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16.09.2005 - NEUES TESTAMENT
Zwischen Ärgernis und Torheit
Neu erschienener Sammelband über "Deutungen des Todes Jesu im Neuen Testament"
von Josef Tutsch
 | | | Matthias Grünewald, Kreuzigung | | | Man könnte den Eindruck gewinnen, dass sich die Schwierigkeiten christlicher Verkündigung in 2000 Jahren nicht groß verändert haben. Der gekreuzigte Christus sei "den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit", stellte Paulus im 1. Korintherbrief fest. "Kann man sich Gott wirklich als blutrünstiges Ungeheuer vorstellen, das durch den Tod seines eigenen Sohnes besänftigt werden muss?" fragen heutzutage Schüler im Religionsunterricht. Kindlicher formuliert: "Eigentlich find ich es ein bisschen unfair. Ich finde, dass Gott da ziemlich gemein war."
Jörg Frey (München) und Jens Schröter (Leipzig) haben jetzt einen umfangreichen Sammelband über "Deutungen des Todes Jesu im Neuen Testament" herausgebracht; die Beiträge gehen auf ein Berliner Colloquium im Oktober 2003 zurück. Einblicke in die historische und philologische Forschung der Gegenwart, vom Alten Testament bis zu den – innerchristlichen wie christlich-heidnischen – Debatten des 2. und 3. Jahrhunderts.
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Tizian, Dornenkrönung
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Ein wenig aus dem Rahmen fällt die religionspädagogische Skizze von Mirjam Zimmermann. Die Gymnasiallehrerin macht die Probleme sehr plastisch (die beiden Zitate oben stammen aus Zimmermanns Darstellung); aber ob ein Religionslehrer, nachdem er sich durch den Band hindurchgearbeitet hat, für den Unterricht besser gerüstet sein wird, darf man bezweifeln. Jörg Frey hat in seiner Einleitung die wissenschaftstheoretische Schwierigkeit klar formuliert: "die historisch-exegetischen Fragen und die systematisch-theologischen bzw. applikativen Interessen möglichst zu unterscheiden". Diesem Plädoyer folgt dann gleich der Nebensatz: "bevor beide wieder aufeinander bezogen werden können".
Dieses zweite wäre vermutlich das Thema für einen anderen Band. Bleiben wir also beim Historischen. Die christliche Tradition, vor allem im Protestantismus, wurde durch die paulinischen Formulierungen im Römerbrief bestimmt: "Ihn hat Gott hingestellt als Sühne durch den Glauben in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit." Diese Sühne geschieht durch "Stellvertretung", nur dass Paulus diesen Begriff gar nicht gebraucht. Frey: "Stellvertretung" als dogmatische Kategorie wurde "erst in der Neuzeit eingeführt". Noch allgemeiner Jens Schröter: "’Sühne’, ‚Opfer’ und ‚Stellvertretung’ sind keine biblischen Begriffe, sondern Abstraktionen, die einen komplexen traditionsgeschichtlichen, semantischen und argumentativen Befund deuten."
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Simone Martini, Christus unter dem Kreuz
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Nur konsequent, dass der Band (aus der Feder von Friederike Nüssel) auch einen historischen Abriss der Sühnevorstellung enthält, angefangen bei der sozusagen juristischen Version des Anselm von Canterbury um 1100. Aber ohne solche weit ausgreifenden Kategorien geht es natürlich auch nicht. Dass die "Deutung" in den Paulus-Briefen nicht die "Deutungen" bei anderen Autoren im NT überformen darf, wird etwa bei Christfried Böttrich klar: In Lukas-Evangelium und Apostelgeschichte spielt, wie man seit langem beobachtet hat, der Vorstellungskreis von Stellvertretung und Sühneleiden keine Rolle, das Leiden Jesu wird als ein vorbildliches Martyrium aufgefasst. Dagegen bringt der Hebräerbrief eine ausführliche Argumentation zu Opfer und Selbstopfer Jesu.
Die Schwierigkeit, solche verschiedenen Positionen zu "applizieren", will sagen: zu einer "neutestamentlichen Theologie" zu homogenisieren, liegt auf der Hand. Sehr ehrgeizig (und gewagt) klingt eine Notiz von Jörg Frey: Die Überlieferung biete genügend Aspekte, die "bei aller Vorsicht als Ansatzpunkte für eine ‚ureigene’ Todesdeutung Jesu dienen können". Leider begnügt sich Frey mit Andeutungen, nennt Jesu Gang nach Jerusalem und die Berichte vom letzten Mahl, von denen allerdings nicht geklärt ist, ob sie ursprünglich in den Zusammenhang der Passionserzählung gehören.
Immerhin hat die Tradition das eucharistische Sakrament auf diesen Kontext bezogen, nicht nur chronologisch, sondern vor allem in der Sache, und zwar sehr früh nach Jesu Tod. Wenn man sich vergegenwärtigt, wieviel Tinte über den Ursprung des Sakraments vergossen worden ist, über das Verhältnis zu gnostischen Erlösungsinterpretationen und mögliche Stellungen zur Mysterienreligiosität, dann hätte es nahe gelegen, diesen Komplex näher zu erörtern; der Artikel von Christine Schlund über die Pesach-Tradition liest sich von daher etwas fragmentarisch.
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Sandro Botticelli, Beweinung
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Noch ein paar zufällige Beispiele zu den Beiträgen, die sich mit Hintergrund und Umfeld dieser Positionen befassen. Bernd Jankowski stellt dar, wie die johanneische Formel vom "guten Hirten", der sein Leben für die Schafe einsetzt, seine Grundlage etwa bei Ezechiel findet oder die paulinische Sühnetheorie in alttestamentlichen Aussagen über den Kult an der Bundeslade. Friedrich Avemarie verweist auf die rabbinische Literatur, wo der Märtyrertod zur "Heiligung des Gottesnamens" ein wichtiges Thema ist und ebenso der Gedanke der Stellvertretung. Henk S. Versnel listet eine Fülle von Belegen auf, die das griechische und römische Schrifttum zum Motiv der stellvertretenden Aufopferung hergibt.
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Caravaggio, Grablegung
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Gar keine Rolle spielt in der aktuellen exegetischen Diskussion wohl die früher so beliebte Frage, wer an Jesu Tod eigentlich schuld ist, die römische Besatzungsmacht oder die Obrigkeit des jüdischen Vasallenstaates. Mehr nebenbei vermerkt Zimmermann, falls Jesu Verurteilung auf theologische Meinungsverschiedenheiten etwa über den Sabbat zurückzuführen wäre, würde das "die Antithese zwischen Christentum und Judentum" stärker betonen. Eine Aussage, die aber doch reichlich schief ist. Das Problem liegt vielmehr darin, dass die Verfasser der neutestamentlichen Schriften die historische Frage ausgeblendet haben. Wie immer man die Mitwirkung der jüdischen Behörden an dem Prozess Jesu einschätzen mag – die theologische Aussage der Evangelisten hierzu lautete, dass das Volk Israel die Erfüllung seiner Heilsverheißungen zurückgewiesen hat
Der eine oder andere Text in dem Sammelband lässt ahnen, dass die Geschichte des Christentums auch ganz anders hätte verlaufen können. Enno Edward Popkes analysiert das koptische Thomas-Evangelium: Jesu Tod hat keine Heilsbedeutung, ist bloß die Beendigung einer – von vornherein negativ bewerteten – physischen Existenz. Eine noch konsequenter "gnostische" Christologie zeigt Winrich A. Löhr in Denksystemen des 2. und 3. Jahrhunderts auf, zum Beispiel bei Valentinus. Die Passion Christi ist Episode im Drama der Selbsterkenntnis des transzendenten Gottes.
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| Albrecht Dürer, Ecce homo |
Radikale Positionen, die im Zuge der Formierung einer "orthodoxen" Dogmatik ausgeschieden wurden. Das Leiden Jesu war aber auch zentrales Thema in der Auseinandersetzung mit der heidnischen Umwelt. Im späten 2. Jahrhundert verbreitete sich der Philosoph Celsus ausführlich darüber, in welchem Sinn das Kreuz Christi für gebildete Griechen eine "Torheit" sein musste. Aus den Fragmenten, die ein Jahrhundert später Origenes in seinem Versuch einer Widerlegung erhalten hat, rekonstruiert Löhr die Kreuzestheologie von Celsus’ christlichen Gesprächspartnern: Indem der Gottessohn am Kreuz die Strafen des Teufels auf sich nimmt, vernichtet er dessen Macht und lehrt seine Anhänger, diese Strafen zu verachten. Und rekonstruiert auch Celsus’ antichristliche Polemik: Jesu Verhalten entsprach in keiner Weise dem, was von einem Gott oder Heros zu erwarten war. Weder demonstrierte er seine göttliche Macht noch ertrug er die Schmerzen mit der Gelassenheit eines wahren Philosophen.
Neu auf dem Büchermarkt: Deutungen des Todes Jesu im Neuen Testament, herausgegeben von Jörg Frey und Jens Schröter, Mohr Siebeck Tübingen (ISBN 3-16-148581-5), 109,- Euro
Mehr im Internet: Neues Testament Jesus von Nazaret

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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation.
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