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07.12.2005 - GESCHICHTSWISSENSCHAFT

Zwischen Wirtshaus und Schlachtfeld

Neues über Gewalt in der frühen Neuzeit

von Josef Tutsch

 
 

Aus Franciso de Goyas
Desastres de la Guerra

"Ei, ei, was ist er doch ein trefflicher Scharlatan!", schrieb Friedrich II. von Preußen 1741 an den Rand eines Memorandums, das sein Außenminister Podewils entworfen hatte. Die Belustigung des königlichen Zynikers galt den Raffinessen, die sich Podewils als Rechtfertigung des Krieges um Schlesien hatte einfallen lassen. Offenbar wurden solche Argumentationen auch von ihren Urhebern nicht recht ernst genommen.

Wie aufschlussreich diese "Kriegsmanifeste" dennoch sein können, hat Ralf Pröve in einem Beitrag zu dem neu erschienenen Sammelband über "Gewalt in der Frühen Neuzeit" deutlich gemacht. Nach dem Westfälischen Frieden verlor die Religion als Argument für einen gerechten Krieg„ drastisch an Wert, das erstarkende Besitzbürgertum interessierte sich vielmehr für die Regeln der Kriegsführung, damit Handel und Gewerbe unbeschadet blieben. Die Könige zeichneten das Idealbild einer gezähmten„ Kriegsgöttin – Ursprung dessen, was in der internationalen Diplomatie heutzutage als sauberer Krieg ausgegeben wird. Die Schurkereien des Gegners gaben eine ideale Grundlage, den eigenen Krieg für gerecht zu erklären.

 Aus Jacques Callots "Les Misères et les
 Malheures de la Guerre"

Der Sammelband, der auf eine Berliner Historikertagung 2003 zurückgeht, vereinigt drei Dutzend Artikel zur Geschichte des 15. bis 18. Jahrhunderts – von der Bartholomäusnacht bis zur Eroberung Amerikas, von der Friedenssicherung in städtischen Gemeinwesen bis zur Hexenverfolgung. Die „große„ Politik, die früher das privilegierte Feld der Geschichtsschreibung war, findet sich eingestellt in ein umfassendes Spektrum von "Alltagsforschung". So berichtet Marion Füssel über Gewalt in der Gelehrtenkultur: körperliche Demütigungen, aber auch langwährende Abhängigkeitsverhältnisse, mit denen ältere Studenten bei ihren neuen Kommilitonen Korpsgeist einübten. Oder immer noch einüben: Füssel weist darauf hin, dass 1998 die französische Regierung solche Ausschreitungen mit einer hohen Geldstrafe sanktionieren musste. Theorien von einem geradlinigen "Prozess der Zivilisation", die sich in der Konstruktion so faszinierend ausnehmen, werden von der empirischen Forschung eben nicht durchweg bestätigt.

Die Bartholomäusnacht

Noch ein Beispiel für das Fragwürdigwerden überlieferter Schemata. Früher galt es als selbstverständlich, dass bei der spanischen Eroberung Amerikas in Mythos und Tradition gebundene Opfer einerseits, rational operierende, sozusagen moderne Täter andererseits einander gegenüberstanden. Sehr zweifelhaft, meint Christian Büschges; anscheinend verübten die Konquistadoren ihre Massaker vielmehr aus Unsicherheit. Oder die gewaltsamen Konflikte entstanden, wie Mark Häberlein im Fall des englischen Kolonialismus unterstellt, auf grund eines eurozentrischen Missverständnisses: Die Siedler versuchten ganz naiv, ihre Auseinandersetzungen mit den Indianer nach europäischen Rechtsgrundsätzen zu regeln.

Ein bemerkenswertes Beispiel der Rechtfertigung von Gewalt bringt Peter Burschel mit einer Flugschrift des Luther-Schülers Johann Agricola 1525. Im Mai dieses Jahres hatten fürstliche Truppen bei Frankenhausen etwa 6000 aufständische Bauern auf der Flucht ermordet. Agricola stilisierte das Massaker zu einem – Bürschel – "Mittel gesellschaftlicher Pädagogik", zu einer Warnung an die Bauern, ihre sozialen Grenzen nicht zu verletzen. Um Pädagogik geht es auch in dem Text von André Holenstein über den Tugend-Diskurs in der Schweiz des 18. Jahrhunderts. Der wohlhabend gewordenen Gegenwart wurde die Vergangenheit vorgehalten, wo der Kampf um das tägliche Brot die Menschen widerstandsfähig gemacht hatte und die Männer sich bereits in Friedenszeiten für den Krieg tauglich machten. Das Schicksal der antiken Republiken Athen, Sparta und Rom wurde beschworen: Wenn der Pfad der "Sitteneinfalt" verlassen wurde, drohte der Untergang.

Die Abkehr von den guten, alten Zeiten konnte durchaus auch politisch gewollt sein. Joachim Eibach stellt dar, wie der

 Adriaen Brouwer, Prügelnde
 Bauern

Stadtfrieden in der frühen Neuzeit mehr und mehr als Sache der Obrigkeit aufgefasst wurde. Eine durchgreifende "Pazifizierung" der Stadtgesellschaft? Eibachs Bilanz bleibt zwiespältig: Es scheint einen Rückgang der Gewaltfälle gegeben zu haben, aber gerade um 1800 sind Tumulte zu beobachten, die sich nicht mehr an die hergebrachten Spielregeln des Konfliktaustrags hielten. Vielleicht ist ja die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols insgesamt weniger ideal zu sehen, als wir uns das angewöhnt haben? Horst Carl bringt den Gedanken ins Spiel, dass die Staatsgewalt gerade umgekehrt jene Gewaltsamkeit erst produziert haben könnte, die dann das Schutzbedürfnis der Untertanen herrufen musste, das wiederum Herrschaft legitimieren konnte.

Andererseits betont Markus Meumann, dass eine Besatzungsmacht erst dann damit rechnen konnte, als legitime Obrigkeit anerkannt zu werden, wenn sie ihrem Militär Grenzen setzte. Ein Edikt Franz’ I. von 1523 erlaubte es der Landbevölkerung sogar, eigenmächtig plündernde Soldaten zu töten! Meumann und Eva Kormann machen auch auf die Doppeldeutigkeit der Wortgeschichte aufmerksam: „Gewalt„ ist einerseits "violentia", also illegitime, unordentliche Gewaltsamkeit, andererseits "potestas", legitime, obrigkeitlich ordnende Staatsgewalt, wie es auch uns noch im Wort "Gewaltenteilung" geläufig ist. Im Verhältnis zwischen solchen Obrigkeiten – Heinz Duchhardt, Lothar Schilling – wurde der Krieg von den zeitgenössischen Völkerrechtlern als Normalzustand betrachtet, trotz aller Formeln von der Ewigkeit des Friedens nach 1648. An der Front zum Islam verfolgten, wie bei Peer Schmidt und Christian Winter nachzulesen ist, die Höfe in Versailles und in Madrid ganz unterschiedliche Strategien. Spanien schloss mit muslimischen Fürsten bis 1767 nur ganz ausnahmsweise einmal einen Friedensvertrag und nicht bloß einen Waffenstillstand, wenngleich der Unterschied in der Praxis nicht so groß gewesen sein wird.

 Hans Baldung Grien,
 Hexensabbat

Das Bild von Gewalt in der Frühen Neuzeit wäre jedoch unvollständig ohne die Hexerei. Hexerei, wohlgemerkt, nicht bloß Hexenverfolgung! Monika Mommertz spricht von "imaginativer Gewalt", um die Verständnisschranke anzudeuten, die uns in dieser Hinsicht von der Vergangenheit trennt: Damals fühlten sich viele Zeitgenossen sehr real von Schadenszauber betroffen. Die Differenz, betont Mommertz, liegt nicht darin, dass die Menschen der Frühen Neuzeit nicht kausal gedacht hätten; vielmehr unterstellten sie eine bestimmte Kausalbeziehung, die für uns heute nicht mehr akzeptabel ist. Ansonsten ist der "Fortschrit"„ vielleicht nicht ganz so drastisch. Manches, was Harriet Rudolph aus frühneuzeitlichen Flugschriften zu Tage gefördert hat, lässt sich auch auf den Titelseiten unserer Boulevardzeitungen vorstellen. Oft macht ein göttlicher Eingriff das Verbrechen publik und ermöglicht die Sanktion, und ebenso wird die Gewaltakt selbst häufig einer übernatürlichen Macht, nämlich dem Teufel, zugeschrieben.


Neu auf dem Büchermarkt:
Gewalt in der Frühen Neuzeit, herausgegeben von Claudia Ulbrich, Claudia Jarzebowski, Michaela Hohkamp
Duncker & Humblot, Berlin (ISBN 3-428-11824-3), 98,- €


 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

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