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22.09.2005 - KLASSISCHE ARCHÄOLOGIE

Die kleinere Schwester von Pompeji

Das Berliner Pergamonmuseum zeigt
"Die letzten Stunden von Herculaneum"

von Josef Tutsch

 
 

Hirsch, von Jagdhunden angefallen;
aus Herculaneum

Preisfrage: Wo findet sich die größte erhaltene Bibliothek der antiken Welt? Nicht in Rom oder Athen oder Alexandria oder Pergamon, sondern in der Kleinstadt Herculaneum am Golf von Neapel. 1750 wurde unter einer 20, 30 Meter dicken Schicht von Schlamm, Asche und Bimsstein eine Villa mit fast 1800 griechischen Schriftrollen entdeckt. Erbaut wurde das Haus vermutlich von dem Konsul Lucius Calpurnius Piso Caesonius, einem Schwiegervater Caesars und Gegner Ciceros. Leider war Pisos literarischer Geschmack etwas einseitig: Die große Menge der Rollen stammt vom "Hausphilosophen" Philodemos aus Gadara, einem Jünger Epikurs, der die Lehre seines Meisters langatmig popularisierte. Heutigen Literaturliebhabern ist Philodemos ansonsten durch ein paar elegant-erotische Verse vertraut: "Leichte Erfolge reizen mich nicht, mir gefällt alles, was streng man verwehrt."

Dass die Schriftrollen mit den populärphilosophischen Traktaten heute noch lesbar sind, liegt am Vesuv-Ausbruch des Jahres 79 nach Christus. Goethe hat den Zusammenhang klar gesehen: "Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte." In Herculaneum ging der Vesuv, wenn man das so ausdrücken darf, konservatorisch sorgsam vor. Während das benachbarte Pompeji durch die Last von Asche und Bimsstein erdrückt wurde, kamen über Herculaneum zunächst leicht fließende Ströme aus Schlamm und Geröll, bevor die Stadt unter Tuff und Asche luftdicht versiegelt wurde.

"Kleine Herculanerin"
(aus Dresden)
Fast 300 Jahre, nachdem Herculaneums im Jahre 1709 bei einem Brunnenbau zufällig wiederentdeckt wurde, ist jetzt erstmals außerhalb Italiens eine Ausstellung über die Schwesterstadt von Pompeji zu sehen. Von der Ausgrabungsgeschichte her betrachtet, ist diese kleinere Schwester übrigens die ältere: Pompeji trat erst ab 1748 wieder ans Tageslicht. Als Johann Joachim Winckelmann vor genau 250 Jahren mit seiner Schrift "Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst" den europäischen Klassizismus proklamierte, waren es in der Hauptsache drei Frauenstatuen aus Herculaneum, die sein Bild von der Antike prägten. Die Skulpturen hatten 1736 den Weg nach Dresden gefunden.

In den folgenden Jahrzehnten wurde jedoch Pompeji zum Synonym für die Klassische Archäologie schlechthin. Es war weniger tief verschüttet, das vulkanische Material weniger dicht und hart - die Archäologen konnten also leichter arbeiten. In Herculaneum wurden die Ausgrabungen immer wieder unterbrochen. Inzwischen liegt etwa ein Viertel der antiken Stadt frei. Es scheint eine sehr ruhige Stadt gewesen zu sein, meint der Kurator der Ausstellung, Martin Maischberger. So wurde bisher kein einziges Bordell gefunden, sehr überraschend, wenn man die Vielzahl solcher Etablissements in Pompeji daneben hält.

Pan mit Ziege.- Bild: Luciano Pedicini

Wein, Weib und Gesang waren jedoch auch in Herculaneum ein beliebtes Thema der Kunst, als Skulptur wie als Wandfresko, neben allerlei Szenen aus der griechischen Mythologie. Das eine oder andere Stück dürfte Eltern bis heute in Erklärungsnöte versetzen. Zum Beispiel ist in Berlin eine Marmorgruppe zu sehen, in der sich Gott Pan mit einer Ziege vergnügt. Auch mit dem Schutzgott ihrer Stadt pflegten die Einwohner offenbar einen recht freien Umgang. So zeigt die Ausstellung einen ungemein dickbäuchigen Hercules, wie er volltrunken vor sich hin uriniert - dergleichen kann man sich andernorts selbst in Zeiten fortgeschrittener Säkularisierung schwer vorstellen.

In einem Punkt ist Herculaneum dem größeren Pompeji sogar überlegen: Die Zeugnisse des antiken Alltags sind viel besser erhalten. Organisches Material, von Nahrungsmittelresten über menschliche Knochen bis zu Mobiliar und Handwerksgerät - wurde durch die Hitze schockartig verkohlt. Lange haben die Wissenschaftler geglaubt, in Herculaneum wären nur ganz wenige Menschen ums Leben gekommen. 1982 wurden jedoch 300 Leichen in den Bootshäusern der Fischer gefunden. Die Skelette weisen keinerlei Anzeichen von Panik auf: Offenbar trat der Tod in Sekundenbruchteilen durch eine Hitzewelle ein, während die Menschen auf rettende Boote warteten.

Skelette von drei Opfern des Vulkanaus-
bruchs (Abgüsse aus Silikonkautschuk).-
Bild: Luciano Pedicini

Anhand der Leichen konnten Mediziner eine Art Krankheitsatlas erstellen. Die Häufigkeit von Arthrose weist darauf hin, dass viele der etwa 4000 Einwohner körperlich schwer arbeiten mussten, Erkrankungen der Atemwege sind wohl auf rußende Öllampen und auf das Heizen mit offenem Feuer zurückzuführen. Auch ohne Vulkanausbruch war das Leben am Golf von Neapel eben nicht die reine Idylle. Das 18. Jahrhundert freilich legte einen verklärenden Schleier über die Geschichte. Nicht nur dass Ansichten vom Vesuv – völlig friedlich oder auch in phantasievoll rekonstruierter Eruption - ebenso wie Prozellanrepliken herkulanischer Kunst groß in Mode kamen. Der Fürst von Anhalt-Dessau ließ sich in seinem Wörlitzer Schlosspark einen Vesuv en miniature bauen, der bei höfischen Festen einen kleinen Vulkanausbruch vorspielte.

Der weise Kentaur Chiron unterweist
Achill im Kitharaspiel.- Bild: L. Pedicini

Wann der echte Vesuv wieder ausbrechen wird, kann niemand sagen. Sicher ist, dass er seine Abhänge erneut mit einer meterdicken Schicht aus Schlamm und Asche überziehen wird. Für die Ruinenstätten von Pompeji und Herculaneum, weiß Soprintendente Pietro Giovanni Guzzo, gibt es dann keine Rettung. Die Wissenschaftler können nur versuchen, durch gründliche Dokumentation zuvor möglichst viel für das Gedächtnis der Menschheit zu erhalten.

Auf ein schnelleres Tempo bei den Ausgrabungen sind sie dennoch nicht scharf. Sicher, man wäre schon neugierig etwa auf die zweite Bibliothek, die in der Pisonen-Villa noch nicht aufgefunden ist, die mit den lateinischen Schriftrollen. Aber auch mit moderner Technik sind Papyri wie so viele andere Materialien nur sehr mühsam vor dem Zerbröseln zu retten. Der rettende Trick wurde 1754 von einem Mönch gefunden: Er beschmierte die unbeschriftete Seite mit einer Lösung aus Rinderinnereien. Heute nimmt man einen Kleber aus Gelatine und Essigsäure. Dennoch - in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten konnten die Wissenschaftler erst die Hälfte der verkohlten Texte lesbar machen.

Gastmahl mit Hetäre.- Bild: L. Pedicini

Ausstellung "Die letzten Stunden von Herculaneum"
bis 1. Januar 2006 im Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel
(Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 22 Uhr; Heiligabend und Silvester 10 bis 14 Uhr)
27. Januar bis 21. Mai 2006 im Focke-Museum Bremen
Ein Katalog ist im Verlag Philipp von Zabern erschienen, Preis im Museum 24,90 Euro




 

 

Mehr im Internet:
Staatliche Museen zu Berlin
Die letzten Stunden von Herculaneum
scienzz artikel Römische Kunst




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation.

 

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