Berlin, den 22.08.2017 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

09.08.2005 - ANTIKER ALLTAG

Dialog über Graffiti

Aus dem Leben einer römischen Provinzmetropole

von Josef Tutsch

 
 

Antike Graffiti in Aphrodisias
(Foto: Universität Heidelberg)

"PROBATA" fanden die Ausgräber zwölfmal entlang der Außenwand des Rathauses mit roter Farbe geschrieben. Das griechische Wort bedeutet übersetzt "Schafe" und trug den Forschern viel Kopfzerbrechen ein. Hatte der Schreiber etwa mit der Bürokratie schlechte Erfahrungen gemacht?

Das Rathaus aus dem 2. Jahrhundert nach Christus steht in der Stadt Aphrodisias in Südwest-Anatolien. Wie die prachtvollen Ruinen heute noch andeuten, muss Aphrodisias im römisches Kaiserreich ein blühendes Wirtschafts- und Kulturzentrum gewesen sein. Die Grundlage schuf die Göttin, die der Stadt den Namen gegeben hatte: Aphrodite (oder römisch Venus) wurde von Caesar und Augustus als Stammmutter ihres Hauses verehrt. Zeugnisse der kaiserlichen Gunst sind an der Theaterwand eingemeißelt, so schreibt Augustus: "Diese eine Stadt habe ich von ganz Asien als meine eigene ausgewählt."

 Im Augustustempel (Sebasteion) ...
Bei Archäologen und Touristen genießt Aphrodisias aber noch aus einem anderen Grund Berühmtheit, nämlich wegen der privaten Aktivitäten, die sich auf Wänden und Säulen niedergeschlagen haben: Hunderte von "Graffiti", viele davon nicht bloß gemalt oder geritzt, sondern tief in den Stein eingemeißelt. Der Historiker Angelos Chaniotis von der Universität Heidelberg hat sich mit diesen Zeugnissen  befasst, die gerade in der Banalität ihrer Aussagen wertvoll sind. Sie zeugen von dem, was in anderen historischen Quellen zu kurz kommt, von den Sorgen und Gefühlen der einfachen Menschen.

Im Theater ...
Der Inhalt dieser Graffiti: vereinzelte Buchstaben, ganze Namen, politische Parolen und religiöse Symbole, Skizzen von Figuren, Gegenständen und Bauten, Liebeserklärungen und Gebete und – natürlich – allerlei Obszönitäten. Auch in einer spätantiken Stadt wurde eben gearbeitet und gefeiert, sich gestritten und sich verliebt. In einer Hinsicht waren die "Aphrodisier" aber offenbar ganz unrepräsentativ. Ein großer Teil der Bevölkerung arbeitete in den Bildhauerwerkstätten oder studierte in der berühmten Schule für Bildhauer und Steinmetze. Aphrodisias genoss im römisch beherrschten Kleinasien einen ähnlichen Ruf wie später Florenz im Italien der Renaissancezeit.

 Im Aphroditetempel ...
Chaniotis: "Ein großer Teil der Zeichnungen ist so anspruchsvoll, dass sie nur von künstlerisch tätigen Menschen stammen können, die das Theater oder das Stadion oder den Markt mit ihrem Handwerkszeug unterm Arm besuchten." Auf einem der Kapitelle des Aphrodite-Tempels zum Beispiel hat ein Bauarbeiter ein kleines Gesicht eingemeißelt. Andere dieser kleinen Kunstwerke fallen eher grob aus. Etwa findet sich im Theater ein Seiltänzer, wie er  mit dem Stab in der Hand auf dem Seil balanciert – offenbar eine beliebte Darbietung bei den Festen. Auf einer Marktkhallensäule sind zwei Löwen skizziert, da konnte wohl ein Besucher der Tierkämpfer im Stadion seine Bewunderung nicht zügeln.

 Im Stadion ...
"Ich liebe Apollonios, den Herren", steht auf einer Säule des Sebasteion, des Augustus-Tempels; man weiß nicht recht, ob hier jemand seine Liebe öffentlich kundtun wollte oder ob es sich um das Treuebekenntnis eines Sklaven handelt. Weniger freundlich liest sich der Kommentar zu einem stadtbekannten Schausteller: "Karmidianos ist eine Tunte." Sehr sachlich bleiben dagegen die Fragmente aus einem Edikt des Kaisers Diokletian um 300 nach Christus, worin die Preise für Tonwaren, Schuhe, Stoffe, Glas und Holzkohle festgeschrieben waren.

Andere Inschriften zielen mehr auf Weltanschauliches. Häufig ist die Doppelaxt dargestellt, das Symbol des Gottes Zeus, und zwar regelmäßig in unmittelbarer Nähe zu anderen religiösen Zeichen, vor allem dem Kreuz. Chaniotis vermutet, dass die Doppelaxt von Heiden eingeritzt wurde, und zwar als Antwort auf das christliche Glaubensbekenntnis. Häufig stehen sogar drei Symbole nebeneinander, neben dem Kreuz und der Doppelaxt der jüdische Leuchter mit den sieben Armen.

 Sarkophag mit Inschriften
Ein "Graffiti-Dialog" also, wie er uns aus unseren modernen Städten vertraut ist. Die Konkurrenz von Heiden, Juden und Christen wird manchmal recht stürmisch verlaufen sein. Das Kreuz auf den Wänden heidnischer Tempel ist zweifellos als Triumphzeichen zu verstehen. Immerhin hat es bis ins 7. Jahrhundert gedauert, dass der Name "Aphrodisias" als anstößig empfunden wurde. Erst damals wurde die Stadt in Stauropolis umbenannt, "Stadt des Kreuzes", der Name der Göttin aus älteren Inschriften entfernt. Als der Kaiserkult im alten Augustus-Tempel aufgegeben wurde, konnten sich dort auch jüdische Läden einrichten. Die Inschriften beweisen, dass reiche und wichtige Männer der Stadt, darunter auch Ratsherren, als Sympathisanten der jüdischen Gemeinde gezählt wurden.

 Stadtgöttin Aphrodite
Ein Teil der Inschriften ist übrigens gar nicht als Mitteilung an die Öffentlichkeit gedacht, sondern als technische Hinweise bei der Bauarbeit. An einer Stelle des Rathauses stehen die vier Silben "DEKATAKLES". Die drei letzten Silben müssen "Fenster" bedeuten; "DE" ist vielleicht eine Abkürzung von "deka" = zehn oder das Ende von "ide" = Achtung! Zweifellos wollte der Schreiber die Bauarbeiter anweisen, nach diesem Mauerblock Platz für ein Fenster zu lassen.

Ach ja, und dann die "Schafe". Merkwürdigerweise stehen die griechischen Buchstaben in drei der zwölf Fälle sogar auf dem Kopf, sie sind also geschrieben, bevor die Blöcke, vielleicht aus einem älteren, abgerissenen Bau, für das Rathaus benutzt wurden. Schließlich kamen die Archäologen auf die verblüffend einfache Lösung. "PROBATA" ist gar kein griechisches, sondern ein lateinisches Wort und heißt "geprüft". Heutzutage würde ein Bauaufseher "o.k." schreiben.


Mehr im Internet:
Alltagsskizzen aus Aphrodisias 
scienzz artikel Alltag
scienzz artikel Römisches Altertum

 

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 


 

 


 

 

Onlineshop von o2 Germany


 


 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


forschung


politik


innovation


kultur


campus


kontakt