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10.11.2005 - EXISTENZPHILOSOPHIE
Der Sprung ins Paradox des Glaubens
150. Todestag von Sören Kierkegaard am 11. November
von Josef Tutsch
 | | Sören Kierkegaard
(Mai 1813 - 11. November 1855)
| | | Ob Kierkegaard bekannt war, wie Immanuel Kant die Geschichte von Abraham und Isaak ausgelegt hatte? Kant war überzeugt, dass Gott niemals etwas verlangt hätte, was dem Sittengesetz zuwiderlief. Abraham hätte der vermeintlich göttlichen Stimme antworten müssen: "Dass ich meinen guten Sohn nicht töten soll, ist ganz gewiss; dass aber du, der du mir erscheinst, Gott sei, davon bin ich nicht gewiss und kann es auch nicht werden." Punctum. Wenn Gottes Gebot nicht dem menschlichen Gewissen entsprach, dann war er eben nicht Gott.
"Jedes Mal, wenn ich die Bewegung des Glaubens machen will, wird es mir schwarz vor Augen", bekannte Sören Kierkegaard ein halbes Jahrhundert später. Als Philosoph hätte er Kant nicht widersprechen können. Was Gott verlangte, war Mord. Aber am Wort der Offenbarung war nicht zu rütteln: "Nimm deinen einzigen Sohn, den du liebst, und opfere
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Der Held des Glaubens: Abraham (Rembrandt, 1634)
| ihn!" Der "religiöse Schriftsteller", wie Kierkegaard sich selbst bezeichnete, wollte seine Zeit lehren, diesen Widerspruch auszuhalten. "Abraham glaubte, er zweifelte nicht, er glaubte das Unsinnige" – das war die Richtschnur.
Hegel hatte eine Lösung des Widerspruchs angeboten. Der Glaube sei bloß die vorletzte Stufe im Prozess der Vernunft und vollende sich im absoluten Wissen. Salopp ausgedrückt, wie Hegel selbst es sorgsam vermieden hat: In frühen Stadien seiner Selbstbewusstwerdung konnte Gott vielleicht nicht immer so genau sagen, was er eigentlich wollte. An diesem Punkt musste sich Kierkegaard jedoch von dem bewunderten Lehrer trennen. Den Wahrheitsanspruch des Christentums von seiner Annäherung an eine spekulative Metaphysik abhängig zu machen, war Hybris.
Man könnte versuchen, Kierkegaards Entwicklung psychologisch zu rekonstruieren: seinen Entschluss, die Erfahrung der Sündhaftigkeit, die der Vater ihm kurz vor seinem Tod bekannt
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Der bewunderte Lehrer und Gegner: G. W. F. Hegel
| hatte, für sich selbst zu übernehmen; den Bruch der Verlobung, durch den er sich selbst, wider besseres Wissen, zum Verführer und zum Schurken machte oder machen wollte. Aber auch wenn man das Biographische nicht in den Vordergrund stellen will – Kierkegaard war ein Selbstquäler. "Meine Sünde ist", schrieb er zur Auflösung des Verlöbnisses, "dass ich nicht Glauben hatte, Glauben daran, dass für Gott alles möglich ist; aber wo ist die Grenze zwischen dem und Gott versuchen?" Was verstand er unter "Sünde"? "Vor Gott verzweifelt man selbst sein wollen oder vor Gott verzweifelt nicht man selbst sein wollen".
Ein Denker, der – mitten im 19. Jahrhundert – Begriffe wie "Glauben" und "Sünde" in die Philosophie wiedereinführte: Kierkegaard war ein Unzeitgemäßer. Als er 1841 nach dem theologischen Examen eine Karriere im Kirchendienst ausschlug, um sein Leben einer "religiösen Schriftstellerei" zu widmen, erschien gerade Feuerbachs "Wesen des Christentums". Feuerbach hatte aus Hegels idealistischem System das Idealistische entfernt; Ergebnis: "Das Bewusstsein Gottes ist das Selbstbewusstsein des Menschen, die Erkenntnis Gottes die Selbsterkenntnis des Menschen." Kierkegaard setzte gerade umgekehrt an. Das Selbstsein des Menschen gründete in seinem Verhältnis zu Gott.
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Nachfolger des Philosophen Kierkegaard: Karl Jaspers
| Beim Blick auf die Kirche seiner Zeit kam er zu dem Schluss: Ihre Verkündigung sei Heuchelei, angepasst an die Gewohnheiten und Bedürfnisse der bürgerlichen Welt. 18 Jahrhunderte Christentum – eine fortschreitende Einbuße an Innerlichkeit und Leidenschaft. Friedrich Nietzsches Zeitanalyse eine Generation später – Kierkegaard hat sie vorweggenommen. Doch Kierkegaards Angriff auf die Kirche, auf die moderne "Christenheit", wurde von den Zeitgenossen ebenso verständnislos aufgenommen, wie es Nietzsche von der Predigt seines "tollen Menschen" schildert, dass Gott tot sei.
Ihre Aufgabe freilich haben diese Denker ganz verschieden gesehen. Während Feuerbach sich mit der Überführung des traditionellen Glaubens in die nachidealistische Gefühlskultur durch und durch zufrieden zeigte, während Nietzsche das Ende des Christentums für historisch gegeben hielt und nach neuen Möglichkeiten der Sinngebung suchte, wollte Kierkegaard mit seiner "religiösen Schriftstellerei" das Christentum, wie es von den Aposteln verkündet worden war, in die bestehende "Christenheit" wieder einführen.
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Folgt dem Beispiel des gläu- bigen Christen: Karl Barth
| Die Aufgabe, ein Christ zu werden, der Sprung in den Glauben: Es war ein Bruch mit der Welt, wozu Kierkegaard die Zeitgenossen aufforderte. Wie sich allerdings mit dieser Paradoxie des Glaubens leben lässt – ja, auf diese Frage gab Kierkegaard seinen Lesern keine Antwort. Es wird der immer rasantere Fortschritt der empirischen Wissenschaften gewesen sein, der Jahrzehnte nach Kierkegaards Tod allmählich das Interesse für seine Philosophie weckte: Der Stachel, "dass man in unserer zeit über dem vielen Wissen vergessen hat, was Existieren ist und was Innerlichkeit zu bedeuten hat", wurde immer schmerzlicher spürbar.
Nur das, worauf es Kierkegaard eigentlich ankam, wurde von den "Existenzphilosophen" des 20. Jahrhunderts ausgeblendet. Ein Sprung in den Glauben – den christlichen Glauben, jedenfalls – kam weder für Heidegger noch für Jaspers in Frage und erst recht nicht für Sartre. Was das
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Sören Kierkegaard, zeitgenössische Karikatur | angeht, hat die "dialektische Theologie" im Umkreis von Karl Barth sich enger an den Ahnvater aus dem 19. Jahrhundert gehalten. Kierkegaards Position, dass historische Erkenntnisse für die Wahrheit des Christentums ebenso wenig von Belang seien wie die spekulativen Konstruktionen der Philosophie, gab eine Möglichkeit, die Theologie ungeachtet aller Einwände aus den Wissenschaften neu zu begründen. Ob das allerdings nicht vielmehr eine "Immunisierung" bedeutet, eine Abschottung gegen jede Möglichkeit rationaler Kritik, wird bis heute kontrovers diskutiert.
Mehr im Internet: Sören Kierkegaard Existenzphilosophie
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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