| |
28.10.2005 - IDEENGESCHICHTE
Die Ent-Wertung der Natur
Vor 250 Jahren:
Das Erdbeben von Lissabon erschüttert Europa
von Josef Tutsch
 | | Erdbeben zu Lissabon 1755 - Die
Ruinen des Convento do Carmo
| | | Für das Jahr 1755 hatte die Berliner Akademie folgende Preisaufgabe ausgeschrieben: "Man verlangt eine Prüfung des Systems von Pope, das in seinem Ausspruch: Alles ist gut, enthalten ist.“ Pope, damit war der englische Dichter Alexander Pope gemeint, der 1733 ein großes Lehrgedicht über die Stellung des Menschen im Kosmos herausgebracht hatte. Pope mahnte den Leser zur Demut: "Alle Natur ist Kunst, die du verkennst; der Zufall höhre Lenkung, die du nicht durchschaust; jeder Misston ist nur unverstandne Harmonie; das Einzelübel ist das Wohl des Alls; und ungeachtet allen Hochmuts und des irrenden Verstandes ist eine Wahrheit klar: alles, was ist, ist gut.“
"Whatever is, is right", diesen Satz zu wiederholen wurde Pope nicht müde. Den Berliner Preis erhielt dann ein gewisser Adolf Friedrich Rheinard, der das Lehrgedicht im Sinne der Leibnzischen Philosophie interpretierte. Gott in seiner Allmacht, Allweisheit und Allgüte, behauptete Leibniz in seiner Schrift zur Theodizee 1710, hätte eine bessere Welt schaffen können – vorausgesetzt, dass eine bessere Welt überhaupt denkbar wäre. Da er nun einmal diese Welt geschaffen hat, muss sie "die beste aller möglichen Welten“ sein. Auch in den Pariser Salons wurde die Philosophie des Optimismus begeistert aufgenommen.
|

|
Es muss ein herrliches Lebensgefühl gewesen sein, das damals Europas Intelligenz beherrschte. Der Historiker Paul Hazard: "Die Philosophie hat sich bemüht, eine einleuchtende Erklärung für ein schmerzliches Rätsel zu finden, und glaubt, dass es ihr gelungen ist. Die Pietisten billigen die Erklärung. Die Moralisten danken der Philosophie, dass sie die Tugend ermutigt haben. Die Dichter verwenden die schwarze Farbe nur noch zur Kontrastwirkung und gehen mit der rosenroten und der himmelblauen verschwenderisch um ...“
Bis zum Allerheiligentag des Jahres 1755 gegen 10 Uhr morgens. Goethe später in "Dichtung und Wahrheit“: "Eine große prächtige Residenz, zugleich Handels- und Hafenstadt, wird ungewarnt von dem furchtbarsten Unglück betroffen. Die Erde bebt und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die Häuser stürzen ein, Kirchen und Türme darüber her, der königliche Palast zum Teil wird vom Meere verschlungen, die
 |
geborstene Erde scheint Flammen zu speien: denn überall meldet sich Rauch und Brand in den Ruinen. 60.000 Menschen, einen Augenblick zuvor noch ruhig und behaglich, gehen miteinander zugrunde, und der Glücklichste darunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Besinnung über das Unglück mehr gestattet ist. Die Flammen wüten fort, und mit ihnen wütet eine Schar sonst verborgner oder durch dies Ereignis in Freiheit gesetzter Verbrecher. Die unglücklichen Überlebenden sind dem Raube, dem Morde, allen Misshandlungen bloßgestellt; und so behauptet von allen Seiten die Natur ihre schrankenlose Willkür.“
Die Reaktion der Zeitgenossen hat der alte Goethe in sein eigenes, kindliches Gemüt projiziert: "Der Knabe, der alles dieses wiederholt vernehmen musste, war nicht wenig betroffen. Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden, den ihm die Erklärung des ersten Glaubensartikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit
 |
den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen.“ Voltaire, dem zuvor bereits Zweifel an der optimistischen Weltanschauung gekommen waren, meldete sich mit einem umfangreichen Gedicht zu Wort: "Getäuschte Philosophen, die rufen: Alles ist gut!“ Wie einen Gott sich denken, der die Güte selbst sein soll und doch mit vollen Händen Übel auf seine geliebten Kinder gießt? Mehr nebenbei, ohne viel philosophische Argumentation, legte Voltaire ein wahrhaft revolutionäres Konzept vor: die Natur als ein Spiel des Zufalls, wertfrei und sinnlos.
Erledigt war der Optimismus damit keineswegs. Rousseau bestand darauf, dass die Natur das Gute und bloß die Zivilisation das Böse oder Schlechte hervorbringe: "Wenn die Einwohner dieser großen Stadt gleichmäßiger zerstreut und leichter beherbergt gewesen wären, so würde die Verheerung weit geringer und vielleicht gar nicht geschehen sein.“ schrieb er in einem Brief an
 |
Voltaire. Vielleicht war es Rousseaus Einwurf, der Voltaire bestimmte, das Thema in größerem Zusammenhang zu behandeln. Vier Jahre nach dem Beben erschien "Candide“. Der Roman wurde zu einem der großen Erfolge der Weltliteratur. Schopenhauer wollte der Leibnzischen "Theodizee“ kein anderes Verdienst zugestehen "als dieses, das sie Anlass gegeben hat zum unsterblichen ‚Candide’ des großen Voltaire“.
Näher betrachtet, kann von einer philosophischen "Kritik“ bei Voltaire kaum die Rede sein. Die optimistische Philosophie war ganz einfach unglaubwürdig geworden. Was der gelehrte Leibnizianer im Roman angesichts aller Katastrophen stereotyp verkündet – dass diese unsere Welt die beste aller möglichen Welten sei und dass alles, was darin geschieht, notwendig zum besten geschieht – ist nur noch eine komische Phrase. "Wenn dies die beste aller möglichen Welten ist“, sagt Candide "entsetzt, bestürzt, seiner Sinne nicht mächtig, über und über blutend und zitternd“, angesichts des Erdbebens von Lissabon, "wie müssen dann erst die anderen sein?“
 |
Auf die Katastrophen der Natur setzt die Handlung die Schrecken der Geschichte. "Nach dem Erdbeben, das drei Viertel von Lissabon zerstört hatte, wussten die Weisen des Landes kein wirksameres Mittel gegen den völligen Untergang des Landes zu finden, als dem Volke den Anblick eines schönen Autodafé zu gewähren. Die Universität Coimbra hatte das entscheidende Wort gesprochen, dass das Schauspiel einiger feierlichst auf langsamem Feuer verbrannten Menschen ein unfehlbares Mittel sei, die Erde am Beben zu hindern.“ Voltaire versagt sich nicht den Hinweis, dass diese Beschwörungstechnik vergeblich bleibt: "Selbigen Tages bebte die Erde noch einmal unter fürchterlichem Getöse.“
 |
Francois Marie Arouet de Voltaire
|
Bilanz 250 Jahre danach? Die alte, normativ gebundene Naturauffassung, die mit Begriffen wie "Sinn“ und "Wert“ arbeitete, ist uns abhanden gekommen; wenn heutzutage eine Boulevardzeitung fragt "Wie kann die Natur so grausam sein?“, dann erscheint uns das als Atavismus. Der Zusammenbruch der optimistischen Naturphilosophie hatte jedoch auch eine überraschende Kehrseite: Die Hoffnungen richteten sich nunmehr auf die Geschichte des Menschengeschlechts und auf eine bessere Zukunft – ungeachtet aller menschengemachten Schrecknisse, wie sie in Voltaires "Candide“ Revue passieren. Es bedurfte wohl erst der historischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, um uns auch daran zweifeln zu lassen.
Mehr im Internet: Erdbeben von Lisabon
 |
Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied von scienzz communcation.
|
|
|