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05.05.2013 - EXISTENZPHILOSOPHIE

Der Sprung ins Paradox des Glaubens

von Josef Tutsch

 
 

„Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.“  Es gibt wenige andere Stellen in der Bibel, die modernen Lesern – auch oder gerade gläubigen Christen – derart anstößig erscheinen wie die Geschichte von Abraham und Isaak. Immanuel Kant sah nur eine einzige Möglichkeit, diese Stelle so zu deuten, dass sie seinem Kategorischen Imperativ nicht stracks zuwiderlief. Abraham hätte der vermeintlich göttlichen Stimme antworten müssen: "Dass ich meinen guten Sohn nicht töten soll, ist ganz gewiss; dass aber du, der du mir erscheinst, Gott seiest, davon bin ich nicht gewiss und kann es auch nicht werden."

Kant war überzeugt, dass Gott niemals etwas verlangt hätte, was dem Sittengesetz zuwiderlief. Wenn Gottes Gebot nicht dem menschlichen Gewissen entsprach, dann war er eben nicht Gott. Eine Unterordnung der überlieferten Religion unter die Moralphilosophie – konnte sich ein Christ mit dieser Lösung zufrieden geben? Kant meinte Ja; seine Position hat die Gedankenwelt der Moderne nachhaltig geprägt.

Aber das ist nicht die ganze Geschichte des Glaubens in den letzten zwei Jahrhunderten. Für den dänischen Denker Søren Kierkegaard war das Wort Gottes eindeutig und erlaubte keine moralisierenden Umdeutungen: „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, und bring ihn als Brandopfer dar.“ Als Philosoph konnte er Kant nicht widersprechen: Was Gott verlangte, war Mord. Aber als „religiöser Schriftsteller“, wie er sich selbst bezeichnete, wollte Kierkegaard, der vor 200 Jahren, am 5. Mai 1813, in Kopenhagen geboren wurde, seine Zeit lehren, diesen Widerspruch auszuhalten. „Abraham glaubte, er zweifelte nicht, er glaubte das Unsinnige" – das war für Kierkegaard die Richtschnur. Den Wahrheitsanspruch des Christentums von seiner Angleichung an eine spekulative Metaphysik abhängig zu machen, wie Hegel es gelehrt hatte, war Hybris.

Die Versuchung liegt nahe, Kierkegaards Entwicklung psychologisch zu verstehen. Seine Biographie weist zwei existenzielle Krisen auf. 1838 verstarb sein Vater, der Großkaufmann Michael Pedersen Kierkegaard. Der Sohn erlebte den Verlust als ein „Erdbeben“; die Gefühlswelt des Vaters, der alle Schicksalsschläge seines Lebens als göttliche Strafe für seine Sünden erlebt hatte, übertrug sich auf ihn selbst. Und 1841 beendete Kierkegaard seine Verlobung mit der zehn Jahre jüngeren Regine Olsen. Die Gründe sind letztlich ungeklärt. Anscheinend zweifelte Kierkegaard an seiner Fähigkeit, Regine glücklich zu machen; doch der Eindruck ist schwer abzuweisen, dass er mit diesem Schritt vor allem sich selbst bestrafen wollte. Oder eigentlich: Er wollte Schuld auf sich laden, um strafwürdig zu werden; er wurde wissentlich und willentlich zum Verführer und zum Schurken.

Aber auch wenn man das Biographische nicht in den Vordergrund stellt – Kierkegaard war ein Selbstquäler. "Meine Sünde ist", schrieb er zur Auflösung des Verlöbnisses, "dass ich nicht Glauben hatte, Glauben daran, dass für Gott alles möglich ist; aber wo ist die Grenze zwischen dem und Gott versuchen?" Ein Denker, der – mitten im 19. Jahrhundert – Begriffe wie "Glauben" und "Sünde" in die Philosophie wiedereinführte: Kierkegaard war ein Unzeitgemäßer.

Abraham, der Held des Glau-
bens: Isaakospfer, von Rem-
brandt, 1634 (Ermitage, St.
Petersburg) - Bild: Wikipedia
Dabei orientierte er sich in seinem Denken doch an der Modephilosophie seiner Zeit, dem Hegelianismus. Aber zum Bruch kam es an Hegels Voraussetzung, dass der christliche Glaube nicht die letzte, sondern bloß die vorletzte Stufe im Prozess der Vernunft sei, sich also erst in der Philosophie, vollende. Als Kierkegaard 1841 nach dem theologischen Examen eine Karriere im Kirchendienst ausschlug, um sein Leben einer "religiösen Schriftstellerei" zu widmen, erschien gerade Ludwig Feuerbachs "Wesen des Christentums". Feuerbach hatte aus Hegels idealistischem System das Idealistische entfernt; Fazit des Buches war die Verkehrung aller Theologie in Anthropologie: "Das Bewusstsein Gottes ist das Selbstbewusstsein des Menschen, die Erkenntnis Gottes die Selbsterkenntnis des Menschen."

Kierkegaard setzte gerade umgekehrt an. Das Selbst-Sein des Menschen gründete in seinem Verhältnis zu Gott; alle Philosophie, die davon absehen wollte, war bloß vorläufig. Kierkegaard wollte mit dem Christentum radikal Ernst machen, und vor diesem Maßstab konnte die Philosophie ebenso wenig Stand halten wie die „Christenheit“ seiner Zeit. In seinen letzten Jahren wurde Kierkegaard immer radikaler, provozierte die Oberen der dänischen Kirche mit der Aussage, ihre Verkündigung sei pure Heuchelei, angepasst an die Gewohnheiten und Bedürfnisse der bürgerlichen Welt.

Vor Kierkegaards Ernsthaftigkeit entlarvte sich die Geschichte des Christentums als eine fortschreitende Einbuße an Innerlichkeit und Leidenschaft. Friedrich Nietzsches Zeitanalyse eine Generation später, dass „Gott tot“ sei, der Glaube an den christlichen Gott von den Menschen nicht mehr geglaubt werde  – Kierkegaard hat sie vorweggenommen. Aber sein Angriff auf die Kirche, auf die moderne "Christenheit", wurde von den Zeitgenossen ebenso verständnislos aufgenommen, wie es Nietzsche drei Jahrzehnte nach Kierkegaards Tod in der „Fröhlichen Wissenschaft“ von seinem „tollen Menschen“ schilderte.

Die Aufgabe, ein Christ zu werden, der Sprung in den Glauben: Es war ein Bruch mit der Welt, wozu Kierkegaard die Zeitgenossen aufforderte. Auch um den Preis, dass der Verstand dabei „gekreuzigt“ werden musste. In Kierkegaards Sicht stand der Einzelne in seinem Verhältnis zu Gott über jeder allgemeinen, deshalb bloß abstrakten Reflexion, auch über dem ethischen Gebot. "Jedes Mal, wenn ich die Bewegung des Glaubens machen will, wird es mir schwarz vor Augen", bekannte Sören Kierkegaard selbst. Konnte irgendein Mensch sicher sein, dass Gott nicht auch von ihm derart Ungeheuerliches verlangen würde wie einst von Abraham?

Es wird der immer rasantere Fortschritt der empirischen Wissenschaften gewesen sein, der einige Jahrzehnte nach Kierkegaards Tod allmählich das Interesse für seine Philosophie weckte: Der Stachel, "dass man in unserer Zeit über dem vielen Wissen vergessen hat, was Existieren ist und was Innerlichkeit zu bedeuten hat", wurde immer schmerzlicher spürbar. Im 20. Jahrhundert hat Kierkegaard gleich eine doppelte Nachfolge gefunden. Die „dialektische Theologie“ im Umkreis von Karl Barth suchte ebenso wie ihr Ahnvater im 19. Jahrhundert nach Wegen, die Wahrheit des christlichen Glaubens von allen philosophischen Reflexionen und historischen Erkenntnissen unabhängig zu machen. Ob diese Erneuerung des Christentums damit erkauft wurde, dass sich die Theologie sozusagen immunisierte, gegen die Möglichkeit rationaler Kritik abschottete, wird bis heute kontrovers diskutiert.

Sören Kierkegaard,
Karikatur in der Zeit-
schrift "Corsaren", 1846
Bild: Wikipedia
Und die weltliche Philosophie folgte Kierkegaard im Bestreben, Wahrheit nicht als eine Aufeinanderfolge von Aussagen zu denken, sondern als eine innerliche Bewegung des Menschen selbst. Das freilich, worauf es Kierkegaard eigentlich ankam, die Wahrheit des Christentum, wurde von der Mehrzahl der "Existenzphilosophen" und „Existentialisten“ im 20. Jahrhundert ausgeblendet. Ein Sprung in den Glauben – den christlichen Glauben jedenfalls – kam weder für Martin Heidegger noch für Karl Jaspers in Frage und erst recht nicht für Jean-Paul Sartre oder Albert Camus.

Aktuell blieb jedoch für all diese Denker Kierkegaards Kritik an jeder Philosophie, die das Irrationale – das „Absurde“, mit einem Ausdruck, der im 20. Jahrhundert populär wurde – rationalistisch wegerklären will. Kierkegaard sprach von der Angst. "Das ganze Dasein ängstigt mich“, notierte er 1839 in sein Tagebuch, „von der kleinsten Fliege bis zu den Geheimnissen der Inkarnation." Mit der Inkarnation, der Menschwerdung des Gottessohnes, hatte Albert Camus, um aus der Schar von Kierkegaards „Schülern“ im 20. Jahrhundert nur diesen einen herauszugreifen, nichts im Sinn. Aber er teilte Kierkegaards Angst: "Das Gefühl der Absurdität kann einen beliebigen Menschen an einer beliebigen Straßenecke anspringen."

Lässt sich die Angst überwinden? Kierkegaard predigte den Sprung ins Paradox des Glaubens; auch Camus suchte nach einem Weg, die Negation ins Positive zu verkehren: "Es bleibt eine Welt, in der der Mensch der einzige Herr ist." Ebenfalls ein „Sinn“, der da im Trotz gegen das Absurde behauptet wird; auch da liegt ein „Sprung“ vor. Der französische Philosoph, der sich in so vielem von der religiösen Tradition des Abendlandes abgewandt hatte, war seinem dänischen Vorbild und Widerpart ein Jahrhundert zuvor vielleicht doch näher, als er sich selbst eingestehen wollte.


Mehr im Internet:
Sören Kierkegaard
scienzz artikel Philosophie des 19. Jahrhunderts





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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