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kultur

21.12.2011 - WEIHNACHTSBAUM

Goldene Äpfel an Tannen und Fichten

Der doppelte Ursprung des Weihnachtsbaums

von Josef Tutsch

 
 

Weihnachtsbaum am Frank-
furter Römer - Bild: Thomas
Wolf/Wikipedia

Da geht es dem Weihnachtsbaum nicht anders als den Ostereiern oder dem Fußballspiel: Irgendwann waren sie da und im nachhinein konnte niemand mehr sagen, wie lange schon, und wo sie hergekommen sein könnten. Die amerikanische National Christmas Tree Association, der nationale Weihnachtsbaumverband der USA, hat das lettische Riga zum "Geburtsort" erklärt. Tatsächlich – 1510 stellte eine Gilde ausländischer Kaufleute dort vor dem Rathaus einen Baum auf, der mit Wollfäden, Stroh und Äpfeln geschmückt und zur Fastenzeit verbrannt wurde. So berichtet der Sachbuchautor Bernd Brunner in seinem neuen Büchlein über die "Erfindung des Weihnachtsbaums".

Vielleicht handelte es sich in Riga aber gar nicht um einen Weihnachts-, sondern um einen Winterbaum: Mit dem Baum sollte das "Überwintern" der Vegetation symbolisch dargestellt werden. "Der im Freien, meist am Dorfbrunnen, aufgestellte  Mittwinterbaum", schreibt Brunner, "war in Nord- und Mitteleuropa sehr beliebt", ähnlich wie heute noch die Mai- oder Erntebäume. Man darf vermuten, dass dieses nordeuropäische Fest der Wintersonnenwende, das "Julfest", bis in vorchristliche Zeiten zurückreicht; der Name "Jul" wurde später auf Weihnachten übertragen.

Aus Franken ist überliefert, dass es bereits im 13. Jahrhundert Brauch war, Zweige von Laubbäumen zu schneiden und in der häuslichen Wärme erblühen zu lassen. Anscheinend führte diese Sitte zu größeren Waldschäden. 1494 verurteilte es der Straßburger Stadtschreiber Sebastian Brant, dass sich die Bürger zu Neujahr Tannenzweige abschnitten und in die Stube holten. 1554 wurde in Freiburg im Breisgau das Baumfällen zu Weihnachten, das sogenannte "weyhenacht-meyen", verboten; 1611 ist bei einem ähnlichen Verbot im oberelsässischen Turckheim ausdrücklich von "Weihnachtsbäumen" die Rede.

Irgendwann im 16. Jahrhundert also müssen sich die profanen Bräuche um das winterliche Grün mit dem christlichen Weihnachtsfest verbunden haben. 1539 wurde zu Weihnachten im Straßburger Münster ein Baum aufgestellt. Bald gab es "Weihnachtsbäume" auch in den Häusern der Zünfte. 1570 ist im Bremer Zunfthaus ein Baum belegt, von dem die Kinder zum Fest die Äpfel, Nüsse, Brezeln und Papierblumen abschütteln durften. 1605 war es in Straßburg bereits allgemein üblich geworden, an den Tannenbäumen bunte Papierrosen, Äpfel, Teigplätzchen, Zuckerstücke und goldglitzernde Metallplättchen aufzuhängen.

Vom profanen winterlichen Brauchtum zum Symbol des christlichen Festes ... Das heute so beliebte Weihnachtslied "O Tannenbaum" ist einen ähnlichen Weg gegangen. "O Tanne, du bist ein edler Zweig, du grünest Winter und die liebe Sommerzeit, wenn alle Bäume dürre sein, so grünest du, edles Tannenbäumelein", hieß es einer Fassung aus dem späten 16. Jahrhundert, ohne jeden Bezug auf Weihnachten. Erst der Leipziger Lehrer Ernst Anschütz machte 1824 durch eine eher beiläufige Erwähnung des Festes in der zweiten Strophe daraus ein Weihnachtslied: "Wie oft hat nicht zur Weihnachtszeit ein Baum von dir mich hoch erfreut!" Dem deutschen Publikum damals war die Gleichung von Tannenbaum und Weihnachtsbaum längst selbstverständlich geworden.

Weihnachten im 19. Jahrhundert, von
Ludwig Richter - Bild: Wikipedia

Eine Karriere, die freilich mit manchen Widerständen verbunden war. 1647 geißelte der evangelische Münsterprediger Johann Conrad Dannhauer in Straßburg den Weihnachtsbaum als "Kinderspiel" und forderte, man solle seine Zeit besser "mit Gottes Wort und heiligen Übungen" zubringen. Immerhin – solche "Lappalien" seien noch weniger schlimm als die "Abgötterei" mit einem "vermummten Christkindlein", wie man sie sonst zu treiben pflege. Diese Polemik ging gegen die Weihnachtskrippen, wie sie in katholischen Kirchen bis heute üblich sind. Bis weit ins 19. Jahrhundert galt in Mitteleuropa der Grundsatz: Protestanten haben zu Weihnachten ihren Baum, Katholiken ihre Krippe.

Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts hatte der Weihnachtsbaum nach und nach nicht nur die protestantischen Kirchen und Vereinshäuser erobert, sondern auch die Wohnungen des Adels und des wohlhabenden Bürgertums. Für die Kinder wurde ihm – ganz ähnlich wie den Ostereiern – eine wunderbare Herkunft angedichtet: Der Weihnachtsmann persönlich hätte ihn gebracht. In seiner Frühzeit wurde der Baum oft nicht am Boden aufgestellt, sondern an der Balkendecke aufgehängt, manchmal sogar mit der Spitze nach unten. In der Regel werden es auch damals schon Tannen- oder Nadelbäume gewesen sein, aber keineswegs immer. Um 1700 beklagte sich Liselotte von der Pfalz, dass sie am französischen Hof keinen Weihnachtsbaum vorfand, wie sie ihn in Heidelberg gewohnt war – sie dachte an einen Buchsbaum.

Bald fand der Weihnachtsbaum auch Eingang in die große Literatur. In "Werthers Leiden" beschrieb Goethe die "Erscheinung eines aufgeputzten Baumes mit Wachslichtern, Zuckerwerk und Äpfeln", unter dem die Bescherung für die Kinder vorbereitet wurde. Noch ein Beispiel, E. T. A. Hoffmanns Erzählung "Nussknacker und Mäusekönig": "Der große Tannenbaum in der Mitte trug viele goldne und silberne Äpfel, und wie Knospen und Blüten keimten Zuckermandeln und bunte Bonbons und was es sonst noch für schönes Naschwerk gibt, aus allen Ästen. Als das Schönste an dem Wunderbaum musste aber wohl gerühmt werden, dass in seinen dunkeln Zweigen hundert kleine Lichter wie Sternlein funkelten und er selbst in sich hinein- und herausleuchtend die Kinder freundlich einlud seine Blüten und Früchte zu pflücken."

Damals war es bereits üblich, den Weihnachtsbaum mehr oder weniger üppig mit Kerzen zu schmücken. Das passte gut in die dunkle Jahreszeit und wurde auch durch den Bibeltext begünstigt, der die Hoffnung auf das Kommen des Erlösers immer wieder mit Lichtmetaphern ausdrückt. Goethe persönlich soll 1766 die Kerzen am Weimarer Hof eingeführt haben. Auch in Thomas Manns "Buddenbrooks" sind es noch Wachskerzen: ".der gewaltige Tannenbaum, welcher, geschmückt mit Silberflittern und großen weißen Lilien, einen schimmernden Engel an seiner Spitze und ein plastisches Krippenarrangement zu seinen Füßen, fast bis zur Decke emporragte ..."

Die Massenverbreitung des Weihnachtsbaumes war erst möglich geworden, nachdem die Eisenbahn ab Mitte des 19. Jahrhunderts große Mengen von Bäumen in die Städte transportieren konnte. Gerade in dieser Zeit mauserte sich der deutsche Brauch des Weihnachtsbaums auch weltweit zum "Exportschlager". 1837 führte ihn Herzogin Hélène von Orléans in Paris ein, 1840 Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha in London. Queen Victoria ließ einen dreizehn Meter hohen Baum mit Pretiosen im Wert von 10.000 britischen Pfund schmücken. Der riesige Weihnachtsbaum am Rockefeller Center in New York ist zum nationalen Symbol geworden: Einige zehntausend Lampen auf einer mehr als fünf Meilen langen Schnur erleuchten das nächtliche Manhattan.

Weihnachtsbaum bei Königin Vic-
toria und Prinzgemahl Albert
Bild: Wikipedia

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts kamen in den USA auch Christbäume aus Eisen auf, beleuchtet mit Gasflammen. Sehr beliebt, schreibt Brunner, sind heute Glasfaserbäume, die in markanten Farben leuchten. Inzwischen haben auch Länder, in denen das Christentum keine Rolle spielt, ihre Weihnachtsbäume. 2010 wurde in einer Hotellobby in Abu Dhabi als Reverenz an westliche Besucher ein dreizehn Meter hoher Baum mit Gold, Perlen und Edelsteinen im Wert von knapp 9 Millionen Euro geschmückt. Wahrscheinlich würde sich jener evangelische Münsterprediger aus Straßburg in seinem Schimpfen über die "Lappalien" bestätigt sehen.

Seine katholischen Kollegen und Konkurrenten zeigten sich in ihrem Widerstand gegen den Weihnachtsbaum wesentlich hartnäckiger. Noch um 1900 wurde der Weihnachtsbaum von katholischen Predigern polemisch als "Lutherbaum", der Protestantismus insgesamt als "Tannenbaum-Religion" bezeichnet. Dem hatten die Vertreter des Protestantismus unfreiwillig sogar Vorschub geleistet. Mitte des 19. Jahrhunderts schuf der Weimarer Kupferstecher Carl Schwerdtgeburth eine der populärsten Darstellungen von Martin Luther: Der Reformator mit Familie unter einem Weihnachtsbaum.

Dabei hatte Luther von einem Weihnachtsbaum noch gar nichts gewusst. Aber zweifellos empfanden viele Protestanten das Vorlesen der Weihnachtsgeschichte und das gemeinsame Singen der Weihnachtslieder im Familienkreis unter dem Baum als das zentrale Ereignis in einem christlich geprägten Jahresablauf. Auf katholischer Seite wetterte noch 1909 ein Predigerhandbuch gegen den "Schwindel" mit dem Baum. Was die beiden Benediktinerpatres, die das Buch herausgaben, nicht wissen konnten: Die Ethnologen unterstellen heute, dass der Weihnachtsbaum eben nicht nur auf die Sehnsucht nach ein wenig Grün in der kalten Jahreszeit zurückgeht, sondern noch einen zweiten, durchaus geistlichen Ursprung hat.

Am 24. Dezember feiert die Kirche das Gedenkfest für Adam und Eva. Im späten Mittelalter wurde an diesem Tag vielerorts ein Paradiesspiel aufgeführt, mit dem Baum der Versuchung, von dem unsere Ureltern nicht essen durften, im Mittelpunkt. Wenn in der Nacht oder am folgenden Tag ein weihnachtliches Krippenspiel folgte, wird der Baum oft stehen geblieben sein – ein hochsymbolisches Arrangement: Christus wurde Mensch, um die Sünde der Ureltern im Paradies zu sühnen. Und damit verwies der Paradies- oder Weihnachtsbaum zugleich auf das Kreuz in den Passionsspielen vor Ostern. Alter Legende zufolge war das Kreuz von Golgatha aus dem Holz dieses Baumes der Versuchung geschnitzt.

Wenn man ein bisschen spekulieren darf: Gut möglich, dass in solchen Weihnachtspielen der Stern von Bethlehem an der Spitze jenes Baumes angebracht wurde, von dessen Ast wenige Stunden zuvor der verbotene Apfel Adam und Eva verlockt hatte. Ein Apfel übrigens deshalb, weil im Lateinischen das Wort für Apfel, "malum" mit langem "a", beinahe lautgleich mit jenem für Sünde ist, "malum" mit kurzem "a". Vom Baum der Versuchung zum Weihnachtsbaum ... "Die genauen Umstände dieser Übertragung sind jedoch nicht überliefert", seufzt Brummer. 

'Weihnachtsbaum am Rockefeller Center
in Manhattan - Bild: JGHowes/Wikipedia

À propos Apfel: "Hoch oben", ist in einem Bericht über eine Weihnachtsfeier bei den Grafen Stolberg in der Nähe von Hamburg 1798  zu lesen, "hing ein Apfel, so schön, so kunstreich vergoldet, wie kein anderer. Den holte er plötzlich mit halsbrecherischer Kunst herab, und dunkel errötend gab er ihn zur nicht geringen Verwunderung der Anwesenden dem ahnenden Mädchen." "Er", das war Friedrich Christoph Perthes, der spätere Verleger, und das Mädchen die Tochter des Dichters Matthias Claudius ("Der Mond ist aufgegangen ...").  Die beiden variierten – ob es ihnen im Rausch ihrer Gefühle so ganz bewusst war? – unter dem Weihnachtsbaum die Geschichte von Adam und Eva im Paradies.

Der vergoldete Apfel wird damals eher eine Ausnahme gewesen sein. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war es in der Regel wirklich Essbares, was da am Baum hing. Heutzutage haben rot- oder goldenleuchtende Glaskugeln die Nachfolge der Äpfel angetreten; hinzutreten wahlweise die Engel und Sterne aus dem Evangelium oder, eher weltlich, Tannenzapfen, dazu Rauschgold und Lametta. Die Kerzen sind oft nicht mehr aus Wachs, sondern werden elektrisch betrieben – wenn sich nicht doch der Trend "Zurück zur Natur" durchsetzt. Oder was man so "Natur" nennt: In Großbritannien wurde bereits versucht, ein Enzym des Glühwürmchens in das Erbgut von Nadelbäumen einzuschleusen – bislang vergeblich.

In Sachen Weihnachtsbaum gibt es eben nichts, was es nicht gibt – da lässt Brunners Insel-Büchlein keinen Zweifel. Im frühen 20. Jahrhundert waren Pickelhauben, Flugzeuge, U-Boote und Granaten als Baumschmuck beliebt; im Nationalsozialismus wurden für die Spitze Hakenkreuz und Sonnenrad empfohlen. Daneben wirken die rotwangigen, silbrig gekleideten Engelsfiguren in Heinrich Bölls Erzählung "Nicht nur zur Weihnachtszeit", die mechanisch "Frieden" flüstern, doch sehr beruhigend. Der Baumschmuck geht mit den aktuellen Zeitproblemen, mit den Moden und natürlich mit der Reklame. Zum Beispiel bei einem Projekt, das 1998 im New Yorker Central geplant war, Hauptsponsor war die Firma Coca Cola: Ein Weihnachtsbaum sollte von oben bis unten mit Kondomen geschmückt werden. Ausgerechnet in diesem Fall musste das Vorhaben wegen der heftigen Proteste aus der Bevölkerung abgesagt werden.


Neu auf dem Büchermarkt:
Bernd Brunner: Die Erfindung des Weihnachtsbaums,
Insel Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-458-19347-0, 12,90 € [D], 13,30 € [A]



Mehr im Internet:
scienzz Dossier Rund um das Weihnachtsfest
Weihnachtsbaum - Wikipedia




Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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