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kultur

12.09.2005 - KALENDER

Neujahr im Herbst

Ein Blick auf den Festkalender der Religionen und Kulturen

von Josef Tutsch

 
 

Das Blasen des Widderhorns (Schofar)
zum jüdischen Neujahr

Am 16. September ist Neujahr. Jetzt werden Sie vielleicht ungläubig schauen; aber es hat seine Richtigkeit. Am 16. September beginnt nach dem jüdischen Kalender das Jahr 5766 seit Erschaffung der Welt.

Natürlich ist es nicht der einzige Neujahrstermin, der manchem ungewohnt vorkommen wird. Das chinesische Jahr des Hahns fing am 9. Februar an, das war Aschermittwoch. Am Tag darauf setzte bei den Muslimen das Jahr 1426 der Hedschra ein, also nach der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina. Buddhisten und Hinduisten feierten ihr neues Jahr diesmal, je nach örtlichem Brauch, zwischen Januar und Mai. Die indischen Sikhs müssen bis zum 1. November warten, während die Zoroastrier bereits am 21. März dran waren. Und so weiter und so fort.

  Das orthodoxe Osterfest, zwei Wochen
  nach dem Termin der katholischen und
  der evangelischen Kirche

Und nächstes Jahr hat sich alles schon wieder verschoben. Viele Kulturen rechnen nämlich nicht mit einem Sonnen-, sondern mit einem Mondjahr, das immer mal wieder durch Schalttage oder –monate an den Jahreszeitenkreislauf angepasst wird. Man lebt mit zwei Kalendern: dem traditionellen, wodurch die Festtermine bestimmt werden, und dem westlichen für die internationale Ökonomie. Wir im Westen haben davon nur noch eine leise Ahnung durch den schwankenden Karnevals-, Oster- und Pfingsttermin – Relikt eines alten Mondkalenders.

Andere Kulturen, andere Kalender. Kann man sich vorstellen, dass auch in Europa der Jahresbeginn am 1. Januar keineswegs selbstverständlich ist? In Deutschland war bis ins 13. Jahrhundert Weihnachten des vorangehenden Jahres gebräuchlich, in Frankreich bis 1563 Ostern des folgenden. England ging erst 1752 vom 25. März ab, die Republik Venedig hielt bis 1797 am 1. März fest. Und vielen orthodoxen Christen darf man erst am 14. Januar Glück zum neuen Jahr wünschen: Die Festtermine richten sich weiterhin nicht nach der Reform, die Papst Gregor im 16. Jahrhundert dem Kalendersystem verordnet hat:

 


 Das islamische Ramadan-Fest in Kairo
Da wirkt die Idee, neben den Feiertagen aus christlicher Tradition auch einen islamischen Feiertag einzuführen, als ein zweiter Schritt vor dem ersten: Zunächst wäre ein wenig Aufmerksamkeit geboten, um andere Feste überhaupt mitzubekommen. Im Grunde überfordert doch schon der Wochenrhythmus unser "Multikulti"-Bewusstsein. Wie präsent ist jemandem, der in christlichen Verhaltensgewohnheiten aufgewachsen ist, dass jüdische Mitbürger am Samstag den Tag feiern, wo Gott nach Erschaffung der Welt ruhte? Und wer am Freitag beim türkischen Gemüsehändler einkauft, macht sich wohl ebenso wenig klar, dass gläubige Muslime gerade ihr Äquivalent zum Sonntag begehen.

Den sichtbarsten Einbruch fremder Bräuche in die abendländische Lebenswelt hat in den letzten Jahrzehnten der islamische Ramadan gebracht: Muslime dürfen, so jedenfalls die strenge Lehre, während des Fastenmonats von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ("solange man einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden kann") weder essen noch trinken noch rauchen noch Geschlechtsverkehr ausüben, in diesem Jahr vom 4. Oktober bis zum 3. November. Was am Tage versäumt wurde, wird des Nachts reichlich nachgeholt. Das mittelalterliche Christentum hatte seinen Schäflein einen ähnlichen Verzicht auferlegt: 40 Tage vor Ostern kein Fleisch, keine Eier und keine Sexualität, in asketischeren Kreisen auch weder Milch noch Bier.

 


 Das Umschreiten der Kaaba in Mekka
Noch deutlicher werden Unterschied und Wandel der Kulturen beim islamischen Opferfest am 20., 21. Januar. Die Wallfahrt nach Mekka, die jeder Muslim wenigstens einmal im Leben absolvieren soll, um dort die Kaaba zu umschreiten, stellt im Kreis der Jahr für Jahr wiederkehrenden Feste zweifellos die größte Veranstaltung der gegen- wärtigen Welt dar. Den Inhalt solcher fremden Feste nachzuvollziehen, kann aber bereits bei weniger spektakulären Anlässen schwierig werden. Am 8. Februar zum Beispiel, dem Todestag Buddhas, genauer: dem Eingehen des Erleuchteten ins "Nirvana". Wer, in christlicher Tradition erzogen, dabei an Karfreitag denkt, wird nicht unbedingt begreifen, dass es bei diesem Verlöschen der Begierde um ein freudiges Ereignis handelt.


Mehr im Internet:
Mehr über Kalender
Religiöse Feste und Feiertage 

 

 


 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

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