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kultur

24.11.2005 - BAROCK

Theater des Himmels und der Erde

Das Rom der Barockpäpste in Bonn

von Josef Tutsch

 
 

Modell der Kuppel, Michelangelo
und Giacomo della Porta, 1561
(Fabbrica di San Pietro)

Ende November kommt die Kuppel von St. Peter in Rom für drei Monate an den Rhein. Nun ja, nicht die 132,5 Meter hohe Kuppel selbst, aber das Holzmodell, das Michelangelo und Giacomo della Porta um 1560 angefertigt haben, und das misst in der Höhe immerhin stolze fünf Meter. "Vielleicht die schönste und einfachste Umrisslinie, welche die Baukunst auf Erden erreicht hat", urteilte in seinem "Cicerone" Jacob Burckhardt. Das Modell steht im Zentrum der Ausstellung "Barock im Vatikan", die ab 25. November 2005 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Rom zu sehen sein wird.

Die Besucher werden sich also Gedanken machen können, nach welchem Anschauungsmaterial die Päpste damals ihre Bauaufträge vergeben haben. Michelangelos Konzept der Peterskirche gilt heute als Ursprung des Barockstils. Hält man seinen Grundrissentwurf neben den älteren seines Kollegen Bramante, wird die Neuerung gegenüber der Renaissance deutlich: Bramante hatte in den vier Ecken des griechischen Kreuzes, dessen Mitte durch die Kuppel bekrönt wurde, die Gesamtanlage in kleinerem Maßstab wiederholt, eine klassisch ruhige Lösung. Michelangelo nahm diesen kleineren Systemen ihre Selbständigkeit, band sie in den

Giov. Lanfranco, Madonna 
und hl. Laurentius
(Palazzo des Quirinale, Rom)
zentralen Raum unter der Kuppel hinein, gestaltete das Ganze zu einem schwellenden Organismus.

Dass gerade das Rom der Gegenreformation zur europäischen Kunst- und Kulturmetropole aufsteigen konnte, gehört zu den erstaunlichen Phänomenen der Geschichte. In religiöser Hinsicht blieb die Hälfte des Kontinents an die Reformation Luthers und Calvins verloren, trotz der Stoßkraft, die vor allem der neue Jesuitenorden entfaltete. Politisch mussten die Päpste sich, eingezwängt zwischen Spanien und Frankreich, mit der Rolle eines italienischen Kleinstaates begnügen.

Aber die Päpste und Kardinäle, die großen Ordensgemeinschaften und Adelsfamilien bauten. Die Aufgabe, St. Peter fertig zu bauen und auszustatten, beschäftigte die berühmtesten Künstler der Epoche, nach Michelangelo unter anderen Bernini und Borromini, Guercino und Reni. Womöglich noch größeren Einfluss auf Europa hatte die Mutterkirche des Jesuitenordens, Il Gesù, von Giacomo da Vignola 1568, wenige Jahre nach Michelangelos Tod begonnen. Der Typus eines einheitlichen Kirchenraumes, ohne selbständige Nebenräume, ganz wie es das Tridentinische Konziel für die Liturgie forderte, wurde hundertfach variiert. Bleibt abzuwarten, wie der Vorbildcharakter des barocken Rom für zwei Jahrhunderte europäischer Baukunst sich in Bonn verbildlichen lässt.

Carlo Maratta: Madonna, um
1694 (Musei Pontificei)

Schwierigere Aufgaben als bei anderen Kunstepochen stellen sich dem Ausstellungskonzept auch hinsichtlich Skulptur und Malerei. Der italienische Barock pflegte die Vorstellung vom Gesamtkunstwerk. Wie Bernini und Borromini ihre Kirchen präzise ins römische Stadtbild einpassten, ebenso war Formen und Farben im architektonischen Rahmen eine dienende Funktion zugedacht. "Theatrum sacrum", "heiliges Theater" haben bereits die Zeitgenossen die Idee des römischen Barockstils bündig zusammengefasst.

Ernsthaften Gemütern aus dem protestantischen Norden musste dergleichen verdächtig sein, eben "theatralisch". Kein Wunder, dass zum Beispiel Berninis "Verzückung der heiligen Theresa", geschaffen in den Jahren um 1650, von jeher entlarvungspsychologisch befragt worden ist. Die dargestellte Heilige hatte es ja selbst gelegentlich geschrieben: "Die Seele ist wie zwischen Himmel und Erde aufgehängt und weiß nicht, wohin sich wenden. Man fühlt seine Seele leidenschaftlich emporgehoben."

Ercole Ferrata, Modellino für
einen Engel mit Kreuz
(Ermitage, St. Petersburg)

Aber auch ohne Theresa und den Hochaltar von St. Peter oder die großen Deckengemälde, die dem Betrachter in Kirchen und Palästen mit perspektivischer Raffinesse ein ganzes Himmelreich vorspiegeln, steht in Bonn mit Gemälden, Skulpturen, Bildteppichen, geistlichen Gewändern und kostbaren Bucheinbänden ein Fest der Sinne zu erwarten. Und wohl auch ein Fest des Intellekts. Das päpstliche Rom des 16. und 17. Jahrhunderts war eine Metropole nicht nur der Kunst, sondern auch der Wissenschaften.

Für diese Ausstellungssektion wurde das Zentrum für Kulturtechnik der Berliner Humboldt-Universität beauftragt, ein Konzept zu erarbeiten. So werden Nachbauten von naturwissenschaftlichen Instrumenten der Zeit es ermöglichen, einen Einblick zu gewinnen in diese vergangene Wissenskultur. Man darf sich durch den Inquisitionsprozess gegen Galileo Galilei, der für Jahrhunderte das Bild der römischen Kirche verdunkelt hat, nicht täuschen lassen. Hinter diesem Prozess stand nicht globale Wissenschaftsfeindlichkeit, es ging vielmehr um den Wahrheitsanspruch der Theologie einerseits, der neu entstehenden empirischen Naturwissenschaft andererseits.

Michelangelos Grundrissentwurf
für St. Peter

1603 bereits, Galileis Abschwörung lag noch drei Jahrzehnte in der Zukunft, gründete Papst Clemens VIII. eine wissenschaftliche Akademie, Vorbild aller modernen Wissenschaftsakademien. Ziel war die bildliche Erfassung aller Naturerscheinungen. Ihren Namen "die Lincei" leitete die Akademie von dem scharfäugigen Luchs, italienisch "lince", ab, und Wissenschaftsgeschichte machte sie unter anderem durch die erste Abbildung, die mit Hilfe eines Mikroskops erstellt wurde – die päpstlichen Gelehrten hatten keinerlei Bedenken, ihre Augenkraft künstlich zu schärfen.



Ausstellung

Barock im Vatikan. Kunst und Kultur im Rom der Päpste II,
25. November 2005 bis 19. März 2006 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn

geöffnet Dienstag und Mittwoch 10 - 21 Uhr, Donnerstag bis Sonntag sowie an allen Feiertagen 10 - 19 Uhr, Montag sowie Heiligabend und Silvester geschlossen


Mehr im Internet:
Barock im Vatikan


 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation 

 

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