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04.10.2005 - RELIGIONSWISSENSCHAFT

Zerrspiegel einer Religion

Eine Neuerscheinung ├╝ber "Das Islambild im Abendland"

von Josef Tutsch

 
 

Der Prophet Mohammed lehrt
den Koran (10. Jhdt.)

Ja, ja die Kalifen. "Tyrannen waren sie alle", berichtete Gerhard Konzelmann vor ein paar Jahren im Fernsehen. "Unterworfen waren sie allein ihrer Sexualität. Frauen aus Indien, aus Abessinien, aus dem Kaukasus warteten im Harem auf die Chance, dem Herrscher ihre erotischen Künste zu beweisen. Die Kalifen sind würdige Schüler des Propheten Mohammed, von dem das Wort überliefert ist: ‚Zwei Gaben Allahs fesseln mich an diese Erde: die Frauen und die Wohlgerüche Arabiens.’" Die Islamwissenschaftler haben lange gesucht, wo dieses Prophetenwort überliefert sein könnte. Am Ende wurde Gernot Rotter fündig, und zwar in den "Märchen aus Tausendundeiner Nacht": "Die Dinge, die ich in eurer Welt am liebsten habe, sind drei: die Frauen, die Wohlgerüche und mein Augentrost im Gebet."

Die Episode findet sich in dem Band über das "Islambild im christlichen Abendland", den der Philosoph Hamid Reza Yousefi und die Germanistin Ina Braun jetzt herausgebracht haben, neben Dutzenden anderer Merkwürdigkeiten aus der Islamdarstellung unserer Massenmedien. Zugegeben, andere Fälle sind nicht so grotesk wie dieser Versuch, "Tausendundeine Nacht" als Quelle für ein Prophetenwort heranzuziehen. Konzelmanns Verfahren gewinnt noch an Komik, wenn man sich den Zusammenhang der Erzählung vergegenwärtigt. Die Äußerung, die dem Propheten in den Mund gelegt wird, dient als Argument, dass die Liebe zu Frauen der unter Männern vorzuziehen sei – eine Fragestellung, die bereits antike Rhetorikschüler zu Höchstleistungen inspirierte.

Das heilige Buch des Islam
Yousefi und Braun haben zweifellos Recht: Das Islambild, das uns in den Medien vermittelt wird, strotzt nicht gerade von Kompetenz. Warum bleibt der Leser dennoch an vielen Stellen des Buches unbefriedigt? Vielleicht, weil die Autoren so viel – zu viel! – auf einmal gewollt haben. Statt sich auf die Analyse von Irrtümern, Plattheiten, Vorurteilen zu beschränken, werden die Probleme der Weltpolitik im Galopp durchritten. Zum Beispiel die iranische Atombombe. Kann man das sinnvoll diskutieren ohne die Frage, ob der Iran damit ebenso bedachtsam umgehen wird wie die "alten" Atommächte im Kalten Krieg?

Oder die Besorgnis, die (nicht nur) in der "Süddeutschen Zeitung" formuliert wurde: "Würde heute in den Staaten der Region gewählt, wären morgen fast überall die Islamisten an der Macht." Das mag ja falsch sein; aber erledigt es sich mit der Feststellung, diese Zeitung sei "islamfeindlicher" als etwa andere Zeitungen abseits vom Boulevard? Der Leser gewinnt den Eindruck, dass die Autoren sich genau in der Falle verfangen, in der sie auch die "Nahost-Experten" ausgemacht haben: Eine solche Tour d’horizon, in bunter Gemengelage von Tatsachenaussagen und Werturteilen, muss an der Oberfläche bleiben. Auf die Gefahr hin, das eigene Glashaus zu beschädigen, kann man auch sagen: "journalistisch".

Aufschlussreicher sind die Passagen, in denen die Autoren solche Urteile oder Vorurteile in eine anderthalbtausendjährige Geschichte des abendländischen Islambildes stellen, bis hin zu jenem berüchtigten Satz Karl Mays, Hunderte Kerle von einer bestimmten Sorte Moslems brächten zwar genug Verschlagenheit und Bosheit zusammen, aber nicht soviel Weisheit und wahre Klugheit wie ein einziger guter Christ. Wiederum könnte man sich allerdings wünschen, dass das Buch an die eine Tradition mit so viel Differenzierung heranginge, wie es bei der anderen fordert. "Djihad" im Islam heißt längst nicht durchweg "Heiliger Krieg", da ist Yousefi und Braun zuzustimmen. Andererseits: bei dem Satz, gerechter Krieg bedeute im Christentum "den Krieg für Christus und den Glauben, ungerechter Krieg hingegen ist Krieg unter Christen" stellt sich doch dieselbe Frage wie bei jenem "Prophetenwort" über die Frauenliebe: Wo um alles in der Welt mag das herkommen? In den Anmerkungen jedenfalls findet sich kein Nachweis.

In einem Drama Voltaires wird
Mohammed als Betrüger gezeichnet
Das Dilemma ist zum Teil offen- kundig dem interdisziplinären Ansatz geschuldet. Vom Selbstverständnis des Islam über das Islambild in der westlichen Ideengeschichte und den westlichen Medien bis hin zum Entwurf einer "interkulturellen Philosophie der Toleranz" – das erfordert einen ganzen Strauß verschiedener Disziplinen. Etwa zum Begriff der Toleranz: "Im Koran zeigt sich eine Haltung der Toleranz gegenüber den Schriftbesitzern", also gegenüber Christen und Juden, stellen Yousefi und Braun zu recht fest. Und das ist zweifellos viel mehr als alles, was das abendländische Christentum bis in die frühe Neuzeit zustande gebracht hat. Nur, und das führen die Autoren nicht aus: Mit moderner Religionsfreiheit hatte diese "Toleranz" nichts zu tun, sie musste durch eine Sondersteuer erkauft werden, die der herrschenden Kriegerkaste ihre ökonomische Basis sicherte.

Die Weltpolitik der Gegenwart glauben Yousefi und Braun als Spannungsfeld zwischen dem "Imperialismus" ("hauptsächlich von der US-amerikanischen Regierung praktiziert") und dem "Islamismus" auffassen zu können. Das wirkt allzu simplifizierend, auch dann, wenn man die Washingtoner Politik für durch und durch falsch hält. Grund für die Verfassung der islamischen Welt: Die Aufklärer hätten sich nie durchsetzen können, oft hätte der Westen Demokratisierungs- und Industrialisierungsversuche blockiert. Alles unbestreitbar richtig; aber muss man eigentlich "Eurozentrist" sein, um zu dem Schluss zu kommen, dass sich die Aufklärung zunächst überhaupt nur im westlichen Europa entwickelt und durchgesetzt hat? Und um zu fragen, ob das vielleicht Gründe hatte?

Westliche Phantasie von einer
Haremsszene (J.-A.-D: Ingres)

Bei der Orientalistin Annemarie Schimmel werden die Unterschiede in ihrer Rede von 1995, als sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, deutlicher: "Ich habe gesehen, wie erwachsene Männer geweint haben, als sie erfahren haben, was in Rushdies ‚Satanischen Versen’ steht." Nachvollziehbar; aber es sei ein Vergleichsfall gestattet: Im 16. Jahrhundert, mitten im katholischen Italien, ließ Ariost den Evangelisten Johannes bekennen, er hätte seinen Helden Jesus Christus über den grünen Klee gelobt und sich dafür fürstlich entlohnen lassen, wie all die anderen lügnerischen Dichter auch ... Mit dergleichen Zumutungen lebt das "christliche" Abendland seit Jahrhunderten. Die Differenz liegt eben nicht nur im Kontrast Christentum – Islam, sondern mehr noch in der Verwandlung des Christentums durch die Aufklärung.

Schimmel über Salman Rushdies Roman: "Das ist meiner Meinung nach eine sehr üble Art, die Gefühle einer großen Menge von Gläubigen zu verletzen." Es wäre ein spannendes Thema, was Yousefis und Brauns "Konzept interkultureller Toleranz" auf einen solchen Fall angewandt bedeuten könnte: Wer hätte sich da in welcher Weise "tolerant" zu verhalten? Die Autoren belassen es zur Diskussion um die Scharia leider bei der allgemeinen Formel, die Universalität der Menschenrechte müsse "im Kern trotz kulturspezifischer Besonderheiten aufrechterhalten werden".


Neu auf dem Büchermarkt:
Hamid Reza Yousefi, Ina Braun:
Interkulturelles Denken oder Achse des Bösen. Das Islambild im christlichen Abendland,
Bausteine zur Mensching-Forschung, Neue Folge, Band 8
Traugott Benz, Nordhausen 2005 (ISBN 3-88309-140-5), 38,- €


Mehr im Internet:
Islam 
scienzz artikel Islam
scienzz artikel Dialog der Religionen

 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

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