem Leben werde erdulden müssen. Die Toten dagegen begraben sie unter Lachen und Scherzen, weil sie allen Übels entronnen seien und jetzt in Freude und Seligkeit lebten.“
Kamen vielleicht die Mysterienkulte, die sich gerade zu Herodots Zeiten in Griechenland verbreiteten, aus Thrakien? Jedenfalls behaupteten viele Griechen, dass manche ihrer Götter und Helden in Thrakien ihre Heimat hätten: Orpheus, der Erfinder der Musik, und Dionysos, der Gott des Weins und des Rausches – beide standen im Mittelpunkt religiöser Kulte oder philosophischer Lehren, die den heiteren Himmel der homerischen Mythologie längst mit jenseitigen Farbzügen verdüstert hatten.
Und dann auch Ares, der Gott des Krieges. „Das ehrenvollste Leben ist das Kriegs- und Räuberleben“, hat Herodot sagen hören. Kein Wunder, dass „Thraker“ in der Spätantike zu einer Art Berufsbezeichnung wurde: der Gladiator, der speziell mit Helm, Beinschienen, kleinem rundem Schild und kurzem gebogenen Schwert bewaffnet war. Besonders anstößig muss Herodot vorgekommen sein, was über die Frauen verlautete. „Ihre Jungfrauen hüten sie nicht, sondern sie können verkehren, mit wem sie wollen.“ Bei einigen Stämmen habe jeder Mann „viele Weiber. Stirbt nun einer, so entsteht ein heftiger Streit unter den Weibern, welche am meisten von ihrem Manne geliebt worden sei. Ist der Streit entschieden, so wird die Auserwählte unter Lob und Preis der Männer und Frauen durch ihre nächsten Verwandten auf dem Grabe geschlachtet und dann mit dem Manne zusammen begraben.“
Wie so oft bei diesem frühesten aller abendländischen Geschichtsschreiber werden sich hier Wahrheit und Gerücht unlösbar vermischt haben. Viel mehr war es aber auch nicht, was die historisch interessierte Öffentlichkeit fast 2.400 Jahre lang über die alten Thraker wusste oder zu wissen glaubte: ein verschollenes Volk am Rande Europas – ohne große Monumente, wie sie Griechen und Römer in so reicher Anzahl hinterlassen haben.
Das änderte sich erst nach dem 2. Weltkrieg, als Bulgarien daranging, seine Geschichte und Vorgeschichte archäologisch aufzuarbeiten. Ein Unternehmen, das keineswegs nur der historischen Erkenntnis diente: Der junge Staat, der erst 1908 seine Unabhängigkeit von der türkischen Herrschaft gewonnen hatte, suchte seine nationale Identität, und da waren, neben dem bulgarischen Reich des Mittelalters, die alten Thraker ein geeigneter Anknüpfungspunkt.
Was dann aus den Grabmälern der thrakischen Fürsten und Edlen ans Tageslicht trat, wäre selbst vom bloßen Materialwert her spektakulär zu nennen: Gold und Silber die Menge – in der Antike muss die Region zwischen Donau und Ägäis ein sehr einträgliches Handelszentrum gewesen sein. Und ein Kunsthandwerk von außerordentlicher Qualität – Gefäße und Waffen, die sich mit den griechischen Produkten der Zeit voll und ganz messen können, Wandmalereien, wie sie in diesem Erhaltungsgrad am ehesten aus Pompei bekannt sind. Vor diesen Ausgrabungen hatte Europa von solchen Schätzen allenfalls auf literarischem Wege eine schwache Ahnung: In der „Ilias“ erzählt Homer von einer wundervollen Vase, die der Thrakerfürst Rhesos dem trojanischen König Priamos als Geschenk mitbringt.
Etwa 1.000 solcher Stücke aus bulgarischen Museen werden nun ab 23. Juli in der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn zu sehen sein – Zeugnisse einer vergessenen Kultur, die uns lehren können, dass die Antike vielfältiger war, als wir es auf der Schule mitbekommen haben. Im Mittelpunkt stehen die Ausgrabungen der letzten Jahre, darunter Stücke aus der Kultanlage von Starosel (5. oder 4. Jahrhundert vor Christus) und Wandmalereien des 4. Jahrhunderts vor Christus aus dem Hügelgrab von Alexandrovo, die zum ersten Mal der internationalen Öffentlichkeit vorgestellt werden.
„Die Thraker – das goldene Reich des Orpheus“, 23. Juli bis 28. November 2004 in der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn (Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn, www.bundeskunsthalle.de. Ein Ausstellungskatalog erscheint im Verlag Philipp Zabern.
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation. |
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