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14.12.2005 - BILDTHEORIE

Echte Bilder und wahre Zeichen

Der Wiener Kunstwissenschaftler Hans Belting über "Bildfragen als Glaubensfragen"

von Josef Tutsch

 
 

Aus dem Jesus Film Project 1978

Es war in der Nacht des 28. Mai 1898. Im Entwickler-Bad des Fotografen Secondo Pia begann sich langsam etwas abzuzeichnen. Und da ertappte sich Pia, wie er später selbst schrieb, bei einem fast schon blasphemischen Gedanken. In wenigen Augenblicken würde er der erste Mensch seit Jesu Tod sein, der das Antlitz des Erlösers zu sehen bekam.

Aus Anlass des 50. Jahrestags der italienischen Verfassung hatte König Umberto I. den Fotografen beauftragt, erstmals eine Aufnahme des Turiner Grabtuchs zu erstellen. Die Pilger sollten "echte" Bilder mitnehmen können. Wenige Tage nach der Entwicklung geschah jedoch etwas Unerwartetes. Das Fotostudio rannte der Domkapelle bei den Pilgern den Rang ab. Im Studio bekamen sie das "echte" Bild Christi zu sehen, während sie in der Kirche die Reliquie nur blicklos verehren konnten.

Lukas malt die Madonna mit Kind
(Rogier van der Weyden,, um 1435,
Boston)
Was ist ein echtes Bild? Der Wiener Kunstwissenschaftler Hans Belting hat die Fragestellung seines längst klassisch gewordenen Buches über "Bild und Kult" von 1990 wieder aufgenommen. Diesmal geht es weniger um historische Analyse als um den Zugang, der sich von unserer Foto- und Filmwelt aus zum Thema gewinnen lässt. Einer "säkularisierten" Welt? 1978 wurde in den USA das "Jesus Film Project" realisiert: Jesus erschien sozusagen live auf der Leinwand und rezitierte zum Publikum Passagen aus dem Lukas-Evangelium. Andererseits – als sich Papst Johannes Paul II. Ostern 2000 für die Weltpresse ablichten ließ, wie er eine uralte, "nicht von Menschenhand gemachte" Christus-Ikone küsste, war von der Ikone gar nichts zu sehen, bloß der küssende Papst.

Ob der blutüberströmte Christus in Mel Gibsons Passions-Film dem Publikum eine religiöse Erfahrung vermittelt hat? Beltings Ehrgeiz zielt darauf, im Durchgang durch das historische Material eine "Bildanthropologie" zu entwickeln, die wiederum verstehen lässt, wie sich unsere europäische "Bildkultur" entwickelt hat. Seit dem 6. Jahrhundert sind Legenden
Mel Gibsons Passionsfilm, 2004
von "authentischen" (durch Abdruck des nassen oder blutigen Körpers entstandenen) Christus-Bildern belegt. Repliken verwandelten den Abdruck gleichsam zurück in das Gesicht, vom er abgenommen sein sollte – prinzipiell ähnlich dem fotografischen Verfahren, das Secondo Pia später praktizierte, jedoch mit lebendig blickenden Augen.

Offenbar ist dieses Bedürfnis nach Authentizität – im doppelten Sinn, durch  Körperkontakt und als physiognomische Ähnlichkeit – erst im 6. Jahrhundert aufgetreten; in der frühesten Zeit hielten sich die Christen an das biblische Bilderverbot, vom 4. Jahrhundert an musste es zunächst einmal das Ziel sein, der nichtchristlichen Umwelt durch Ähnlichkeiten oder Unterschiede zu anderen Göttern ein Bild von Christus zu machen.

Zur unterschiedlichen Entwicklung in Byzanz und im Abendland verweist Belting auf die antike Theaterterminologie. Im Griechischen wurden das Gesicht einerseits, die Theatermaske, die von einer gesichtartigen Mutterform abgenommen war und ein Gesicht vorstellen konnte, andererseits mit demselben Ausdruck bezeichnet, die lateinische Sprache hatte zwei
"La Sainte Face" aus Laon, serbische
Ikone aus dem 13. Jahrhundert
verschiedene Wörter. Zugespitzt: Die Maske im griechischen Wortsinn zeigte, die im lateinischen verhüllte eher. Liegt hier bereits ein Grund, weshalb die westlichen Theologen den turbulenten Wechseln von Bilderkult und Bildersturm im byzantinischen Reich so verständnislos gegenüberstanden? Aktuell wurde der berühmte Dissens von 794 offenbar dadurch hervorgerufen, dass sich in der Übersetzung der Konzilsbeschlüsse von Nicaea 787 "Verehrung" und "Anbetung" heillos vermischten.

Belting warnt davor, diesen westlichen Rationalismus misszuverstehen; er war die Kehrseite eines sehr materialistischen, fetischartigen Reliquienkultes. Das hohe Mittelalter setzte den Bildern außer Reliquien noch etwas anderes entgegen: die Realpräsenz Christi in Brot und Wein des Abendmahls. Von "Abstraktion", betont Belting, kann auch hier keine Rede sein: "Was die Eucharistie an Realität voraus hatte, machten die Bilder durch ihren Realismus wett." Nachdem die Hostien die Gegenwart Christi manchmal durch Blut bezeugten, begannen auch die Bilder zu bluten. Seit der Renaissance wurde das "echte" Bild zu einem Produkt der Einbildungskraft, die Künstler lieferten Trompe l’oeil-Gemälde, die das Tuch mit dem Antlitz Christi hyperrealistisch als dreidimensional vortäuschten. 

Francisco de Zurbarán, Santa Faz,
1631 (Stockholm, Nationalmus.)

Teilweise neu gegenüber "Bild und Kult" sind Beltings Überlegungen zur Reformationszeit: "Reinigung" der Bilder zu beinahe schon verbalen Zeichen im Protestantismus, üppige Bildinszenierungen im gegenreformatorischen Katholizismus. Es ist belegt, dass im holländischen Bildersturm 1568 ein Altargemälde mit dem Text der zehn Gebote übermalt oder besser überschrieben wurde! Eine Parallele zu Praktiken, wie sie Jahrhunderte zuvor in Byzanz vorgekommen waren. 726 rühmte sich Kaiser Leon III., dass er eine Ikone über seinem Palasttor entfernen und statt dessen "das segenbringende Zeichen des Kreuzes" anbringen ließ.

Jedoch ein sehr wichtiger Unterschied: Durch die neuen Drucktechniken konnte jetzt im Prinzip jedermann Bilder kaufen und verbreiten oder auch vernichten. Natürlich machten die Flugblätter beider Konfessionsparteien nicht zuletzt von der Möglichkeit Gebrauch, satirische Karikaturen weit zu verbreiten. Aus Beltings Perspektive eine Radikalisierung dessen, was sich bereits in der lateinischen Spätantike angebahnt hatte: "Die Karikatur erklärte das Gesicht zur unwahren Maske."

Michelangelo, Christus
(Rom, S. Maria sopra
Minerva; Lendentuch
nicht ursprünglich) 
Angesichts der "Demokratisierung" durch die neuen Techniken, stellt Belting fest, "erscheint es umso paradoxer, dass man über Bilder von einst stritt, deren Wunderlegenden ohnehin nur mehr die Unterschichten überzeugten." Leider muss offen bleiben, was die Reformatoren zu Michelangelos nackten Christus-Darstellungen gesagt hätten, die auch im Rom der Gegenreformation bald Anstoß erregten. Belting hat für die Nacktheit eine plausible Erklärung: "Es ist der verwandelte und verklärte Körper des Auferstandenen, der Michelangelo dazu ermächtigte und dem Blick des Betrachters Zügel anlegte."


Neu auf dem Büchermarkt:
Hans Belting: Das echte Bild. Bildfragen als Glaubensfragen, Verlag C. H. Beck München (ISBN 3-406-53460-0), 29,90 €


Mehr im Internet:
IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften
scienzz artikel Bild- und Kunsttheorie





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communication

 

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