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27.08.2005 - KUNSTGESCHICHTE

Derbe Heilige und verwickelte Kirchenbauten

Die MPG berichtet aus der Arbeit ihrer Institute

von Josef Tutsch

 
 

Caravaggio: Selbstbildnis als
abgeschlagener Kopf des Riesen Goliath

Klatsch hat etwas Unwiderstehliches, auch wenn er 400 Jahre alt ist. Kein Wunder, dass der Maler Michelangelo Merisi, genannt "Caravaggio", bis heute einen beliebten Helden historischer Romane abgibt. Dem einen oder anderen würdigen Herrn die Frau ausgespannt, Polizeidiener mit Steinwürfen taktiert, gelegentlich einen Partner beim Ballspiel im Jähzorn totgeschlagen, immer wieder Raufereien und Verhaftungen, dann Zuflucht beim Malteserorden, aus dem er bald unehrenhaft wieder ausgestoßen wurde ... Die Kunsthistoriker zeigen sich ebenso irritiert und fasziniert: Allem Anschein nach hat für Caravaggios Heiligenbilder die römische Unterwelt Modell gestanden, Ganoven und Prostituierte beiderlei Geschlechts. Mussten die kirchlichen Auftraggeber bis hinauf ins Kardinalskollegium da nicht Anstoß nehmen?

 Caravaggio: Kreuzigung Petri

Offenbar wissen wir viel zu wenig über das soziale Umfeld, in welchem damals, um 1600, im päpstlichen Rom Kunst entstand. Unter dem Titel "ARS ROMA" hat Sybille Ebert-Schifferer, Direktorin an der Bibliotheca Hertziana in Rom, jetzt eine Datenbank zur Historienmalerei zwischen 1580 und 1630 in Angriff genommen. Die Max-Planck-Gesellschaft hat in ihrem jüngsten Forschungsmagazin einen Schwerpunkt dem Thema "italienische Kunstgeschichte" gewidmet.

Ebert-Schifferer fand nur zwei Fälle, wo die Auftraggeber Gemälde von Caravaggio zurückgewiesen haben,  und dass dabei religiöse ode sittliche Bedenken ausschlaggebend gewesen sein sollen, hält sie für sehr zweifelhaft. Im Gegenteil: "Caravaggios dramatische Bilder, die den Betrachter aufrütteln, erfüllen genau das, was die Gegenreformation vom Malter erwartete, und er erzielte damit Höchstpreise." Auch die Biographie verliert bei näherer Betrachtung einiges von ihrer Extravaganz. Das 16. Jahrhundert war eine brutale Zeit – sicherlich nicht derart ruchlos, wie es die Legende bis ins 19. Jahrhundert gezeichnet hat, aber immerhin. Hinzu kommt wohl, dass in den Künstlerkreisen der Gegenreformation ein genialisches Selbstverständnis gepflegt wurde. Ebert-Schifferer: "Caravaggio hielt seine Kunst für so bedeutsam, dass er sich außerhalb der Gesetze stehend wähnte."

 Caravaggio Martha und Maria Magdalena

In der Bilddatenbank, für die zur Zeit gerade das geeignete Computerprogramm entwickelt wird, soll später einmal alles Wichtige zu einem Gemälde nachzulesen sein. Zum Beispiel was die Gestensprache der Figuren angeht. In einem allegorischen Gemälde zum Neuen Testament lässt Caravaggio Maria Magdalena, die große Sünderin, eitel auf einen Spiegel weisen, während Martha, das Urbild einer braven Haushälterin, ihr mit den Fingern die vielen Sünden aufzählt. Das ist noch recht offenkundig, in anderen Fällen muss man auf die Handbücher der antiken Rhetorik zurückgreifen, um die Motive richtig zu deuten.

Die Frage bleibt: Warum konnte sich Caravaggios "naturalistischer" Stil auf Dauer in Rom nicht durchsetzen, warum wurden etwa ab 1630 die "klassizistisch" malenden Brüder Agostino und Annibale Carracci zum Vorbild für die Zeit des Barock? Ebert-Schifferer unterstellt einen tiefgreifenden Stilwandel: Der Zeitgeist forderte mehr Harmonie und Erkennbarkeit in den Bildern, bevorzugte eine gleichmäßigere Farbgebung statt der krassen Hell-Dunkel-Gegensätze. Das spiegelt sich in der ästhetischen Theorie des Giovanni Pietro Bellori aus den 1660er, 1670er Jahren. Bellori ging es um eine idealisierende Kunst, dahinein passten Heilige mit derben Muskeln und schmutzigen Füßen nicht. Gerade in den Jahrzehnten nach Caravaggios Tod 1610 wandte sich übrigens ausgerechnet das calvinistische Holland dem Hell-Dunkel zu, mit dem dieser Stürmer und Dränger der katholischen Gegenreformation Furore gemacht hatte.

 Die Unterkirche des Sieneser Doms,
 vor wenigen Jahren wiederentdeckt

Bereits seit 1976 arbeitet das Kunsthistorische Institut in Florenz an einem Projekt zur Italienischen Architekturgeschichte. Es geht um die Kirchen von Siena, und der wichtigste Band, der wohl auch international Aufsehen erregen dürfte, der über den Dom, steht gerade vor dem Druck. Projektleiter Max Seidel, früher Direktor des Kunsthistorischen Instituts in Florenz, gerät beinahe ins Schwärmen: "Damit kann der Sieneser Dom als die am umfassendsten erforschte Kathedrale Europas gelten!" Es war ein Glücksfall, dass mitten in diese Arbeiten 1999 eine archäologische Sensation hineinplatzte: Die Restauratoren der Dombauhütte entdeckten eine Unterkirche – angelegt offenbar als Teil des jetzigen Dombaus, also im 13. Jahrhundert, im 14. Jahrhundert bei Errichtung des Baptisteriums zugeschüttet und seitdem völlig vergessen.

In dieser Unterkirche entdeckten die Ausgräber großformatige Fresken aus dem Alten und dem Neuen Testament, Kapitelle und Säulenschäfte sind in kräftigem Hellblau und Orange gefasst – ein ganz anderes Bild als in der Oberkirche, die den Touristen mit einem Zebra-Muster aus weißem und grün-schwarzem Marmor beeindruckt. Für die Bürger von Siena muss diese Anlage unter dem Ostchor höchst bequem gewesen sein: Der Dom liegt an einem steilen Hügelabhang, der westliche Haupteingang ist der Stadt abgewandt. Man konnte den Dom sozusagen durch einen Hintereingang im Kellergeschoss betreten und über Treppen nach oben gelangen.

 Im Dom von Siena

Die Konstruktion ist einer der vielen Planänderungen zum Opfer gefallen, die den Dom immer wieder umgestaltet haben. Am ehrgeizigsten die Idee von 1339, den ganzen Bau zum bloßen Querschiff eines noch viel riesigeren "Duomo nuovo" zu verwandeln. Die wirtschaftliche Katastrophe der Stadt durch die Pest 1348 setzte diesem Gigantismus ein Ende. Auch zur späteren Baugeschichte hat das Projekt manches überraschende Detail zu Tage gefördert. So war es kein Geringerer als Gian Lorenzo Bernini, der im 17. Jahrhundert die Laterne auf der Kuppel hinzufügte. Unterstützt wurde die Arbeit der Forscher durch den glücklichen Umstand, dass gerade in Siena das Archiv der Dombauhütte großenteils erhalten ist. Seidel: "Allein aus dem 13. und 14. Jahrhundert sind mehr Dokumente erhalten als für alle deutschen Dome zusammen."

Wer weiß, was da an den anderen Kirchen der Stadt noch zu entdecken ist. Nebenbei ist das "Siena-Projekt" auch eine Ausbildungsstation für den akademischen Nachwuchs: Kleinere Gotteshäuser werden als Abschlussarbeiten an junge Kunsthistoriker vergeben.


MaxPlanckForschung 2/2005. Das Wissenschaftsmagazin der Max-Planck-Gesellschaft (ISSN 1616-4172)
Fokus: Italienische Kunstgeschichte

Bibliotheca Hertziana in Rom

Aufsätze:
– Wie Bauten einst gemeistert wurden (zum Erfahrungswissen der Architekten in der frühen Neuzeit)
– Per Mausclick ins Barock (ARS ROMA – eine Datenbank zur Historienmalerei zwischen 1580 und 1630)
– Kirchen – steinerne Archive der Geschichte (über die historischen Bedingungen der Sieneser Kirchenbauten)
– So kam Siena zu seinem Dom (aus der Baugeschichte)
– Eine Rarität aus der Renaissance (die Restaurierung der Casa Zuccari in Florenz)
Die Max-Planck-Gesellschaft finanziert die Bibliotheca Hertziana in Rom und hat vor drei Jahren auch das Kunsthistorische Institut in Florenz übernommen.



Mehr im Internet:
MaxPlanckForschung 2/2005

 


 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation 

 

 

 

 


 


 

 

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