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17.11.2005 - KULTURWISSENSCHAFTEN

Sintfluterinnerung - und ein Tollhaus von Büchern

Ein neuer Sammelband zum Thema "Erinnerungskultur"

von Josef Tutsch

 
 

Wenn jemand felsenfest glaubt, er wäre Augenzeuge der Sintflut gewesen – wie könnten wir ihn eigentlich vom Gegenteil überzeugen? Das Gedankenexperiment, das John Locke vor über 300 Jahren angestellt hat, zeigt, dass es mit unseren Erinnerungen eine schwierige Sache ist. Das berühmte Wort des Romanciers Marcel Proust, die Erinnerung sei das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden könnten, gewinnt da einen durchaus unbehaglichen Sinn: Verlässlichen Halt gibt uns dieses "Paradies“ wohl doch nicht.

Trotz solcher Schwierigkeiten: Der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann hat mit seiner These, "dass sich um den Begriff der Erinnerung ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften aufbaut“, vermutlich Recht. An der Universität Gießen arbeitet seit ein paar Jahren ein Sonderforschungsbereich zum Thema "Erinnerungskulturen“. Im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht ist jetzt ein umfangreicher Band mit Arbeitsergebnissen herausgekommen, gut zwei Dutzend Aufsätze zur Selbstbesinnung des Spektrums, das sich heute "Kulturwissenschaften" nennt. In der prägnanten Zusammenfassung von Marcus Sandl: "Sinn“ wird nicht mehr dem Sein, den Dingen, der Wirklichkeit selbst zugerechnet, sondern als Ergebnis von Interpretations- und Deutungsmustern betrachtet.

Michelangelo, Die Sintflut (Rom, Fresko
in der Sixtinischen Kapelle)

Wie weit Vorgeschichte solcher Selbstbesinnung zurückreicht, wird im Aufsatz von Jens Mattern deutlich. Platon kontrastierte die philosophische Existenz als Erinnerung an die Schau der Ideen einem kulturell gängigen, aber äußerlich bleibenden "Wissen“. Eine Abwertung des kulturellen Wissens, folgert Mattern, aber zugleich ihre Anerkennung: Der Mensch realisiert seine Menschlichkeit, indem er durch ein "stets anders bleibendes Gegen-Gedächtnis“ animiert wird, und bewegt sich doch unaufhebbar in den vorgegebenen Erinnerungskulturen.

Das kann zum Beispiel ein – imaginierter – nationaler Erlebnis- und Handlungszusammenhang sein. Günter Lottes nennt Gustav Freytags früher viel gelesene Romanfolge "Die Ahnen“: "In der radikal völkischen Vorstellungswelt wurde der Germane zum Zeitgenossen, die Urzeit diente als Projektionsfläche, für einen Normhorizont, der wiederum aus den Bedürfnissen der Gegenwart abgeleitet war.“ Die Französische Revolution machte dagegen den Versuch, kulturelle Prägungen auszulöschen, sich "von der Geschichte überhaupt“ zu befreien. Gegen Lottes wäre allerdings zu fragen, inwieweit nicht auch dieses Gegen-Gedächtnis kulturell vorgeprägt war.

Königsstatue von Notre-
Dame, in der Revolution
heruntergestürzt

Es ist leicht zu sehen, dass die Frage des festen Halts – wir sind wieder bei Locke! – der heikle Punkt in diesem neuen Konzept von Kultur- (früher sagte man Geistes- oder Sozial-)wissenschaften sein muss. Durch die ungeheure Zunahme der Wissensbestände wird das Problem noch kompliziert. Bereits im 16. Jahrhundert, darauf weisen Günter Butzer, Joachim Jacob und Gerhard Kurz in ihrem Beitrag hin, kam Montaigne zu dem Schluss, ein überwucherndes kulturelles Gedächtnis sei geradezu der Feind des Urteils und der Vernunft. Friedrich Nietzsche pries die Kraft zum Vergessen und den Willen zur Perspektive.

Die Bibliothek als Metapher für unser kulturelles Gedächtnis findet sich bei Kirsten Dickhaut analysiert. Ordnung, eine von Gott gesetzte Ordnung – aber in Musils "Mann ohne Eigenschaften“ fragt der Protagonist, wie man sich in einem solchen "Tollhaus von Büchern“ zurecht finden könne. Juan Luis Borges hat in seiner "Bibliothek von Babel“ den Gedanken bis in die absurde Konsequenz fortgetrieben: Es gibt kein Außerhalb mehr, die Bibliothek ist mit dem, was sie darstellen will, dem Universum, identisch geworden.

Auswählen also. Für die breite Öffentlichkeit ist das in den letzten Jahrzehnten beim Deutschunterricht zum Thema geworden. Herbert Grabes und Margit Sichert geben eine Abriss über die Diskussion um einen literarischen "Kanon“ seit dem Aufkommen der europäischen Nationalkulturen in der Renaissance. Vergleichbares muss es übrigens schon im hohen Mittelalter gegeben haben. Werner Rösener zitiert die Schimpfkanonade über einen Bischof Gunther von Bamberg, der

König Louis-Philippe (1830-1848),
als Birne karikiert

"niemals an Augustinus, niemals an Gregor“ gedacht haben soll; "immer beschäftigt er sich mit Attila, immer mit Amalung und dergleichen.“ Der geistliche Herr bewegte sich offenbar lieber in nicht ganz so geistlichen Erinnerungsräumen.

Merkwürdig, dass in dem umfangreichen Sammelband kein Artikel zum Thema Fernsehen enthalten ist. Dabei war bereits Goethe bewusst, dass optische Reize sich dem Gedächtnis viel stärker einprägen können als sprachliche Formulierungen. In der Novelle "Die guten Weiber“ findet sich ein "Streit für und gegen Karikatur“: "Hat nicht jedes Zerrbild etwas unwiderstehlich Anziehendes? Macht ein solches Bild nicht einen unauslöschlichen Eindruck?“ und die Karikaturen-Gegnerin antwortet: "Das ist’s, warum ich sie verabscheue.“ Rolf Reichardt demonstriert, mit welchen Mitteln die satirische Druckgraphik um 1800 ihre – revolutionäre oder gegenrevolutionäre – Tendenz den Zeitgenossen einzuprägen verstand.

Leider allzu stichwortartig fallen Christiane Holms und Günter Oesterles Hinweise auf zwei unterschiedliche oder gegensätzliche Kulturpraktiken dieser Wende vom 18. bis zum 19. Jahrhundert aus: das dingliche, greifbare "Andenken“, das von weitem immer noch an die mittelalterliche Reliquie mahnt und mit der Zeit in Fetisch-Verdacht gerät, einerseits, andererseits die strikt innerliche "Andacht“, die alles Materielle höchstens noch zur Erinnerungsfunktion gelten lässt. Bezeichnend ein Vorgang 1841, als von der "Lutherbuche“ bei Altenstein Devotionalien "als eine Erinnerung an den großen Mann Dr. Martin Luther“ gefertigt wurden. Der zuständige Pfarrer Johann Conrad Ortmann sah sich genötigt, diesen Souvenirbetrieb vom katholischen "Reliquienhandel“ abzusetzen: nichts von "wundertätigen Kräften“, sondern nur aus Achtung gegen einen "einstigen frommen Erdenpilger“.

Jerusalem, heilige Stadt dreier Religionen

Sehr aktuell lesen sich die Ausführungen von Sabine Damir-Geilsdorf und Béatrice Hendrich über Endzeit-Inszenierungen im Islam. Zum Beispiel der Ausspruch des Propheten Muhammad: Die Stunde der Erlösung "naht nicht, bevor die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten“ – in der Rhetorik der Intifada ist er zum beständigen Motiv geworden. Die Autorinnen weisen nach, wie eschatologische Richtungen aus allen drei Religionen des Heiligen Landes einander in ihrer Feindschaft bestärken. 1969 legte ein christlicher Fundamentalist aus Australien Brand an die Aqsa-Moschee, um den Bau des dritten jüdischen Tempels zu ermöglichen und so die Wiederkunft Christi zu beschleunigen. Dieser Gedanke hält sich hartnäckig in der arabischen Presse. 2001 argumentierte die libanesische Zeitung al-Hayat, USA und UNO wollen mit dem Ausbau des Staates das Kommen des Messias herbeiführen.

Und hierzulande? "Erinnerungsseligkeit ist nicht festzulegen auf erlaubte Erinnerungen. Die Erinnerungsseligkeit will sich auch mit Panzerrasseln und Hitlerjugend-Zelt mästen.“ Mit diesen Sätzen eröffnete Martin Walser 1978 einen quälenden Zwist über die Frage, ob und wie sich persönliche, positiv besetzte Erinnerungen von übergeordneten Normen abtrennen lassen. Dass ein paar Jahre später die Diskussion um die Aussage bereichert würde, auch in der DDR sei "nicht alles

Jeanne-d'Arc-Denkmal  in
New Orleans

schlecht“ gewesen, konnte Walser damals nicht ahnen. Claudia Althaus hat die Vernehmungsprotokolle nationalsozialistischer Täter im Zweiten Weltkrieg untersucht. Verbreitetes Muster: Die Täter spalteten sich selbst im Rückblick in ihre reine Menschlichkeit einerseits, die Beteiligung an Taten, die sie selbst als unrein, inhuman klassifizierten, andererseits.

Da wäre in einem Band, der sich mit "Erinnerung“ beschäftigt, die Frage nach der ideengeschichtlichen Genese solcher Deutungsmuster wohl am Platz gewesen. Das entsprechende Material zum Thema "Jeanne d’Arc“ bietet Dietmar Rieger dagegen in üppiger Fülle. Anders als die Hermannsschlacht in Deutschland ist der französische Nationalmythos bis heute lebendig, der Adaptationen von der Heiligenfigur über Oper und Film bis zur Briefmarke sind Legion. Dass manches Detail dabei arg entgleist – nun ja, das gehört wohl auch zu solchen "Erinnerungskulturen“. 2001 wollte die Frauenzeitschrift "Elle“ einen neuen Modestil vorstellen, mit vielen Lederteilen und Metallaccessoires. "Lebensstil: kämpferisch und anschmiegsam. Look: provokant und verführerisch. Vorbild: Jeanne d’Arc.“ Die Zeitschrift widerstand der Versuchung nicht, das Ganze mit dem Slogan zu versehen: "Ihr sollt brennen ... vor Leidenschaft!“ Und in New Orleans fand im Jahr 2000 an einem Johanna-Denkmal eine Parade mit 1500 Hunden statt. Irgendein Witzbild war auf die Idee verfallen, "Jeanne d’Arc“ in "Joan of Bark“ umzuformen, und "Bark“ bedeutet so viel wie "Hundegebell“.


Neu auf dem Büchermarkt:
Erinnerung, Gedächtnis, Wissen. Studien zur kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung,
herausgegeben von Günter Oesterle,
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005 (ISBN 3-525-355858), 98,-


Mehr im Internet:
Sonderforschungsbereich 434 "Erinnerungskulturen"



 



Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

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