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27.09.2005 - SINOLOGIE

Meditation vor großen Schriftzeichen

Heidelberger Ostasien-Wissenschaftler erforschen buddhistische Felseninschriften in China

von Josef Tutsch

 
 

Abreibung einer der Inschriften am
Hongdingshan: Tusche auf Papier
(Abbildung: Universität Heidelberg)

Die Dogmatik der frühen buddhistischen Schriften ist eindeutig. Frauen können zwar – unter der Vormundschaft von Mönchen – in einem Nonnenorden ein frommes Leben führen, aber selbst die Erleuchtung eines Buddha zu erlangen, bleibt ihnen verwehrt. Den Geburtenkreislauf zu durchbrechen, ist nur Männern möglich.

Um so größer war die Überraschung, als sich letztes Jahr eine Gruppe von Heidelberger Sinologen und Kunsthistorikern gemeinsam mit chinesischen Kollegen daran machte, die Felsinschriften an den Hängen des Berges Hongdingshan östlich vom Dongping-See auszuwerten. Ein Schäfer hatte sie in dem abgelegenen Tal zufällig entdeckt. In riesigen Schriftzeichen, zum Teil mehr als vier Meter breit, sind Buddha-Namen zu lesen – die Religion kennt ja viele Erlöserfiguren, jeweils einen für die zahllosen Welten und Weltzeitalter. Und einer dieser Namen ist der einer Frau – theologisch unmöglich, aber offenbar hält sich die lebendige Religiosität nicht immer an die Vorgaben der Dogmatiker.

"Buddha, König der Leere" in
mehr als zehn Meter großen
Schriftzeichen
Die Inschriften stammen aus dem 6. Jahr- hundert nach Christus. Der Buddhismus, ein halbes Jahrtausend zuvor aus Indien importiert, hatte in China viele Anhänger gefunden, wurde aber von Vertretern der einheimischen konfuzianischen Lehre mit Misstrauen betrachtet. Vor allem das Mönchtum widersprach der hergebrachten chinesischen Familienideologie. Nachdem das Reich im 3. Jahrhundert zerfallen war, geriet der Buddhismus zwischen die Fronten der rivalisierenden Dynastien. So hofften etwa die Qi-Kaiser im Nordosten, die volkstümliche Religion zur Einigung des Reiches nutzen zu können. Ihre Konkurrenten, die Zhou im Nordwesten, sahen in der fremden Lehre vielmehr ein Hindernis. Vor allem Kaiser Wu in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts machte sich als Buddhistenverfolger einen Namen.

Monumentale Felsinschriften, erklärt Prof. Lothar Ledderose vom Kunsthistorischen Institut der Universität Heidelberg, waren eine Strategie, zu der die buddhistischen Mönche damals ihre Zuflucht nahmen: Diese Art, China in ein Reich des Buddha zu verwandeln, würde die Verfolgungen überdauern. Neben den Buddha-Namen finden sich, in kleineren Schriftzeichen, weniger als einen halben Meter hoch, Zitate aus den heiligen Schriften. Ledderose vermutet, dass die Mönche vor den Texten über die "vollkommene Weisheit", jenseits von Denken und Handeln, meditierten.

Eine der Inschriften enthält
eine Datierung: 564 n. Chr.
Auf einem Berg südlich vom Hongdingshan, dem Gangshan, ist sogar ein längerer Text in die Felsen eingemeißelt. Während der Gläubige hinaufschreitet, liest er die Beschreibung vom Wege des Buddha und findet sich dann oben, in einer Art von natürlichem Amphitheater, in die Gemeinschaft der Heilsgestalten aufgenommen. Damit bildet der Gangshan eine Parallele zum berühmten Borobodur-Tempel auf Java, wo die Prozession kilometerlang an Legendenreliefs und Buddhastatuen entlang zu reinen Symbolzeichen führt. An die Stelle der Bilder treten im Fall des chinesischen Berges abstrakte Schriftzeichen.

Um die Passagen im Kanon der heiligen Schriften identifizieren zu können, bedienen sich die Forscher moderner Technik: Zum Reisegepäck gehört eine Diskette mit den einschlägigen Texten. Das gibt die Möglichkeit, die Zitate selbst dann wiederzufinden, wenn wegen der Verwitterung nur ein Bruchteil noch lesbar ist: Einige wenige Worte genügen. Schwieriger steht es bei einer dritten Textgruppe, Erzählungen vor allem zur Lokalgeschichte, in denen die Mönche von ihrer Arbeit berichten. Die Schriftzeichen sind viel kleiner und weniger tief eingemeißelt, darum auch stärker verwittert. Parallelen im Kanon gibt es nicht. Gerade hier sind also neue Erkenntnisse zu erwarten. So wird ein indischer Missionar namens Fahong erwähnt, der in den bekannten historischen Quellen nicht auftaucht.

Buddha-Statue in Yun-Kang, 5. Jhdt
Durch Abreibung mit Tusche und Papier sowie Übertragung in den Computer werden die Texte nun auch in Deutschland für die Forschung verfügbar. Zur Zeit erstellen Spezialisten an der Fachhochschule in Karlsruhe unter der Leitung von Prof. Günter Hell ein virtuelles Modell des ganzen Tals von Hongdingshan. "Das Modell erlaubt es, die Inschriften aus jedem Winkel dreidimensional zu betrachten", schwärmt Ledderose. "Man wird alle Maße abfragen können, von der Größe der einzelnen Zeichen, dem Abstand der Inschriftenfelder untereinander bis hin zu ihrer Entfernung über das Tal hinweg."

Die Bedrohungen, die den Anlass für die Felsinschriften gegeben hatten, gingen übrigens bald wieder zu Ende. 579 soll Kaiser Wu an einem bösen Aussatz gestorben sein – eine bemerkenswerte Parallele zu den Todesqualen, die frühe Christen von ihren Verfolgern im Römischen Reich erzählten. Wus Nachfolger nahm die schärfsten antibuddhistischen Maßnahmen zurück, ein Jahr später wurden die Zhou von der probuddhistischen Sui-Dynastie besiegt. Der neue Kaiser erließ ein Edikt, das jedermann verpflichtete, dem buddhistischen Orden eine kleine Münze zu spenden. Auf eine vergleichbare Geste gegenüber ihren heidnischen Vorgängern sind die christlichen Kaiser Roms nicht verfallen: Die Spende sollte dazu dienen, die Qualen des Buddhistenverfolgerns Wu in der Hölle zu lindern.


Mehr im Internet:
Felsinschriften für die Ewigkeit   
Balzan-Preis für Ledderose, scienzz 20.09.2005  
scienzz artikel Religionsgeschichte

 


 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

 

 

 

 

 

 

 


 

               

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