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22.12.2005 - WEIHNACHTSKRIPPE
Maria mit Schnürmieder und Josef ohne Hosen
Die Kunst der Krippe - zwischen Neapel und Oberbayern
von Josef Tutsch
 | | Ochs und Esel (Konrad von Soest, 1404,
Stadtkirche Niederwildungen)
| | | "Am dritten Tage nach der Geburt unseres Herrn Jesus Christus trat die seligste Maria aus der Höhle, ging in einen Stall hinein und legte ihren Knaben in eine Krippe, und Ochs und Esel beteten ihn an. Da erfüllte sich, was durch den Propheten Jesaja verkündet ist, der sagt: Der Ochs kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn." Diesen Hinweis auf Ochs und Esel haben Hörer der Weihnachtsgeschichte vermutlich immer schon vermisst. Die Sätze stammen aus dem sogenannten "Pseudo-Matthäus", einem apokryphen Evangelium, das im 8. oder 9. Jahrhundert entstanden ist. Unsere Weihnachtskrippen sähen viel ärmer aus, wenn der unbekannte Verfasser dieses Detail nicht überliefert hätte.
Wann zum ersten Mal ein frommer Christ auf den Gedanken kam, die Geburt Jesu plastisch darzustellen, lässt sich heute nicht mehr sagen. Populär geworden ist die "Krippe" jedenfalls durch Franz von Assisi. Die Szenerie, die er 1223 in einem Dorf in Latium aufbaute, enthielt einen lebendigen Ochsen und einen lebendigen Esel. "Ich möchte", schrieb Franz zur Begründung, "die bittere Not, die der Heiland schon als kleines Kind zu leiden hatte, wie er in eine Krippe gelegt wurde, an der Ochs und Esel standen, und auf Heu gebettet, so greifbar wie möglich mit leiblichen Augen schauen."
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Weihnachtskrippe aus Neapel
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Den Hintergrund bildete eine der heftigsten Lehrstreitigkeiten des Mittelalters. Wenige Jahre zuvor hatte das Konzil im Lateran dogmatisch festgestellt, "dass das Brot im heiligen Abendmahl durch göttliche Macht in den Leib Christi und der Wein in das Blut Christi verwandelt werden". Das richtete sich nicht nur gegen den einen oder anderen Theologen, der das Sakrament eher symbolisch verstehen wollte, sondern vor allem gegen die "dualistischen" Lehren, die damals in Italien und Frankreich verbreitet wurden: Wenn das Übernatürliche nicht sozusagen greifbar in die Natur eingehen konnte, dann war die Heilsvermittlung durch die Kirche in Frage gestellt. Die Menschwerdung des Gottessohnes durfte als Analogie zur Verwandlung von Brot und Wein in das Fleisch und Blut Christi gelten - die Krippe diente also zur Veranschaulichung kirchlicher Lehre, mehr noch: als sichtbarer Ausdruck göttlichen Wirkens durch die Kirche.
Reliquien aus der Geburtsgeschichte Jesu waren geeignet, der Vorstellungskraft aufzuhelfen. In Wittenberg wurden, einem Katalog aus dem Jahre 1509 zufolge, "drei Stücke von der Krippe und zwei Stücke vom Heu" aufbewahrt; in Aachen zeigt man, wie ein Holzschnitt von 1460 ausweist, die Hosen des heiligen Josef, die für Windeln genommen worden waren - ein Motiv, das auch in manchem Altarbild dargestellt ist und Kunstfreunde vor die Frage stellt, warum der Heilige eigentlich seine Hosen ausgezogen hat. In Santa Maria Maggiore in Rom kann der Pilger heute noch Holzreste der Krippe besuchen.
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Weihnachtskrippe aus Österreich
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Der Sinn für das "Historische", Authentische muss sehr früh aufgekommen sein: Bereits im 3. Jahrhundert erwähnt der Gelehrte Origenes, in Bethlehem könne jeder die Höhle zeigen, in der Jesus geboren, und die Krippe, in die er gelegt wurde. Anders als die lateinische Kirche, die das Geschehen in einem Stall ansiedelt, spricht die ostkirchliche Tradition nämlich von einer Felsenhöhle. Die umfangreichste Krippenausstellung Deutschlande, vielleicht der Welt, zeigt das Bayerische Nationalmuseum in München, eine andere berühmte Krippensammlung hat das Stadtmuseum in Aix-en-Provence. In Neapel, wo die Krippenkunst im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte, lassen sich die Künstler in der Via San Gregorio Armeno bis heute bei der Arbeit über die Schulter sehen.
Unnötig zu sagen, dass die Details aller Darstellungen sich mehr aus der realen Umwelt der Künstler herleiten als aus einem vorgestellten Palästina zur Zeit des Neuen Testaments. In Oberbayern trägt Maria ein Schnürmieder und Josef eine lederne Bundhose, als Panorama ist die Alpenkette zu sehen. In Neapel findet sich die Heilige Familie mitsamt Engeln, Hirten und Königen in ein buntes Straßen- und Markttreiben hineingestellt, mit viel Felsen- und Ruinenlandschaft und dem Vesuv als Kulisse. Dutzende von Figuren ergeben ein Kaleidoskop der Berufe, vom Pizzabäcker, Fischhändler und Melonenverkäufer über die Wäscherin und den notorisch betrunkenen Gastwirt bis zu den Hirten und Musikanten, gelegentlich auch Typen aus der Commedia dell'arte wie der listige und gefräßige Diener Pulcinella mit seiner Vogelnase.
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Weihnachtskrippe aus Bayern
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Oft ist eine Mehrzahl von Materialien wie Terrakotta und Holz verwendet, die mit Metalldraht montiert wurden; in erstarrter Form kann der Nordländer jene ausgreifende Gestik wiederentdecken, die ihm an Süditalien als charakteristisch vorkommt. Damals, im 18. Jahrhundert, muss es zu jedem Weihnachtsfest einen Wettstreit der betuchten Adelsfamilien um die reichste und schönste Krippe gegeben haben. "Die Mutter Gottes, das Kind und die sämtlichen Umstehenden und Umschwebenden sind kostbar ausgeputzt, auf welche Garderobe das Haus große Summen verwendet", berichtete Goethe von dieser "entschiedenen Liebhaberei der Neapolitaner"...
Dass die Schilderung im Lukas-Evangelium nicht gerade auf üppige Lebensverhältnisse schließen lässt, ist in den Hintergrund getreten. Schließlich waren zu den Hirten und Engeln die Weisen aus dem Morgenland hinzugekommen, von denen das Matthäus-Evangelium erzählt: Spätestens seit dem "armenischen Kindheitsevangelium" aus dem 9. oder 10. Jahrhundert wurden sie als Könige vorgestellt, und deren Zug statteten die Künstler mit allem Prunk aus, den ihre Phantasie dem Orient nachsagen mochte. Daneben durfte die Heilige Familie nicht gar zu ärmlich zurückstehen.
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Weihnachtskrippe aus der Provence
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Altarbilder mit der Geburt Christi im Sinn, wird der Betrachter an neapolitanischen Krippen vielleicht das Fehlen des Kreuzes bemerken: Dieser deutliche Hinweis auf die Passion wäre in dem fröhlichen Volksleben wohl doch nicht ganz am Platze. So etwas wie Sozialkritik darf man ebenfalls nicht erwarten; in dieser ganz und gar unpuritanischen Kunstwelt hat das Wort "Idylle" keinen abschätzigen Unterton. Dem ancien régime der Bourbonen vor der Revolution wird diese Auffassungsart durchaus genehm gewesen sein.
Eine ganz andere Politik verfolgten seit der Aufklärung manche der deutschen Staaten. So wurde es 1802 in Bayern verboten, in den Kirchen eine Krippe aufzustellen - mit dem Erfolg, dass die Sitte nunmehr endgültig ihren Einzug in die Privatsphäre, in die Bürger- und Bauernhäuser, hielt. In den letzten hundert Jahren hat die Weihnachtskrippe sich auch in vielen evangelischen Familien durchgesetzt. Dabei hegte Martin Luther gegen solches Brauchtum schwerste theologische Bedenken: Heiligenfiguren waren allemal verdächtig, der "Abgötterei" Vorschub zu leisten.
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Weihnachtskrippe aus Neapel
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Immerhin: Luther ließ sich überzeugen, dass mit lebendigen, szenischen Darbietungen die neue, "evangelische" Lehre ebenso gut dem Volke eingeschärft werden konnte wie die alte. So schrieben vom 16. bis zum 19. Jahrhundert die evangelischen Pfarrer einerseist, die katholischen andererseits um die Wette ihre Weihnachtsspiele für die Schuljugend - mit dem Unterschied, dass die evangelischen Stücke sich enger an den Bibeltext zu halten hatten. Angleichung zwischen den Konfessionen aber auch hier: Auch aus dem katholischen Brauchtum zur Geburtsgeschichte Jesu ist so manches phantasievolle Detail längst verschwunden, zum Beispiel das "Eselsfest", mit dem drei Wochen nach Weihnachten der Flucht nach Ägypten gedacht wurde. In den liturgischen Gesängen wurde der Ruf des Esels nachgeahmt, und die fromme Feier endete mit einem dreifachen "Ia".
Mehr im Internet: Weihnachtskrippe Der Apfel der Sünde am Baum der Erlösung
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation
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