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15.08.2005 - WELTJUGENDTAG

Die Deutschen und der Papst

Die Stellvertreter Christi nördlich der Alpen -
und Mitteleuropäer auf dem Stuhle Petri

von Josef Tutsch

 
 

Leo IX. ,Papst aus dem deutschen Sprach-
raum, zuvor Bischof Brun von Toul, Graf
von Egisheim-Dagsburg

"Wir sind Papst!" titelte vor Monaten eine Boulevardzeitung. Reichlich komisch, wenn man sich vergegenwärtigt, dass mit der Reformation vor fast 500 Jahren ein großer Teil Deutschlands alles getan hat, um nicht Papst werden zu können ... Martin Luther pflegte den Bischof von Rom schlankweg als "Antichristen" und "Apostel des Teufels" zu beschimpfen. Wir blicken anlässlich des Besuchs von Benedikt XVI. in Köln zurück auf die Tradition päpstlicher Reisen in Mitteleuropa sowie auf Mitteleuropäer, die vor Benedikt auf dem Stuhl Petri gesessen hatten.

6. Januar 754 in einem Dorf an der Marne. Pabst Stephan III. erschien mit seinem Gefolge "im härenen Gewand" und das Haupt mit Asche bestreut. Vor dem Frankenkönig fiel er nieder und flehte darum, ihn vor den Gewalttätigkeiten des Langobardenherrschers zu schützen. König Pippin reichte dem Papst die Hand zum Zeichen seines Schutzes und half ihm vom Boden.

 2005: Bild begrüsst Benedikt XVI.

Es war das erste Mal, dass ein Papst die Alpen überquerte. Die sinnbildliche Demütigung war, welthistorisch betrachtet, ein Erfolg. Die Franken zogen gegen die Langobarden zu Felde und "schenkten" dem Papst die Herrschaft über Rom und das Umland – der Anfang des Kirchenstaates und des heutigen Vatikanstaates. Vom Kaiser im fernen Ostrom oder Konstantinopel wurde gar nicht mehr gesprochen.

Der Vorgang wiederholte sich 799. In Paderborn bat Papst Leo III. König Karl um Hilfe, nachdem er durch einen Aufstand aus Rom vertrieben worden war. Gut ein Jahr später, zu Weihnachten 800, fand das Bündnis sein dauerhaftes Symbol: Der Nachfolger Petri krönte den Frankenkönig zum Kaiser und warf sich vor ihm zu Boden. Wenn der Biograph Einhard berichtet, Karl wäre überrumpelt worden, ist das wohl so zu verstehen, dass dem Frankenkönig die hintergründige Symbolik der Zeremonie dämmerte. Es war, bei aller politischen Ohnmacht, der Papst, der die Kaiserkrone verliehen hatte.

 Leo III. krönt Karl den Großen zum Kaiser

Fast ein Jahrtausend später, 1782. Wieder zieht ein Papst über die Alpen. Diesmal bleibt ein Kniefall aus, aber auch jeder Erfolg. Pius VI. gelang es nicht, Kaiser Joseph II. von der Reformpolitik in seinen österreichischen Erbländern abzubringen: Aufhebung vieler Klöster zugunsten von Schulen und Krankenhäusern, Kürzung der kirchlichen Feiertage und Verbot von Wallfahrten und Prozessionen – alles im Sinne eines aufgeklärten Wohlfahrtsstaates.

Als Pius VI. unverrichteter Dinge aus Wien abreise, konnte er nicht ahnen, dass seinem Nachfolger eine weit schlimmere Schmach bevorstand. 1804 beorderte Bonaparte Pius VII. nach Paris, um seiner Krönung zum Kaiser der Franzosen zu assistieren. Der Papst durfte dem siegreichen General das Haupt salben und den Hochruf ausbringen, die Krone setzte sich Napoleon selbst aufs Haupt. Eine vergleichbare Änderung des Zeremoniells war Karl dem Großen anscheinend erst zur Krönung seines Sohnes eingefallen.

 Canossa: Heinrich IV. vor Gregor VII

Nachdem das Königreich Italien 1870 den Kirchenstaat annektiert hatte, betrachteten sich die Päpste als Gefangene im Vatikan, erst Paul VI. nahm die Tradition großer Reisen wieder auf. Aber auch in der Zeit zwischen Karl dem Großen und Napoleon waren päpstliche Fahrten nach West- oder Mitteleuropa selten, abgesehen von den Jahrzehnten, wo der gesamte päpstliche Hof seinen Sitz in Avignon nahm, im Einflussbereich der französischen Könige. Im hohen Mittelalter stiegen auch Deutsche gelegentlich auf den Stuhl Petri, die deutschen Könige setzten gern ihre Vertrauten dort ein, am bekanntesten 1049 Bischof Brun von Toul, ein Verwandter Heinrichs III. Als Leo IX., wie sich Brun nach seiner Wahl nannte, nach Reims und nach Mainz fuhr, war von einem Hilferuf nicht die Rede. Der Papst warb für seine Kirchenreform: Erstmals versuchte der Heilige Stuhl, den Einfluss hochgestellter Laien auf die Besetzung von Kirchenämtern auszuschließen.

 Kaiser Joseph II empfängt Papst Pius VI.
 in Neunkirchen bei Wien, 1782

Über dieser Frage zerbrach am Ende das Bündnis zwischen Kirche und Königen, wie es sich seit Pippin entwickelt hatte. Den symbolischen Höhepunkt des "Investiturstreits" erlebte die Burg Canossa am Nordabhang des Apennin im Januar 1077. Diesmal musste der König sich demütigen: Drei Tage lang erschien Heinrich IV. im Büßergewand vor dem päpstlichen Fenster und bat Gregor VII. um Lösung vom Bann. Das Kirchenoberhaupt war in seiner Barmherzigkeit als Seelsorger angesprochen und gab der Bitte – zähneknirschend, darf man vermuten – nach.

Letzter Papst aus dem deutschen Sprachraum vor der Gegenwart war 1522-1523 Hadrian VI., Kardinal aus Utrecht. Das kurze Pontifikat blieb auch im Sinne Kaiser Karls V., der seinen alten Lehrer durchgesetzt hatte, ohne Folgen. Im Mai 1527 plünderten deutsche Truppen die Heilige Stadt. Die Zerstörungswut wird bei vielen der Landsknechte des katholischen Kaisers auch religiös motiviert gewesen sein. Es war kaum sechseinhalb Jahre her, dass Luther die päpstliche Bulle mit der Bannandrohung in Wittenberg feierlich verbrannt hatte.

 Deutsche Landsknechte stürmen die 
 Engelsburg in Rom 1527

Wie meistens in der Kulturge- schichte ging es nicht bloß um Ideen. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts hat es keinen Reichstag gegeben, auf dem nicht die "Gravamina" eine zentrale Rolle spielten, übersetzt: die "Beschwernisse" der deutschen Nation gegen römische Eingriffe in die Stellenbesetzung der deutschen Kirche, die Willkür der päpstlichen Gerichtsbarkeit und vor allem die finanzielle Aussaugung. 1521 berichtete der Nuntius Hieronmyus Aleander, selbst jene Deutschen, denen Luther gleichgültig sei, stimmten wenigstens das Feldgeschrei an: "Tod dem römischen Hofe!"


Mehr im Internet:
DFG-Projekt XX Weltjugendtag 2005 in Köln 
Weltjugendtag 2005 in Köln 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

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