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kultur

26.11.2005 - POLNISCHE LITERATUR

Träumer von einem freien Vaterland

Vor 150 Jahren starb Polens Nationaldichter Adam Mickiewicz

von Josef Tutsch

 
 

Adam Mickiewicz
(24. 12. 1798 - 26. 11. 1855)

"Einst schmückte auf dem Kapitol dem Dichter
Die Stirne man mit einem Lorbeerreis.
Wie glücklich wär ich heut, drückt’ mir der Richter
Kornblumenschmuck aufs Haupt als Siegespreis.
Mit grünen Rauten sei’s ein Kranz, ein schlichter!–
Ich wäre überglücklich, wenn ich weiß,
Dass ihn in stillen Abendfeierstunden
Ein Mädchen unsres Heimatdorfs gewunden."

In Deutschland muss man wahrscheinlich Slavist sein, um diese Verse wiederzuerkennen; in Polen weiß sie jedes Schulkind auswendig. Es handelt sich um die Schlussstrophe des polnischen Nationalepos "Pan Tadeusz". Am 26. November vor 150 Jahren ist der Dichter, Adam Mickiewicz, in Konstantinopel verstorben.

Denkmal in Krakau

Ein polnischer Patriot. Dabei wurde Mickiewicz gar nicht in Polen geboren, sondern in einem Dorf bei dem litauischen Nowogrudok, als Sohn einer kleinadligen Familie. Der Dichter sagte gern, er habe zwei Heimatländer, Polen und Litauen. Die Abenteuer seines Herrn Tadeusz beginnt er mit dem Vers "Litauen, du mein liebes Vaterland!" Vielleicht waren es auch drei. Nowogrudok gehört heute zu Weißrussland, und die Linguisten behaupten, zum Ärger vieler Polen, dass das Nationalepos kräftig mit litauischen und weißrussischen Sprachelementen durchsetzt ist.

Mickiewicz’ Heimatland? Es war jenes "Polen", das 1795, drei Jahre vor seiner Geburt, von der Karte Europas verschwand. Entstanden war es im 14. Jahrhundert, als eine polnische Königin einen litauischen Großfürsten heiratete. Das Territorium reichte von der Ostsee bis zum Dnjepr und nahm mit der Zeit die Form einer Adelsrepublik an (übrigens mit der Amtssprache Latein), die sich von Fall zu Fall einen König an ihre Spitze wählte. Dem Druck der Nachbarn Russland, Österreich und Preußen vermochte dieses Staatsgebilde am Ende nicht standzuhalten. In den Polnischen Teilungen wurde der größte Teil Polens von Russland annektiert.

"Pan Tadeusz", Illustration von Juliusz
Kossak, 1890

Man kann sich vorstellen, wie die Ideen der Französischen Revolution aufgenommen wurden. Auch der junge Mickiewicz beteiligte sich, während er ansonsten romantische Gedichte schrieb, an studentischen Geheimbünden. 1823 wurde er verhaftet und musste Litauen verlassen. Der Zwangsaufenthalt in St. Petersburg, Odessa und Moskau hatte allerdings ein Ergebnis, das nicht im Sinne der zaristischen Polizei gewesen sein wird. Mickiewicz kam in Kontakt mit der russischen Opposition. Mit der Verserzählung "Konrad Wallenrod" machte sich der 30-jährige zum Anführer der polnischen Intelligenz. Der Widerstand gegen Russland erhielt ein mittelalterliches Gewand in den Kämpfen gegen den Deutschen Ritterorden. Doch die Zensur ließ sich nicht täuschen. Das Motto, das dem Poem vorangestellt war – "Der Verrat ist die Waffe des Sklaven" – musste gestrichen werden.

"Pan Tadeusz", Plakat zum Film
von Andrzej Wajda 

Immerhin erhielt Mickiewicz die Erlaubnis, Russland zu verlassen. In Dresden wurde, in den Monaten nach der blutigen Niederschlagung des Aufstandes von 1830/31, das dramatische Gedicht "Totenfeier" vollendet. Im Widerstreit zwischen patriotischem Impetus und Gegenwartsrealität erging sich der Autor in geschichtsphilosophischen, um nicht zu sagen: geschichtsmystischen Spekulationen. In der Passion Christi sah Mickiewicz das aktuelle Geschick des polnischen Volkes vorgezeichnet – ein "Messianismus", der bis heute dazu führt, dass sich die verschiedensten politischen Richtungen auf Polens "Nationalpropheten" berufen können.

In den Reisejahren durch Deutschland, Italien, die Schweiz und Frankreich reifte auch das riesige Epos von "Pan Tadeusz", mit 20.000 Versen umfangreicher als die "Ilias". 1834 konnte es in Paris erscheinen. In Polen ist es bis heute das meistgelesene Buch nach der Bibel, 1999 lockte Andrzej Wajda mit seiner Verfilmung über sechs Millionen Zuschauer in die Kinos. International ist das Publikum, trotz mindestens 42 Übersetzungen, dagegen eher begrenzt geblieben.

Weißrussische Briefmarke

Zwei verfeindete Adelsgeschlechter und die Liebe zweier junger Leute: vordergründig  betrachtet also ein Romeo-und-Julia-Stoff. Die Handlung spielt jedoch 1811/12, am Vorabend von Napoleons Russlandfeldzug "’Der Kaiser macht uns frei!’ Wie Glockenläuten erklingt der Ruf der Hoffnung durch das Land. Der Frühling kommt! Vorbei der Knechtschaft Leiden. Das Volk steht auf, die Waffe in der Hand.". Vergebliche Hoffnungen, wie der Dichter wusste. Die nationale Wiedergeburt blieb vorläufig eine Sache der Poesie. Ludwig Uhland besang den polnischen Kollegen: "Leben schaffen solche Geister, dann wird Totes neu geboren; ja! Mir bürgt des Liedes Meister: Noch ist Polen nicht verloren!"

Der "Pan Tadeusz" blieb Mickiwicz’ letztes poetisches Werk. Die folgenden Jahren gehörten der publizistischen Arbeit für die polnische Sache – immer im Sinne seines "polnischen Messianismus", der im Westen allerdings weder bei Liberalen noch bei Konservativen auf Gefallen traf. Wiederum

Polnische Münze
Reisen durch Europa. 1848 versuchte er in Rom, Papst Pius IX. für seine Ideen zu gewinnen. Nachdem 1853 Frankreich und Großbritannien gegen Russland den Krimkrieg eröffnet hatten, ging Mickiewicz in die Türkei, um dort polnische Legionen aufzustellen. 1855 starb er in Konstantinopel an der Cholera. Zunächst wurde er auf dem Pariser Friedhof Montmorency beigesetzt. 1890, Polen war immer noch geteilt, holte ihn der österreichische Teil seines Vaterlandes heim. Mickiewicz erhielt seine Ruhestätte in der Königsgruft auf dem Krakauer Wawel.



Mehr im Internet:

Adam Mickiewicz



 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation 

 

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