Berlin, den 18.10.2019 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

06.09.2005 - LITERATURWISSENSCHAFT

Am Rande der Welt, mitten unter uns

Eine Neuerscheinung ├╝ber die Kultfigur des Kannibalen

von Josef Tutsch

 
 

23. November 1773. Die "Resolution" ankert an der Nordspitze der neuseeländischen Südinsel, einige Offiziere begeben sich in eine Maori-Siedlung, um Handel zu treiben. Dort sehen sie Eingeborene mit Leichenteilen eines jungen Mannes, den sie im Kampf erschlagen haben. Sie laden die Engländer ein, sich an dem Mahl zu beteiligen. Die lehnen ab, einer der Engländer jedoch kauft zum Preis von zwei Eisennägeln den Kopf, der dann auf dem Schiffsverdeck hingestellt wird. Ein paar Maori, die gerade vorbeikommen, zeigen Interesse, wollen es aber nicht roh essen, sondern verlangen, es gar gemacht zu haben. Als Captain James Cook wenig später von einem Landausflug zurückkehrt, unterdrückt er seinen Abscheu und lässt nochmals ein Stück Fleisch über dem Feuer braten. "Die Kannibalen aßen es mit sichtlichem Appetit", schreibt Cook in seinem Tagebuch; "während die gesamte Schiffsbesatzung von Brechreiz überkommen wurde".

Ein, wenn man so will, "wissenschaftliches" Experiment. Der Bonner Literaturwissenschaftler Christian Moser hat sich mit der Figur des Kannibalen in Literatur und Film des Abendlandes beschäftigt. Captain Cooks Versuchsanordnung fungiert als Paradefall einer Selbststilisierung im Sinn "aufgeklärter" Wissenschaftlichkeit: Die anerzogenen Affekte gegen den Verzehr von Menschenfleisch werden neutralisiert, um daraus Erkenntnis zu ziehen. Das Handeln der Eingeborenen musste beobachtet und bezeugt werden, nicht anders als Phänomene in Flora und Fauna.

 Captain Cook auf Forschungsreise

Cook, stellt Moser fest, "ist an der Bedeutung des kanni- balischen Aktes nicht interessiert, er desymbolisiert die kannibalische Praxis der Maori". Folge ist, dass dem Geschehen so selbstverständlich wie naiv eine falsche Interpretation beigegeben wird: Die Neuseeländer, vermutete Cook, wären aufgrund ihrer Isolierung keinen Handel und erst recht keinen Umgang mit Symbolen gewöhnt. Moser: "Anstatt mit seinen Nachbarn Handel zu treiben, frisst der Kannibale sie auf." Christian Moser macht aber deutlich, dass man die Perspektive auch umkehren kann: In diesem Experiment ist das Sehen ein Substitut des Essens, der westliche Betrachter der Kannibalen wird seinerseits von einem "latenten kannibalischen Begehren" angetrieben, vom Hunger, "sich das Gesehene mittels des Blickes einzuverleiben". Kurzum: Der Betrachter "befreit sich von der bedrohlichen Gestalt des Kannibalen, dem unerkannt gebliebenen Spiegelbild seiner selbst, indem er sie sich einverleibt".

Moser führt für diesen paradoxen Konsummechanismus den Begriff der "Katharsis" ein. Das muss als Provokation wirken, wenn man Aristoteles mit seiner Theorie von der reinigenden, befreienden, läuternden Wirkung der Tragödie im Sinn hat, womöglich in einer idealistischen Interpretation à la Lessing. Hier wären Ausführungen zur Tradition des Begriffs,

 Francisco de Goya, Kronos
 frisst seine Kinder
vor allem in den Ursprungsjahren von Freuds Psychoanalyse, zweifellos sinnvoll gewesen. Der Essay verwickelt den Leser statt dessen in einen wahrhaft atemberaubenden Schnellgalopp durch eine lange Geschichte von Horror und Faszination, mit der Figur des kannibalischen Serienkillers in den Filmen der letzten Jahre als Zielstation.

Das Motiv hatte vor über 2.400 Jahren der griechische Historiker Herodot formuliert: eine kurze Notiz über die "Androphagen", ein menschenfressendes Volk am Rande der Welt und auf dem Nullzustand menschlicher Kultur. Diese Gleichsetzung von Kannibalismus und Primitivität wurde auch von dem aufgeklärten Forschungsreisenden James Cook vorausgesetzt. Cooks  positivistische Fragestellung ist übrigens heute keineswegs überholt. 1979 vertrat der amerikanische Ethnologe William Arens die provokante These, die Figur des kannibalischen Wilden sei bloß ein okzidentales Phantasieprodukt ohne jede Entsprechung in der Wirklichkeit: Keinem wissenschaftlich geschulten Anthropologen sei es bisher gelungen, einem kannibalischen Mahl beizuwohnen. Sein Kollege Marshall Sahlins beschuldigte ihn, mit dem Vorverständnis, Anthropophagie wäre von vornherein undenkbar, unzweideutige Belege zu ignorieren.

Dass bereits zwei Jahrhunderte vor Cook auch ganz anders gefragt werden konnte, demonstriert Moser an Michel de Montaigne, der sich 1580 über die brasilianischen Tupi-Indianer seine Gedanken machte. Montaigne entdeckte den symbolischen, ritualisierten Charakter des Kannibalismus – nicht Ausdruck kulturloser Wildheit, sondern eine fremde,
 Die Kannibalen der Neuen Welt
 (Theodor de Bry)
aber eben doch kulturelle Praxis. Auch das Paradoxon vom kannibalischen Europäer ist bereits bei Montaigne vorgeprägt: Eigentlich wäre es doch verwerflicher, seine Mitmenschen bei lebendigem Leibe, nämlich durch Folter, Unterdrückung, Ausbeutung "aufzufressen".

Einen anderen Fall abend- ländischer Selbstreflexion hat Moser bei Joseph Conrad gefunden, in der Erzählung "Das Herz der Finsternis" (1902). Einer der schwarzen Matrosen schlägt Kapitän Marlow vor, die bedrohlichen Wilden am Flussufer gefangen zu nehmen. Auf die Frage, wozu, lautet die Antwort: "Essen!" Marlow wird bewusst, dass seine Mannschaft Hunger leidet - und wie sehr sie diesen Hunger trotz der Weißen an Bord bisher diszipliniert hat. Mit der Zeit muss er sehen, dass im "Herzen der Finsternis" mit dem Elfenbeinagenten Kurtz vielmehr ein Weißer sitzt, der mit seiner hemmungslosen Gier wilder ist als alle "Wilden".

Im Film der letzten Jahrzehnte ist der Kannibale sichtlich mitten unter uns. Der Menschenfresser Hannibal Lecter in der Trilogie von Thomas Harris bereitet seine Opfer nach allen Regeln haute cuisine zu, ganz ähnlich, wie er als Philologe Dante-Verse analysiert. In Ruggero Deodatos "Cannibal Holocaust" gehen die Teilnehmer einer Urwaldexpedition im Wortsinn über Leichen, um effektvolle Bilder zu erhalten. Der Horror-Film wird als eine Art "Sühneritual" inszeniert – Deodato scheint geglaubt zu haben, der ungehemmte Konsum kannibalischer Bilder müsse in eine Selbstreinigung
Hannibal Lecter im Film von Thomas Harris
münden. Diese "kannibalische Katharsis", zieht Moser das Fazit, "stellt am Ende des 20. Jahrhunderts das dominierende Paradigma der Horror-Ästhetik dar".

Immerhin kann Moser auch eine Demontage dieses Mythos vorweisen, den Roman "American Psycho" von Bret Easton Ellis. Am Ende steht das Bekenntnis des kannibalischen Serienmörders. Patrick Bateman will sich dem kannibalischen Dämon auf dem Grund seiner eigenen Seele stellen. Aber das Reinigungsritual versagt, eine "Katharsis" bleibt aus.


Neu auf dem Büchermarkt:
Christian Moser, Kannibalische Katharsis. Literarische und filmische Inszenierungen der Anthropophagie von James Cook bis Bret Easton Ellis, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2005 (ISBN 3-89528-456-4), 14,50 €


 

Mehr im Internet:
Christian Moser, Germanistisches Seminar der Universität Bonn  
scienzz artikel Poesie der weiten Welt
scienzz artikel Film





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 


 

 


 

Onlineshop von o2 Germany

 


 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


forschung


politik


innovation


kultur


campus


kontakt