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06.10.2005 - KOLONIALISMUS

"Bahn frei für deutsche Kulturarbeit!"

Die Deutschen und das Altertum -
eine Beziehungsgeschichte aus wilhelminischer Zeit

von Josef Tutsch

 
 

Vor Wilhelmines bildungs-
bürgerlichem Zugriff blieb
Ägypten nicht bewahrt

"Nächst den Griechen hat kein Volk der Erde das, was es an Kraft besitzt, so zu einem Gemeingut der Menschheit gemacht wie die Deutschen." Mit diesen Worten formulierte der Altertumsforscher Ernst Curtius 1883 das Selbstbewusstsein einer Generation, die von humanistischer Bildung geprägt war und im wilhelminischen Machtstaat ihre Heimat sah. Typisch für das "Bildungsbürgertum" dieser Zeit dürfte aber vielmehr gewesen sein, was der Schriftsteller Julius Stinde in seinem Roman "Frau Buchholz im Orient" beschreibt: So richtig intim mit der Wissenschaft vom Altertum fühlt sich Wilhelmine Buchholz erst, als sie erfährt, dass sie auf dem Nilschiff dieselbe Kabine benutzen darf, wie zuvor die berühmten Herren Rudolf Virchow und Heinrich Schliemann. Ein ungemein sachliches Verhältnis zur Antike pflegte dagegen Reichskanzler Otto von Bismarck: Er strich den Ausgrabungen in Olympia die staatlichen Finanzen, sie würden "lediglich im Interesse der Wissenschaft unternommen“.

 Die ersten Ausgräber in Pergamon, 1879
Drei Splitter aus dem Sammelband "Mit Deutschland um die Welt", den die Germanisten Alexander Honold (Basel) und Klaus R. Scherpe (Berlin) letztes Jahr herausgegeben haben. Die Aufsätze bieten einen bunten Querschnitt durch die Epoche des deutschen Kolonialismus und eben auch einen Einblick in das Verhältnis der bismarckisch-wilhelminischen Zeit zum Altertum. Was für das junge preußisch-deutsche Reich ideell auf dem Spiel stand, verkündete am 25. Juni 1886 in etwas ungelenken Versen ein Herold in Berlin: "Barbaren bedrohten Reich und Land, der König schlug sie mit starker Hand, nun kehrt er heim, mit dem Siege geschmückt, zu opfern nahet dem Altar Held Attalos mit Heeresschar."

Attalos – das war ein König von Pergamon in Anatolien, der im 2. Jahrhundert vor Christus sein Reich vor den Galliern gerettet hatte. In Berlin vertrat ihn ein Professor der Friedrich-Wilhelms-Universität. Bei dem Mummenschanz auf dem Ausstellungsgelände am Lehrter Bahnhof wurde sein vierspänniger Triumphwagen von huldigenden Priesterinnen begleitet,
 Aufstellung des Pergamon-Altars in 
 Berlin seit 1930
Musikern mit Flöten und Pauken, gefangenen Königinnen auf Kamelen, Schafen, die im Original als Opfertiere hätten dienen müssen, usw. usf. Anlass der farbenfrohen Veranstaltung, die der Berliner Germanist Manuel Köppen in dem Sammelband geschildert hat: Wissen- schaftlern der Königlichen Museen war es gemeinsam mit einem deutschen Straßenbauunternehmer in der Türkei gelungen, den "Pergamon-Altar" nach der Reichshauptstadt Berlin zu holen.

Mit der Aufstellung in der Reichshauptstadt werde sinnfällig, dass Berlin unabweislich zu den "Mittelpunkten der zivilisierten Welt" gehöre, soll Alexander Conze, Direktor der Skulpturensammlung, gesagt haben. Eine Aussage, die nicht der Komik entbehrt: Das Zentrum des neuen Reichs wurde "mit Fragmenten archaischer Kultobjekte" besetzt, wie die Herausgeber Honold und Scherpe feststellen. Der Altarsockel wurde, recht  unpassend, mit der Kopie einer fast 300 Jahre älteren Tempelvorhalle aus Olympia überdacht. Gegenüber stand ein "ägyptischer Tempel", in dem Bilder des deutschen Kolonialengagements zu bestaunen waren.

Der Traum vom alten Olympia
Es ging tatsächlich um eine Form von Kolonialherrschaft, mindestens um die Behauptung zivilisatorischer Überlegenheit. Jener Straßenbauunternehmer, der die Grabungen in Pergamon initiierte, wurde zitiert, dass die Barbarei, mit der die Einheimischen die Marmorreste behandelten, "nicht eher enden werde, als bis die deutsche Flagge auf der Akropolis von Pergamon wehe". Geld für einen adäquaten Museumsbau in Berlin hatte Preußen dann übrigens nicht. Das neue Pergamon-Museum wurde erst 1930 fertiggestellt, die Aufstellung des Altars blieb umstritten. Man habe gezeigt, "dass Deutschland trotz seiner politischen Ohnmacht und seiner Verarmung noch immer an der Spitze der Kulturvölker marschiert", trumpfte eine Zeitung auf, eine andere sprach von einem "niederschmetternden Beispiel von Großmannssucht", eine dritte meinte gar, der Altar sein "in ein richtiges deutsches Völkerschlachtdenkmal umgewandelt" worden.

Karikatur auf die Bagdad-Bahn
Alexander Honold hat den Streit in der Berliner Regierung um die Finanzen für die archäologischen Arbeiten in Olympia daneben gesetzt. Erst auf persönliche Intervention von Kaiser Wilhelm I. zeigte sich Reichskanzler Bismarck bereit, Geld anzuweisen. Der Kanzler erwartete von dem Unternehmen keinen außenpolitischen Ertrag, der alte Kaiser dagegen erging sich – Jahre vor Pierre de Coubertins Wiederbelebung der Sportwettkämpfe! – ganz gerührt in Erinnerungen an das Entzücken "bei Erzählung der Olympischen Spiele in unserer Jugend". Die Ausgrabungen nicht zu Ende zu führen, "wäre Preußens unwürdig". In dieselbe Kerbe einer gemutmaßten Seelenverwandtschaft gerade der Deutschen zu Olympia hieben ganze Generationen von Altertumswissenschaftlern, zum Beispiel Ernst Curtius, bereits 1852: "Was dort in der dunklen Tiefe liegt, ist Leben von unserem Leben." Und 1874: "Die Deutschen haben das hellenische Altertum geistig am tiefsten durchdrungen ... Da findet sich keine lohnendere Aufgabe als eine methodische Aufdeckung von Olympia."

Rückhalt fand das Anliegen der Archäologen ausgerechnet durch einen Mann, der sich mit seinen reichlich forschen Grabungsmethoden bei der Fachwelt in Verruf gebracht hatte: Heinrich Schliemann. Gegenüber der erfolgreichen Schatzsuche in Troja und in Mykene musste sich Olympia allerdings als "bloß" wissenschaftliche Pflichtaufgabe ausnehmen.
Wilhelms II: Einzug in Jerusalem
Wie aus dem Artikel von Olivers Simons (Berlin) hervorgeht, fiel die Entscheidung für eine archäologische Kampagne in Babylon leichter, vor allem, weil emaillierte Ziegel von einem Schutthügel – vom Ischtar-Tor, stellte sich später heraus – neue Prunkstücke fürs Museum versprachen.

Die politische Führung des Reiches interessierte sich aber wohl mehr für die Gegenwart. Unter der Überschrift "Eroberungen mit der Bahn" analysiert Honold die ökonomischen Interessen, die durch das Kulturbewusstsein drapiert wurden. Vermutlich war es aber nur halb und halb Ironie, wenn die "Lustigen Blätter" den Bankier Georg von Siemens als Bahnwärter der Bagdadbahn zeigten, Unterschrift: "Bahn frei für deutsche Kulturarbeit im Orient!" Ein weitgehend unbekanntes Kapitel deutschen Kulturexports blättert
In den Ruinen von Babylon
Honold in seinem Beitrag zur Palästinareise Wilhelms II. im Jahr 1898 auf. Der Zionistenführer Theodor Herzl bemühte sich, den Kaiser zur Übernahme eines Protektorats für die Ansiedlung europäischer Juden in Palästina zu bewegen. Argument, um dem Kaiser das Projekt schmackhaft zu machen: "dass mit den Juden ein deutsches Kulturelement in den Orient käme".

Majestät sagte zu, sich gegenüber dem Sultan für die zionistische Sache zu verwenden, wurde aber vom Außenminister bald wieder auf den Boden der Realpolitik zurückgeholt. Der kaiserliche Einzug in Jerusalem muss eine halb blasphemische Komödie gewesen sein. Die vielen Bettler hatte man auf die Dörfer hinausbefördert, am Straßenrand winkten die Zuschauer mit Palmwedeln. Immerhin saß der Herrscher nicht auf einer Eselin, sondern zu Pferde. "Zu beiden Seiten der Straße standen zahllose Menschen aller Nationalitäten, Fellachen, Beduinen, Juden, Türken, Europäer, und begrüßten das Kaiserpaar mit unaufhörlichem Jubelgeschrei", begeisterte sich ein Pastor aus Wilhelms Umgebung.

Kultusminister Robert Bosse zog später in seinen Erinnerungen die welthistorische Linie: "Von Jerusalem kam der Welt das Licht, in dessen Glanz unser deutsches Volk groß und herrlich geworden ist. Was die germanischen Völker geworden sind, das sind sie geworden unter dem Panier des Kreuzes auf Golgatha, des Wahrzeichens der selbstaufopfernden
 Erinnerungen aus der 
 deutschen "Kulturarbeit" 
Nächstenliebe." Kein Wunder, dass auch Julius Stindes Romanfigur Frau Buchholz den Aktionsraum entdeckt hat, wo Deutschland aktuell seinen Altruismus ausübte: "Namentlich interessiert mich das Kolonial-Politische, ganz besonders Afrika, welches sehr in Mode ist", lässt der Autor seine Wilhelmine schwadronieren.

Ehemann Karl hat an den fernen Landstrichen sehr handfeste Interessen: Er sucht neue Absatzmärkte für seine Strumpf- und Wollwaren. Dagegen darf sich Wilhelmine, den Baedeker immer in der Hand, bildungsbeflissen geben, trotz aller Schwierigkeiten mit dem fremden Stoff: "Den Ni-hi-a-i behalte ich überhaupt nur solange, als ich ihn buchstabiere", stöhnt sie bei einem der vielen Namen. Ausgerechnet im Angesicht der jahrtausendealten Königsgräber von Theben kommt dann die Nachricht vom Tod Kaiser Wilhelms I. "Ich will nach Berlin, ich halte es hier nicht aus", ruft Frau Buchholz spontan. Nana Badenberg weist darauf hin, dass Stinde, als er in Ägypten die Eindrücke für seinen Roman sammelte, vermutlich in derselben Gruppe reise wie Schliemann und Virchow. Ob sich dem Anthropologen, der im April 1888, wenige Wochen nach Wilhelms Tod, die Mumie Ramses II. vermaß, Geschichte und Gegenwart ähnlich gefühlvoll vermischten wie der Buchholzen?


Auf dem Büchermarkt:
Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit, herausgegeben von Alexander Honold und Klaus R. Scherpe, Verlag J. B. Metzler (ISBN 3-476-02045-2) 2004, 59,95 € 


Mehr im Internet:
Rezension des Bandes "Mit Deutschland um die Welt" 
scienzz artikel Kolonialismus
scienzz artikel Umgang mit Geschichte


 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

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