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14.09.2005 - KOMMUNIKATIONSTECHNOLOGIE

Langer Weg zum 'Inder-Net'

Der südasiatische Kampf gegen moderne Sprachdiskriminierung

Sophie Bertone

 
 

Interesse am Internet - aber neun von
zehn Indern können kein Englisch lesen

Stellen sie sich vor, sie erhalten Emails oder greifen auf Websites zu und müssen feststellen, dass sie beides nicht lesen können, ohne mühsam zusätzliche Schriftzeichen zusammenzutragen und herunterzuladen. Der größte Vorteil, 'Herz und Seele' des Internets - die Schnelligkeit der Datenübermittlung - ginge flöten. Das aber ist alltägliche Realität für Millionen Inder.

Indien ist ein Land mit achtzehn offiziellen Sprachen, mit 1.652 Muttersprachen - von denen 33 von jeweils über 100.000 Menschen gesprochen werden - die sich nicht nur in ihrem Laut- sondern auch in ihrem Schriftbild durch dutzende voneinander verschiedene Schriftzeichen unterscheiden. Jede dieser indischen Sprachen hat ihre andersartigen, spezifischen 'Buchstaben' - so benutzt z.B. das Hindi extra Schnörkel, um Vokale darzustellen oder die Betonung zu modifizieren. Einige Sprachen, wie Urdu und Sindh, werden zudem von rechts nach links geschrieben. Programme, die den Nutzern ihre Sprache auf ihrem PC sichtbar machen und zur Verfügung stellen, sind für die Anwendung neuer Kommunikations- und Informationstechnologien von der Gesamtbevölkerung Indiens unbedingt notwendig, jedoch nur in Ansätzen vorhanden. 

Multinationale Unternehmen hätten selten Lust, die Software in einzelne Lokalsprachen zu übersetzen, weil dies keine großen Gewinne einbrächte: denn nur wenige aus den Zielgruppen und der potentiellen Käuferschar könnten sich solch eine teure Software leisten. Dabei sehen sich auch andere, nicht-englischprachige Länder mit ähnlichen Schwierigkeiten konfrontiert. So sucht Pakistan nach der Software für seine Nationalsprache Urdu, während Bangladesh Lösungen in Bengali möchte. 

Die südasiatischen Nutzer stehen mit diesen Problemen nicht allein auf weiter Flur. Dwayne Bailey, ein Mitglied der Non-profit Organisation "Translate.org.za", sagt, dass man in Südafrika mit einer ähnlichen Situation zu kämpfen hat. Bailey und sein Team übersetzen open-source-Software - Software, die frei vertrieben wird und von jedem Anwender modifiziert werden kann - in alle elf südafrikanischen Sprachen: Afrikaans, Englisch, Xhosa, Ndebele, Nord-Sotho, Siswati, Süd-Sotho, Tsonga, Tswana, Venda und Zulu. Da aber alle diese Sprachen ausschließlich lateinische Buchstaben verwenden, wäre die Übersetzungsaufgabe nicht ganz so komplex  wie für die südasiatischen Sprachen.

 IT-Großmacht ohne Hinterland
Der indische Schriftsteller Ravishankar Shrivastava schrieb seine Romane stets manuell in Hindi. Wenn er seine geschriebenen Werke in ein elektronisches Format bringen wollte, das er bei den Verlegern einreichen konnte, erwies sich dies als äußerst problematisch. Shrivastava erinnert sich an seine große Begeisterung, als er in den späten 1980er Jahren das erste Mal Begegnung mit einem PC machte, der es ihm erlaubte, in Hindi zu schreiben: "Ich dachte, was für ein Geschenk für Hindi!"

Mit fortschreitender Computer- technologie verteuerte sich die Software, die es den Muttersprachlern Indiens ermöglichte, in ihren jeweiligen Sprachen zu schreiben. Außerdem zeigte sie bald ihre Grenzen auf. Shrivastava versuchte es mit unterschiedlichen Hindi-Schreibprogrammen. Einige waren zu zeitaufwendig, erforderten das Drücken mehrerer Tasten für ein einzelnes Schriftzeichen. Andere Programme machten ihren Einsatz  überflüssig, wenn nicht auch der Text-Empfänger über dieselbe Software verfügte.

Mit der Gründungswelle von dotcom-Unternehmen in Indien, in den späten 1990ern, gingen verschiedene Hindi Zeitungen zwar online, aber sie alle benutzen unterschiedliche, nicht kompatible Schriftzeichen. Die open source-Schiene könnte nun die Chance eröffnen, das Problem in den Griff zu bekommen. Die Fangemeinden von open source - nicht wenige in Indien - reden miteinander über die Zusammenarbeit, damit endlich flächendeckende Lösungswege  entwickelt werden.

Für Shrivastava bietet das indische Linux-Projekt 'IndLinux' bereits gute Lösungsansätze. Linux ist ein open source - System, das seit 1991 existiert. Die Menschen, die mit IndLinux arbeiten, wollen es auf die indischen Lokalsprachen zuschneidern. Sie haben Teams, die in Bengali, Gujarati, Gurmukhi, Hindi, Kannada, Malayalam, Marathi, Oriya, Tamil and Telugu arbeiten. "Wir wollen die Technologie für die nicht englischsprachige Mehrheit Indiens zugänglich machen," sagt G. Karunakar, ein freiwilliger Helfer von IndLinux. Bis jetzt hat das Gemeinschaftsprojekt Versionen in Bengali und Tamil kreiert. Die Version in Hindi ist fast komplett, doch noch gibt es einige Komplikationen. So wurde z.B. das Alphabet auf den Tastaturen verschieden hinterlegt. Und obwohl Hindi eine Sprache ist, die von 100 Millionen Indern gesprochen wird, ist sie bar jeglicher IT-Terme. Werden diese Terme nun eingeführt, tauchen andere Schwierigkeiten auf. So würde beispielsweise der bei uns mittlerweile eingebürgerte Begriff 'file' von unterschiedlichen Übersetzern mit "faeel, suchika, sanchika" oder "reti" ausgedrückt.

Noch ein anderes Hindernis trete inzwischen auf, das die Program- mierer betrifft, die sich der Übersetzungsaufgabe ja freiwillig widmen: Die Helfer würden an dem Unternehmen zunächst mit großem Enthusiasmus mitmachen, übersetzten dutzende von Befehlsketten und versprächen noch mehr zu tun, um sich dann doch wieder abzuwenden, nachdem sie feststellten, dass die "Übersetzung ein ermüdender, undankbarer, glanz- und glimmerloser, unent- geltlicher, langweiliger Job" wäre, fasst Shrivastava zusammen. Doch Shrivastava ist davon überzeugt, dass das Computern in den indischen Sprachen das ländliche Indien, wo Englisch praktisch nicht existent ist, revolutionieren wird.


 Application names in Hindi - Bild: IndLinux
Bundesstaaten wie Kerala und Madhya Pradesh sind bereits dabei die "e-Regie- rungsführung" ein zu führen, die auf den Lokalsprachen basiert. Teil des Projektes ist es, die Einwohner von Kerala an die elektronische Kommunikation zu gewöhnen. Es werden "e-Zentren" überall in Kerala aufgebaut, die mit dem Internet ver- und an ein zentrales Rechenzentrum gebunden sein sollen. Ziel ist letztendlich, dass auf die Familien in Kerala pro Familie mindestens ein Computer-Gebildeter kommt. Madhya  Pradesh führt derzeitig eine Online-Initiative mit dem Titel 'Gramsampark' ein, was soviel wie 'Städte-Kontakt' bedeutet. Die Website liefert Informationen darüber, welche Lokalsprachen im Staat vorkommen und inwieweit dieser von ihnen beherrscht wird. Sie ist für alle 51.000 Dörfer und Städte in Madhya Pradesh abrufbar.
Vor dem Team von IndLinux liegt noch eine Menge Arbeit. Bis jetzt wurden Übersetzungen der Hauptschnittstelle in verschiedene Lokalsprachen vervollständigt. Als nächstes müssen die freiwilligen Helfer an der Betriebsanleitung arbeiten, an der Hilfe-Funktion und dergleichen mehr.

Sprache

 Hindi
 Bengali
 Telugu
 Marathi
 Tamil
 Urdu
 Gujarati
 Kannada
 Malayalam
 Oriya
 Punjabi
 Assamese

Sprechende

 340 mio
70 mio
66 mio
62 mio
53 mio
43 mio
40 mio
32 mio
30 mio
28 mio
23 mio
13 mio

Viele Hände machen die Arbeit leichter. Die derzeitige freiwillige Helferschar von IndLinux' glaubt, dass sie noch zu wenige sind, die an der ehrgeizigen Übersetzungsaufgabe mitmachten. Sie benötigten dringend finanzielle und moralische Unterstützung. Überraschenderweise war Tamil (Südindien) die erste Sprache, die von open-source lokalisiert wurde, eher als Hindi, die eine der wichtigsten und von der Regierung unterstützen Sprachen ist.

Om Vikas, der Kopf von "Human Centered Computing Division" am Ministerium für Kommunikation und Informationstechnologien in Neu Delhi, berichtet, dass Indix2 auf die fleißige Arbeit von IndLinux  zurück zu führen sei. Indix2 ist eine Compactdisc mit Software-Lösungen, die elf indische Sprachen unterstützen. Vikas sieht den Schwachpunkt sämtlicher Bemühungen allerdings darin, dass auf nationaler Ebene nichts unternommen würde, das Unternehmen fortwärts zu treiben und Standards zu schaffen. Ein Konsortium zu schaffen, dessen Aufgabe u.a. darin bestünde, unter zentraler Anleitung der Regierung, die übersetzten Produkte unmittelbar in die Schulen zu bringen, sollte Priorität besitzen. Die Einführungs- bemühungen seien insgesamt viel zu langsam, nur für bedeutendere Sprachen wie Hindi, Tamil und Bengali seien sie "zufriedenstellend", so Vikas.

Wenn Indien sich entwickeln will und in der IT-Branche tatsächlich eine Rolle spielen will, hat es keine andere Wahl, sich dieser Riesenaufgabe der Übersetzung weiterhin zu stellen und den Kampf trotz aller oben beschriebenen Widrigkeiten nicht aufzugeben.


 

Mehr im Internet:
Madhya Pradesh 'GramSampark' 
Om Vikas - Multilingualism in Cyberspace 
E-Governance - Kerala 
IndLinux Project 
IndLinux Project - Wikipedia 

 

 

 

 

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