Berlin, den 20.01.2018 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

01.09.2005 - KOMÖDIE

Vom Wucherer zum Weisen

Eine Neuerscheinung über Geld und Markt in der Komödie -
von Shakespeare bis Lessing

von Josef Tutsch

 
 

Adam Smith, der Theoretiker der
unsichtbaren Hand

Geld regiert die Welt, diese Erkenntnis ist seit der Antike geläufig. Unter dem Stichwort "Marktwirtschaft" hat sich in der Neuzeit die Ansicht verbreitet, dass das nicht negativ sein muss. Adam Smith’ "unsichtbare Hand" bringt die Interpreten allerdings bis heute in Verlegenheit. Glaubte der Vater der modernen Volkswirtschaftslehre, eine empirische Erklärung dafür gefunden zu haben, wie sich der Eigennutz jedes einzelnen, ganz ohne eigenen Willen und eigenes Zutun, in Gemeinnutz umwandelt? Oder legte er seiner ökonomischen Theorie ein ethisches, womöglich theologisches Axiom zugrunde?

In diesem Punkt war das Mittelalter offenbar eine Zeit des Unglaubens:

 Jedermann, das Urbild irregulärer
 Geschäftspraktiken
Wenn etwa im Jedermannsspiel aus dem 15. Jahrhundert die Hauptfigur als Kaufmann gezeichnet ist, dann bloß, um in der Todesstunde irreguläre Geschäftspraktiken zu rekapitulieren. Irgendwann in der frühen Neuzeit änderte sich die Einstellung. Es galt nunmehr als unanstößig, den eigenen Vorteil zu verfolgen, irgendwie, wurde erwartet, werde sich auf diesem Wege indirekt ein Nutzen für alle herstellen.

Der Kölner Literaturwissenschaftler Daniel Fulda hat diese "Entstehung der Marktgesellschaft" im Spiegel der englischen, französischen und deutschen Komödie verfolgt. Die Parallelitäten zwischen Markt und Theater sind von vornherein offenkundig: Auch die Komödie setzt voraus, dass die Bühnenfiguren sich im Sinne überlieferter Lasterkataloge unordentlich verhalten und am Ende dennoch alles gut ausgeht. Und wie der möglichst effektive Gelderwerb sich in listigem Handeln vollzieht, ebenso wird die Komödie wesentlich von täuschenden Aktionen getragen. Fuldas Paradebeispiel könnte von dieser Perspektive her überraschen: Lessings "Nathan der Weise", gerade keine Komödie, vielmehr ein ernstes Schauspiel mit "gutem" Ausgang.

Dass es in diesem Stück um Geld geht, wird jedoch bereits an dem antijüdischen Ausfall des Tempelherrn gegen Nathan "den Reichen" sichtbar: "Seinem Volk ist reich und weise vielleicht das Nämliche." Der ehrliche jüdische Kaufmann und fürsorgliche Vater, stellt Fulda fest, ist ein Gegenentwurf zu zwei berühmten Reichen der europäischen Komödie: dem
 Lessings Nathan 
 der Weise - oder 
 der Reiche
unbarmherzigen Wucherer Shylock bei Shakespeare und dem geizigen Alten bei Molière. Das Stück reflektiert die spezifisch moderne Situation, dass die Frage nach der wahren Religion - nach dem "echten" Ring in der Parabel – nicht eindeutig zu beantworten ist, und empfiehlt: "Es strebe jeder von euch um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen!"

Lessings "Nathan" als poetisches Äquivalent zu Smith’ Wirtschaftstheorie? Da sieht Fulda sich doch zu Einschränkungen veranlasst. Erstens geht es im Drama – trotz der Kaufmannsrolle – um altruistisches Handeln und zweitens bewegt sich dieses "Providenzvertrauen" auf dem dünnen Eis der Fiktion, die unsichtbare Hand ist identifizierbar als die des Dichters. Demgegenüber fällt die Analyse zu Shakespeares "Kaufmann von Venedig" unzweifelhaft aus. Fulda sieht das Stück mit der Figur des jüdischen Wucherers Shylock noch vor der Schwelle zur modernen Wirtschaft im Zeichen des Marktmechanismus. Shylocks Wuchergeschäft wäre demnach als Gegenbild zur christlichen Gnade konzipiert. Fulda macht darauf aufmerksam, dass die anglikanische Kirche damals Wucherer zu exkommunizieren pflegte; wenn Shylock am Ende gezwungen ist, sich taufen zu lassen, dann rückt das die Welt wieder ins Lot.

 Shakespeares Wuchererfigur
 Shylock
Mit modernen Ideen von religiöser Selbstbestimmung darf man an das Stück also nicht herangehen. Und mit puritanisch-frühkapitalistischen Mentalitäten, wie sie Max Weber und Richard Tawney für das 17. Jahrhundert in England ausgemacht haben, wohl auch nicht. Damals wurde die absolute Unbeweisbarkeit göttlicher Erwählung über ihr irdisches Zeichen, den Geschäftserfolg, berechenbar – eine Paradoxie, von der Shakespeare nichts geahnt hat. Mit einer jüdischen Figur – wenngleich ohne Gehässigkeit gezeichnet – signalisiert auch Andreas Gyphius Komödie "Horriblicribrifax" einen prinzipiellen Vorbehalt gegen den Markt. In der Komödie bestätigt sich die historische Verspätung, die auch sonst für Deutschland festgestellt wurde: Der Kaufmann als wirtschaftendes Subjekt wurde bis mitten in die Aufklärung kaum je, und dann stets in distanzierender Absicht, auf die Bühne gestellt, allenfalls als Kupplerin oder als  jüdischer Trödler.

Gesucht wurde, so Fulda, ein Ausgleich zwischen den hergebrachten christlichen Prinzipien und den Anforderungen des zeitgenössischen Fürstenstaates – der Kapitalismus kam hierzulande sozusagen durch die höfische Hintertür. Eine herausragende Rolle des Fürsten lässt sich auch für Frankreich, genauer: für Molières "Geizigen", nachweisen. Harpagon wird nicht mehr christlich-theologisch verdammt, aber wirtschaftsethisch verurteilt und wirtschaftspolitisch geächtet, nämlich im Zeichen des Merkantilismus: Er verweigert sich der gewünschten, weil steuerträchtigen Wirtschaftstätigkeit.

 Molieres Geiziger, ein
 Wirtschaftsverweigerer
Einen entscheidenden Schritt zur "modernen" Wirtschaftsauffassung sieht Fulda in der "sächsischen Reformkomödie", wie Johann Christoph Gottsched sie seit den 1720er Jahren predigte. Der kluge Kaufmann, wird nunmehr argumentiert, verlasse sich "nächst Gott auf sich selber und lasse sich’s einen Ernst sein, seine Wohlfahrt zu befördern". Mit diesen Stücken wird für den Theaterbesucher wie für den Leser von heute unbekanntes Gelände erschlossen: Die Komödien der folgenden Jahrzehnte zeigen manchmal ein Vertrauen in die natürliche Ordnung der Dinge oder in einen gütigen Gott, der seine Gnade "vernünftig" – nach menschlichen Maßstäben vernünftig! – austeilt, das zweieinhalb Jahrhundert später wahrhaft erstaunlich wirken muss. "Die Vorsehung hat alle Güter in Händen. Sie hat gewiss einen Teil für dich zurückgelegt", wird in Gellerts "Los in der Lotterie" ein Mädchen getröstet, dem sein Los mit dem Hauptgewinn entwendet wurde.

 Resümée der Aufklärung:
 Schillers Antrittsvorlesung 
  1789
Man darf – über Fuldas literaturhistorische Analysen hinaus – vermuten, dass es dieser so hemmungslos naiv erscheinende Optimismus war, der die Komödie der frühen Aufklärung von der Bühne hat verschwinden lassen. Und an dieser Stelle findet auch Fuldas Parallelisierung von Komödienspiel und Wirtschaftsanalyse ihre Schranken: Mit soviel Vertrauen en gros und en detail wäre Adam Smith kaum zum klassischen Vordenker der Marktwirtschaft geworden. Die erste "klassische" Komödie in Deutschland,  Lessings "Minna von Barnhelm", hält sich von Übertreibungen fern. Dabei wird die Hoffnung, dass es allen Dingen bestimmt sei, "gut zu enden", dort ausgerechnet vom Betrüger Riccaut de la Marlinière ausgesprochen! Und das Spiel von Korruptionsverdacht und Rechtfertigung geht wirklich gut aus, ganz ohne Falschspielerei. Fulda verweist darauf, dass Lessing in der Schrift von der "Erziehung des Menschengeschlechts" seinen vorsichtigen Optimismus auf die Geschichtsphilosophie überträgt: "Das christliche Jenseits wird ins Diesseits verlagert und die Geschichte als Weg dorthin begriffen." Es hat wohl der Katastrophen des letzten Jahrhunderts bedurft, um uns diesen Fortschrittsoptimismus unglaubhaft zu machen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Daniel Fulda,
Schau-Spiele des Geldes. Die Komödie und die Entstehung der Marktgesellschaft von Shakespeare bis Lessing,
Max Niemeyer Verlag (ISBN 3-484-36602-8), Tübingen 2005, 138,- €

 

Mehr im Internet:
Dr. Daniel Fulda 
Geschichte der Komödie 
scienzz artikel Poesie des Lachens
scienzz artikel Gesellschaft in der Literatur

 





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 


 


 

 

Jack Daniels Whiskey


 


 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


forschung


politik


innovation


kultur


campus


kontakt