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23.08.2005 - PHILOSOPHIE
Nach Begriffen unserer Vernunft
Der neue Aufsatzband von Jürgen Habermas:
"Zwischen Naturalismus und Religion"
von Josef Tutsch
 | | | Jürgen Habermas | | | "In Teheran fragte mich ein Kollege, ob nicht aus kulturvergleichender und religionsoziologischer Sicht die europäische Säkularisierung der eigentliche Sonderweg sei, der einer Korrektur bedürfe." Ein Gedanke, der Jürgen Habermas tief beunruhigt, wie in dem neuen Aufsatzband "Zwischen Naturalismus und Religion" deutlich wird. Immerhin ist das Werk dieses Philosophen seit Jahrzehnten dem Nachweis gewidmet, "dass der moralische Gesichtspunkt nicht nur kulturspezifische Wertorientierungen zum Ausdruck bringt, sondern allgemein gilt".
Die neue Aufsatzsammlung argumentiert an zwei Fronten. Zum einen gegen den "Naturalismus", also gegen die Versuchung, aus den Erkenntnissen der Naturwissenschaft ein quasi "naturwissenschaftliches Weltbild" abzuleiten. Das, was Kant sein "kritisches Geschäft" nannte, die Begründung von Vernunft und Moral in einer wissenschaftlich begriffenen (wenn man so will: "entzauberten") Welt, soll auf dem aktuellen Erkenntnisstand fortgesetzt werden.
Andererseits in Richtung "Religion". Habermas greift den Gedanken auf, dass der liberale Staat auf Ressourcen in der Mentalität seiner Bürger angewiesen sein könnte, die er selbst nicht zu sichern vermag, kurz gesagt, auf "Solidarität". Dieser Grundwert ist ein Erbe der Aufklärung – einer Aufklärung, wohlgemerkt, die sich auf dem Boden des abendländischen Christentums entwickelt hat; vielleicht – Thema "Sonderweg"! – nur auf diesem Boden entwickeln konnte. Oder auch umgekehrt: ein Erbe des Christentums, und zwar in einer bestimmten historischen Situation, im Stadium der Aufklärung.
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Der Leitstern der Erörterung: Immanuel Kant
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Das Thema findet sich bei Hegel vorgegeben, in der These, "dass die großen Religionen zur Geschichte der Vernunft selbst gehören". Bemerkenswert, dass Hegels Wortspiel vom "Aufheben" – im dreifachen Sinn: ein Ende machen, erhalten, auf eine höhere Ebene heben – vermieden wird. Vielmehr ist es Habermas’ Ziel, die religiöse Tradition als weiterhin gegenwärtig zu behandeln: Religion und Philosophie auf gleicher Augenhöhe. Den Leitstern bildet wiederum Kant; das zentrale Stück der Aufsatzsammlung ist ein erweiterter Vortragstext von 2004 über Kants Religionsphilosophie und ihre Wirkungsgeschichte. Klassikerauslegung als Propädeutik eines eigenen systematischen Entwurfs, vielleicht; schließlich erwarten Beobachter von Habermas seit Jahren ein umfassendes religionsphilosophisches Werk.
Ansatzpunkt für Habermas’ Kant-Interpretation ist der Anspruch, aus eigenem – philosophischen! –Anspruch über die Wahrheitsgehalte der Bibel befinden zu können und alles auszuscheiden, was nicht durch Vernunftbegriffe und in rein moralischer Hinsicht plausibel ist. Kant hatte in den Worten "Begriffe unserer Vernunft" das Possessivpronomen durch Sperrung hervorgehoben. Die Schwierigkeit liegt auf der Hand: Vertreter organisierter Religionen werden das nicht als Dialog auf gleicher Augenhöhe ansehen können. Und im Grunde ist Habermas das auch bewusst: "Nur die Beteiligten und ihre Organisationen können die Frage entscheiden, ob ein ‚modernisierter’ Glaube noch der ‚wahre’ Glaube ist."
Was Habermas nicht zum Thema macht: Außerhalb des Protestantismus, der sich seit fast fünf Jahrhunderten mit den Folgen individueller Auslegung der Heiligen Schrift abgeben muss, gar außerhalb des Christentums, das sich immerhin seit zwei Jahrtausenden an der griechischen Philosophie abgearbeitet hat, müssen die Schwierigkeiten noch viel größer ausfallen. Nun weiß Habermas natürlich – anders als damals Kant – dass Religionen "von Haus aus" nicht im Singular, sondern im Plural auftreten. Aber diese Erkenntnis bleibt merkwürdig blass. Die systematischen Ansätze halten sich im Rahmen biblisch-christlicher Tradition. Der Ferne Osten kommt so gut wie gar nicht vor, der Islam ist ein Phänomen am Rande.
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Eideshelfer: G. W. F. Hegel
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Immerhin: Einer der Aufsätze befasst sich mit "religiöser Toleranz als Schrittmacher kultureller Rechte", und darin wird unvermeidlich auch der Streit um die islamische Kopfbedeckung zum Thema. Habermas, fern aller Kasuistik, gibt bloß Hinweise, wie solche Streitfragen vor dem Forum der Vernunft zu diskutieren wären, es wird angedeutet, ein Verbot des Kopftuches könnte "die gebotene Neutralität des Staates gegenüber dem legitimen Anspruch einer religiösen Minderheit auf Selbstdarstellung verletzen".
Ein sonderbar polemischer Seitenblick gilt Heideggers Versuchen, auf die Griechen vor Sokrates zurückzugreifen. Man gewinnt den Eindruck, dass Habermas die Kontinuität seines Denkens demonstrieren wollte, bis zurück zu jenem ersten großen Aufsatz 1953, "Mit Heidegger gegen Heidegger denken". In der Sache wird aber deutlich: Wenn Habermas "Religion" sagt, ist ein Ausschnitt aus der Religionsgeschichte gemeint, in der Hauptsache die biblische Tradition. Und das ist wohl in der Tat – einschließlich der modernen Phänomene von Rationalisierung und Säkularisierung – ein "Sonderweg".
Max Weber (mag sein, dass Habermas den großen Kollegen im Sinn hatte, als er jenen Gesprächspartner in Teheran anführte) sprach gelegentlich davon, jene Kulturerscheinungen des Okzidents könnten, "wie wenigstens wir uns gern vorstellen, in einer Entwicklungsrichtung von
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Vorgänger in der Religions- soziologie: Max Weber
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universeller Bedeutung und Gültigkeit" liegen. Nun, Kulturvergleichung ist ein Feld, das Habermas wohl noch zu beackern hat, wenn der große religionsphilosophische Entwurf doch noch anstehen sollte. Vorläufig blitzt das Problem eher nebenbei auf: "Heute haben Judentum und Christentum keine grundsätzlichen Schwierigkeiten mehr mit dem egalitären Aufbau und dem individualistischen Zuschnitt liberaler Ordnungen".
Ein schwieriger Lernprozess, wie Habermas betont: Einst hätten auch Judentum und Christentum "wie alle Weltreligionen exklusive Geltungs- und Gestaltungsansprüche erhoben". Und zweifellos wiegen die "Folgelasten der Toleranz" für gläubige Bürger schwerer als für "religiös unmusikalische". Um so empfindlicher nimmt der Leser als Lücke wahr, dass die Frage nach dem entsprechenden Pensum für andere Weltreligionen in diesem Buch kaum gestreift wird.
Neu auf dem Büchermarkt: Jürgen Habermas, Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze, Suhrkamp Verlag (ISBN 3-518-58448-0, 3-518-58447-2) Frankfurt am Main, 24,80 Euro, kartoniert 16,80 Euro
Mehr im Internet: Jürgen Habermas, Lebenslauf und Bücher
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied von scienzz communcation.
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