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14.10.2005 - MEDIÄVISTIK

Das Gelächter der Inquisitoren -
und das komische Evangelium des Rabelais

Ein neuer Sammelband über das Lachen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit

von Josef Tutsch

 
 

Nur derjenige sei ein rechtschaffener Mann, der, bevor er zu Bett gehe, wenigstens einmal am Tage gescherzt habe. Das soll irgendwann im 14. Jahrhundert ein gewisser Bernard Gui gesagt haben. Wer jetzt an den "Namen der Rose" denkt, liegt richtig. Gui war Inquisitor. Er hat ein Inquisitorenhandbuch verfasst, worin er seinen Kollegen nahe legt, beim Verhör stets einen ernsten Gesichtsausdruck zu zeigen, um sich als strenger, aber gerechter Richter kenntlich zu machen. Der zitierte Ausspruch ist in einer Vita überliefert, die vermutlich sein Neffe verfasst hat, um die Heiligsprechung des Onkels zu betreiben. Dazu kam es übrigens nicht. Außer ein paar Heilungen von Schlaflosigkeit, Fieber und Durchfall wurden an Guis Begräbnisstätte keine nennenswerten Wunder vermerkt.

Worüber pflegte ein Inquisitor damals zu scherzen, fragt der Braunschweiger Historiker Thomas Scharff in einem neu erschienen Sammelband über das Gelächter im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Die Vita des Bernard Gui bleibt eine Antwort schuldig; aber Scharff hat eine Reihe Beispiele dafür gefunden, dass Lachen in der Ketzerverfolgung durchaus seinen Platz hatte. Mehrfach wird erzählt, dass eine fromme Kirchenversammlung beim Disput mit Häretikern in schallendes Gelächter ausbricht. Verlacht wurde die "Dummheit" der Ketzer, die somit mundtot gemacht waren; Argumente erübrigten sich. Bereits Ende des 14. Jahrhunderts beginnen sich die Fronten, wenngleich bloß in der

 Ketzerverbrennung
Fiktion, zu verkehren. In Franco Sacchettis Novellensammlung findet sich die Geschichte von einem Inquisitor, der seinem Opfer in grausamem Spaß mit dem Scheiterhaufen droht, weil es sich beim lateinischen Vaterunser verhaspelt hat ... Und bei Boccaccio wird ein allzu habgieriger Inquisitor vor großer Tischgemeinschaft der Lächerlichkeit preisgegeben.

Thema des Sammelbandes, der auf eine internationale Tagung 2003 an der Berliner Humboldt-Universität zurückgeht, ist das "Gruppenlachen", sind die "Lachgemeinschaften", die in den Texten – und durch die Texte – immer wieder inszeniert werden. Wer lachte etwa beim Donaueschinger Passionsspiel aus dem späten 15. Jahrhundert? Im Spiel selbst ist die Antwort klar. Die ungläubigen Juden begleiteten die Passion Christi mit viel Gelächter und Gejohle. Die Germanistin Hildegard Elisabeth Keller aus Zürich betont, dass über das - christliche! - Publikum bloß Mutmaßungen anzustellen sind. Immerhin wäre plausibel, dass sich das gemeinsame Triumphgefühl in Lachen über die Spötter entladen hätte.

Antijüdische Karikatur: die "Judensau"
Das muss nicht bloß komisch gewesen sein. Aus Frankfurt am Main ist belegt, dass die ansässigen Juden angewiesen wurden, während mancher Spiele vorsichtshalber in ihren Häusern zu bleiben. Werner Röcke, Germanist in Berlin, verweist auf einen Fastnachtsbrauch, der sich offenbar in Lübeck großer Beliebtheit erfreute. Zwölf Blinde wurden mit Keulen ausgestattet und gemeinsam mit einem Schwein in einer kleinen Arena eingeschlossen. In der Hoffnung auf ein Festmahl lieferten die Blinden einander ein blutiges Spektakel. Das Gelächter des Publikums, analysiert Röcke, ist Ausdruck gemeinsamer Angst: Die Bedrohung des "Gemeinwohls" durch Randgruppen soll abgewehrt werden.

Einen unblutigen Abwehrmechanismus stellt der Bayreuther Germanist Gerhard Wolf in der Zimmerischen Chronik aus dem Bauernkrieg fest. Die adlige Gesellschaft, die vor dem Krieg in die Reichsstadt Rottweil ausgewichen ist, vertreibt
 Poggio Bracciolini (1380-1459)
sich die Zeit mit "Kissenschlachten" – und demonstriert auf diese Weise ihre soziale Überlegenheit über den kämpferischen Ernst der Bauern. Wieweit aus solcher Literatur auf historische Realitäten zu schließen, bleibt allemal ein Problem. Das gilt auch für das "Bugiale" des Poggio Bracciolini, sozusagen die "Mutter" aller Lachgemeinschaften. Der Apostolische Sekretär unter Papst Martin V. (1417-1431) berichtet, in diesem "Lügenstübchen" wäre unverhohlen Kritik am päpstlichen Hof geübt worden. Wolf vermutet, dass das Buch vor allem als Hilfsmittel gedacht war, um sich in der italienischen Adelsgesellschaft mit ihren hohen Anforderungen an immer neue intellektuelle Späße behaupten zu können.

Bis heute ungeklärt sind auch die Absichten, die Rabelais im 16. Jahrhundert mit seiner erfundenen Abtei von Thélème verfolgte: höfische Utopie? Zitadelle eines, wie auch immer ausformulierten, christlichen Glaubens? Humanistische, vielleicht neuplatonische Akademie? Von der Berliner Romanistin Katja Gvozdeva erfährt der Leser, dass 200 Jahre später junge Aristokratensöhne in England Rabelais literarischen Entwurf ganz handfest nachzuleben versuchten, mit veritablen Bacchus- und Venushuldigungen. Die "Abtei" wurde mit einem erotischen Garten versehen, der die weibliche Anatomie imitierte. Als der örtliche Pfarrer sich arglos in diesen Garten locken ließ, musste er erleben, wie sich aus den rosafarbenen Hügeln in Fontänen eine milchähnliche Flüssigkeit ergoss.

Francois Rabelais (1494-1553)
Diese Lachpraktiken, schreibt Gvozdeva, gehören in die "lange Entwicklungslinie der Jugendabteien": Jungmännliche Energien wurden burlesk ausgelebt und damit eben auch diszipliniert. In der Narrenabtei von Rouen galt ausdrücklich die Vorschrift, dass Frauen die "Mönche" mit entblößtem Busen und Hintern zu reizen hätten; in einer Litanei wurde um ein hübsches Mädchen gebetet, um "das Tier mit den zwei Rücken" machen zu können. Im Wettbewerb miteinander sollten die jungen Männer ihre Fähigkeit zum Ehestand, also zur Erwachsenenrolle, unter Beweis stellen – eine Erwartung, die zweifellos oft auch zu kollektiven Vergewaltigungen geführt hat. Außer Gebrauch gekommen sind diese burlesken Jungmännerinstitutionen erst mit der Privatisierung von Ehe und Familie seit dem 17. Jahrhundert.

Heutigem Verständnis nach wäre dergleichen weit ab von allem, was sich unter "Lachgemeinschaften" fassen ließe. "Was komisch sei, ist bekanntlich nicht kulturunabhängig zu klären", so der Göttinger Germanist Klaus Grubmüller. Er hat die verblüffende Beobachtung gemacht, dass in den "Mären", in den so beliebten Streicherzählungen, das Lachen bereits im 15. Jahrhundert zurücktritt. Verblüffend deshalb, weil in dem klassischen Buch über die Lachkultur des vormodernen Europa, Michail Bachtins "Rabelais" von 1965, doch zu lesen ist, das "karnevaleske Lachen" sei ein Kennzeichen gerade des
 Rekonstruktion der Abtei von Thélème
Spätmittelalters und eine Voraussetzung der Renaissance. Offenkundig liegen ganz verschiedene Formen von Komik zugrunde: In den Mären geht es, bei aller Ausführlichkeit des Redens über Sexualität, nicht um Zeugung und Geburt.

Jedenfalls kommen Zweifel auf, ob Zivilisationstheorien à la Norbert Elias die Entwicklung nicht allzu linear betrachtet haben. Ließen die Menschen des Mittelalters ihren Emotionen wirklich ungehemmt freien Lauf? Der Münsteraner Historiker Gerd Althoff ist zu einem anderen Schluss gelangt. Wenn etwa ein Kaiser jemanden anlächelte, dann war das ein wohlkalkuliertes und wohldosiertes Zeichen seiner Huld – eine Inszenierung, die nicht gut mit modernen Ansprüchen von "Authentizität" zu messen ist; bedauerlich nur, dass Althoffs Ausführungen hierzu so knapp ausfallen. In andere Situationen können wir uns dagegen sehr gut hineinversetzen. Auch mittelalterliche Menschen schätzten es aufs höchste, wenn ein Machthaber einen anderen durch Schlagfertigkeit in seine Schranken wies und dabei die Lacher auf seiner Seite hatte. Wie empfindlich etwa der Merowingerkönig Gunthram sich von den Gesandten seines Oheims Childebert vor dem versammelten Hof blamiert fühlte, ist aus seiner Reaktion beim Abschied zu ersehen: "Der König ließ ihnen Pferdemist, faule Holzspäne, Spreu und vermodertes Holz, ja sogar stinkenden Straßenkot auf den Kopf werfen."


Neu auf dem Büchermarkt:
Lachgemeinschaften. Kulturelle Inszenierungen und soziale Wirkungen von Gelächter im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit,
herausgegeben von Werner Röcke und Hans Rudolf Velten,
Walter de Gruyter, Berlin/New York, ISBN 3-11-018236-X, 98,- €

Mehr im Internet:
Mittelalter
frühe Neuzeit



 

 




Josef Tutsch 

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

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