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19.09.2005 - TREIBSTOFF

Vollgas mit Sprit vom Acker

Pflanzenöl erlebt als Diesel-Ersatz einen erstaunlichen Aufschwung

Volker Lange

 
 

Die Besucher der Weltausstellung staunten nicht schlecht. Vor ihnen stand ein ratternder Motor. Doch statt des typischen Geruchs von Mineralöl erfüllte ein feiner Erdnussduft die Halle. Der Erfinder dieser erstaunlichen Maschine, die sich sogar mit Pflanzenöl betriben ließ, heiß Rudolph Diesel und wurde dafür mit der Goldmedaille geehrt.

Lang ist’s her. Die Weltausstellung mit dem Erdnussöl-Motor fand im Jahr 1900 in Paris statt und seit damals hat der „Diesel“ eine erstaunliche Karriere gemacht. Pflanzenöl als Treibstoff dagegen weniger. Doch seit die Autofahrer für einen Liter Treibstoff weit mehr als einen Euro ausgeben müssen, erlebt Pflanzenöl als Diesel-Ersatz einen ungeahnten Aufschwung.

In erster Linie ist es Rapsöl, in Deutschland produziert und von Ölmühlen direkt oder über spezielle Tankstellen verkauft. Zunehmend wird aber auch das Salatöl vom Supermarkt in den Tank gekippt. Denn der Sprit vom Acker ist billig: Pro Liter kostet er nur etwas 60 Cent. Für Pflanzenöl verlangt der Staat keine Mineralöl- und Ökosteuer.

Allerdings gibt es diese Ersparnis nicht zum Nulltarif. Bevor man sein Auto mit Pflanzenöl betan- ken kann, sollte ein handels- üblicher Dieselmotor mit mehr oder weniger großem Aufwand umgerüstet wurden. Reines Pflanzenöl ist dickflüssiger und besitzt eine höhere Zündtem- peratur als Diesel. Um in einem handelsüblichen Dieselmotor problemlos zu verbrennen, muss es erwärmt werden.

Vor allem im Winter, wo der Dieselmotor sich mit dem ungewohnten Futter schwer tut und gerne auch mal das Starten verweigert. Schaut man ins Internet, dann scheint das alles jedoch kein Problem zu sein. In vielen Foren tauschen sich die „Poeler“ (so nennen sich die Pflanzenöl-Enthusiasten) darüber aus, welcher Selbstbausatz ab 600 € in der Praxis zu welchen Problemen geführt hat, und wie man sie vermeintlich oder tatsächlich lösen kann.

Für Menschen, die einfach nur in ihr Auto steigen und losfahren wollen, sind solche Basteleien nicht zu empfehlen. Damit jedoch auch Technikmuffel mit dem Biosprit fahren können, hat sich eine ganze Reihe von Firmen darauf spezialisiert,  normale Dieselmotoren auf Pflanzenöl umzurüsten (siehe Kasten). Das kostet zwar etwas mehr (ab 1600 €) , doch dafür kann man sicher sein, dass der Motor keinen Schaden nimmt. Anschließend kann man problemlos mit Pflanzenöl oder bei Bedarf auch mit normalem Diesel fahren.

Bastler gehen dagegen ein hohes Risiko ein. Moderne Dieselmotoren sind hochtechnisierte bis ins Kleineste ausgetüftelte Aggregate. Sie nehmen zwar die eine oder andere Tankfüllung nicht übel. Aber auf die Dauer können sich durch unvollständige Verbrennung Rückstände im Motor bilden. Im schlimmsten Fall kann es dann zum teuren Kolbenfresser kommen.  Professionelle Umrüster haben, so versichern sie, derlei Probleme im Griff. Einige Firmen bieten deshalb nicht nur eine Garantie auf ihre eigenen Bauteile an, sondern auch für den gesamten Motor.

Doch lohnt sich die Umrüstung durch den Fachmann ? Das hängt vor allem vom Spritverbrauch des Fahrzeugs ab: Ein Auto mit einem Diesel-Verbrauch von drei Litern wird die Kosten für seine Umrüstung kaum wieder hereinfahren. Hilmar Wolf, der selbst eine Firma für den Umbau zum Pflanzenölmotor aufgebaut hat, schätzt, dass ein normaler Motor nach den heutigen Spritpreisen je nach Verbrauch 70.000 bis 100.000 Kilometer laufen muss, bis seine Kunde wirklich zu sparen beginnen. „Bei billigen Bausätzen“, so Wolf, „geht das natürlich schneller. Wenn der Motor heil bleibt, denn sonst wird es richtig teuer!“ Bis dahin profitiert man, wenn überhaupt, höchstens von seinem guten, grünen Gewissen.

Denn vordergründig ist Rapsöl der ideale Biobrennstoff. Bei seiner Verbrennung wird nur soviel CO2 frei, wie die Pflanze zum Wachstum aufgenommen hat. Seine Energiebilanz ist sehr gut, da es regional mit geringem Aufwand erzeugt wird und meist kurze Transportwege hat. Aus Gründen des Klimaschutzes wird Rapsöl als Diesel-Ersatz deshalb von der Bundesregierung gefördert.

Doch ganz so harmlos ist der großflächige Rapsanbau leider auch nicht. Denn gerade der Raps verursacht selbst ein Umweltproblem. Wie Wissenschaftler der Universität Göttingen herausgefunden haben, entstehen bei seinem Anbau pro Hektar und Jahr bis zu 3,6 Kilogramm Lachgas (Distickstoffoxid). Fatal daran ist: Lachgas ist als Treibhausgas 320 mal so wirksam ist wie Kohlendioxid. Das Lachgas wird von Bakterien erzeugt, die Nitrat und Ammonium umsetzen, wenn der Sauerstoff im Boden knapp wird.  „Wenn es nicht gelingt“, der Göttinger Bodenforscher Dr. Heiner Flessa, „diese Emissionen zu verringern, kann Rapsöl als alternativer Energieträger keinen oder nur einen geringen Beitrag zum Klimaschutz leisten.“

Sein grünes Gewissen kann man mit einem Pflanzenöl-Diesel also nicht entlasten. Den Geldbeutel dagegen schon. Eines sollte man sich allerdings auf alle Fälle verkneifen: Das Auto mit ge- brauchtem Frittierfett zu betan- ken, wie es einige Zeitgenossen bereits medienwirksam vor- geführt haben. Frittieröle ent- halten oft Salze, die sich bei den hohen Temperaturen in einem Motor in die gefährlichen Dioxine umwandeln können. Von einem Öko-Diesel kann dann wirklich keine Rede mehr sein!

Es gibt aber noch einen anderen Weg, mit Treibstoff vom Acker das zunehmend teurere Erdöl zu ersetzen: Pflanzenöle lassen sich chemisch auch in sogenannten „Biodiesel“ umwandeln. Dazu wird das Öl wird mit Methanol verschicht und chemisch verändert (geestert). Heraus kommt ein Kraftstoff, der zwar etwas weniger Leistung als das reine Öl hat, dafür ohne Umbauten am Motor getankt werden kann. Aral und Shell haben bereits geplant, ihrem Kraftstoff zwischen 3 und 5% Biodiesel beizumischen. Mit Kraftstoff aus Pflanzenölen, so schätzem Experten,  lassen sich so künftig etwa 5% des Diesel- verbrauchs ersetzen.

Vielleicht gehört die Zukunft aber auch einem anderen Kraftstoff, dem sogenannten „Sun-Diesel“. Er basiert auf dem sogenannten BtL-Verfahren (Biomass to Liquid). BtL-Kraftstoffe können in einem speziell entwickelten Verfahren aus jeder Form von Biomasse gewonnen werden. Volkswagen und DaimlerChrysler betanken damit bereits problemlos Versuchsfahrzeuge - mit ganz normalen Dieselmotoren. Ein neues Tankstellennetz ist für Sun-Diesel nicht nötig und da es Biomasse jeder Art verwerten kann, schätzt man, dass damit eines Tages bis zu 15 Prozent des Dieselbedarfs gedeckt werden kann. Wie wirtschaftlich das Verfahren ist und ob doch technische Probleme im Dauerbetrieb auftreten, wird sich zeigen.



Mehr im Internet:
Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR)  
Bundesweites Verzeichnis von Pflanzenöl-Tankstellen  

 

 

 

 

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