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kultur

06.11.2005 - MALEREI

Vom göttlichen Licht zum Damastvorhang

Die Gemäldegalerie Berlin zeigt die Anfänge erzählender Malerei in der italienischen Frührenaissance

von Josef Tutsch

 
 

Aus: Bartolomeo di Fredi,
Bestattung Pauli (vgl. unten)

Wenn es nach Julius II. gegangen wäre, sähe die Decke der Sixtinischen Kapelle vermutlich anders aus. Zur Überraschung des repräsentationsbewussten Papstes verzichtete Michelangelo bei der Ausmalung auf die Goldfarbe, die in der christlichen Kunst Jahrhunderte lang das Signum von Heiligkeit gewesen war. Vasari erzählt, Michelangelo habe dem Heiligen Vater erklärt, die dargestellten Personen wären nicht allzu reich gewesen und hätten in ihrer Heiligkeit allen Prunk verschmäht.

Leider überliefert uns der anekdotenreiche Biograph nicht die Antwort des Papstes. Wie auch immer, bei den Künstlern, anscheinend weniger bei konservativen Auftraggebern, war der goldene Bildgrund aus der Mode gekommen. Die Theorie für diese Wende hatte 1435 Alberti in seinem Malereitraktat geliefert. Der Goldgrund mochte ornamental wirken und die hohe Schätzung der Figuren andeuten; aber er lief den Bestrebungen zuwider, im Bild einen einheitlichen Illusionsraum zu schaffen. Und gerade darauf kam es den Künstlern der italienischen Frührenaissance an.

Wie es zu diesem Geschmackswandel gekommen ist, kann der Besucher zur Zeit in der Berliner Gemäldegalerie nachvollziehen: "Geschichten auf Gold - Bilderzählungen in der frühen italienischen Malerei". Im Zentrum der Ausstellung steht das riesige Altarwerk der Franziskanerklosterkirche Santa Croce in Florenz. Im 16. Jahrhundert war der Altar entfernt worden. Später wurden die Bildfelder einzeln auf den Kunstmarkt gebracht. Die 36 Teile, die erhalten blieben befinden sich heute verstreut in den Museen von London, New York, Philadelphia, Los Angeles und Berlin.

Berliner Rekonstruktion des Chors von
Santa Croce mit dem Altar von Ugolino
di Nerio, gen. da Siena 
Für drei Monate ist nun der Altar in Berlin wiedervereinigt. Stefan Weppelmann, der die Ausstellung besorgt hat, konnte sich an einer Zeichnung aus dem späten 18. Jahrhundert orientieren, als der größere Teil der Bilder noch beisammen war. Eine Computer-Animation will dem Ausstellungsbesucher einen Eindruck vermitteln, wie der Altar im Mönchschor von Santa Croce gewirkt hat - damals, im Mittelalter, bevor der Kirchenraum (übrigens unter Leitung jenes Giorgio Vasari) radikal "modernisiert" wurde.

Um 1325 hat Ugolino da Siena, ein Schüler des bekannteren Duccio di Buoninsegna, die Bildtafeln gemalt. Die historische Bedeutung des Altars erschließt sich dem Betrachter erst auf den zweiten oder dritten Blick. Beherrschend sind zunächst die großen Heiligenfiguren in der mittleren Zone - herb und abweisend. Aber darunter, in den sogenannten "Predellen", in relativ kleinem Format, hat Ugolino sieben Szenen aus der Passionsgeschichte geschildert - die ersten "erzählenden" Bilder der italienischen Malerei, wie Weppelmann feststellt, mit einem wahrhaft verblüffenden Detailreichtum. Zum Beispiel das Abendmahl: Anhand dessen, was da auf dem Tisch dargestellt ist, könnten Spezialisten für historische Küche vielleicht ein Menü zusammenstellen.

Giovanni di Paolo, Errettung von Schiff-
brüchigen durch die hl. Klara (Ausschnitt)
um 1455- Bild: Jörg P. Anders 
Eine Hinwendung zur Alltagswelt, wie sie auch sonst in der Arbeit der Bettelorden zu beobachten ist: Plötzlich ist Bewegtheit und Leben in die statuarische Welt der Heiligen gekommen. Im Umkreis des Altars präsentiert das Museum 30 weitere Bildfolgen aus dem 14. und 15. Jahrhundert, ebenfalls Fragmente von Altären, die irgendwann zerlegt und in Einzelteilen veräußert worden sind. Berlin besitzt Tafeln von so berühmten Malern wie Lorenzo Monaco, Fra Angelico, Masaccio, Frau Filippo Lippi und Ghirlandaio. Es sind Zeugnisse einer Übergangszeit: Die Vorliebe, auf den kleinen Tafeln in der Sockelzone eines Altars Geschichten aus Bibel und Heiligenlegende zu erzählen,  muss sich rasch verbreitet haben.

Für Ausstellungsbesucher, die christlicher Traditionen entwöhnt sind, mögen diese Bilder oft schwer zu "lesen" sein. Die Organisatoren haben sich damit begnügt, ganz kurze Zitate aus Bibel und Legende hinzuzusetzen, ein Hilfsmittel, das vielleicht doch allzu lakonisch ausfällt. Den Zeitgenossen waren diese Geschichten natürlich wohl bekannt. Gegenüber dem Gemeinplatz, die frommen Bilder wären eine Art Bibel für Analphabeten gewesen, ist dennoch Skepsis angebracht. Ugolinos Altar mit seinen detailreichen, kleinformatigen Schilderungen stand im Mönchschor, war also für das Kirchenvolk in der Regel nur aus der Entfernung zu betrachten.

Wenn man in Gedanken einen Ausschnitt aus den Gemälden wählt, ahnt man, wie sich später die selbständigen Bildgenres Landschaft oder Stillleben entwickeln konnten. Auf der anderen Seite ist der Goldgrund, der in die Illusion einen Bruch hineinbringt, noch lange erhalten geblieben - "Geschichten auf Gold" eben. Iris Wenderholm weist darauf hin, dass dieser
Fra Filippo Lippi, Bienenwunder des hl.
Ambrosius, um 1447.- Bild: Jörg P. Anders
Hintergrund manchmal "realistisch" umgedeutet wurde. Alberti verglich ein Gemälde mit einem geöffneten Fenster, durch das hindurch der Betrachter auf die Wirklichkeit blickt: Wenn der Hintergrund "wirklich" golden war, zum Beispiel eine Ledertapete oder ein Damastvorhang oder ein Mosaik, dann war das traditionelle Gold problemlos in ein illusionistisch angelegtes Gemälde zu integrieren.

Ganz besonders sahen sich die Maler durch die Aufgabe herausgefordert, Licht darzustellen. In einem Gemälde der Himmelfahrt Mariens aus dem frühen 15. Jahrhundert, so Wenderholm, zielt der Künstler darauf ab, das himmlische Licht so wiederzugeben, als wäre es ein völlig natürliches Phänomen. Die von Gott ausgehenden Strahlen haben nicht mehr bloß symbolische, metaphysische Qualität, sondern werden im Sinne damaliger Naturwissenschaft aufgefasst, einschließlich der Brechungen im dunklen Wolkenband.

In einer Reihe von Fällen ist auch belegt, dass die Auftraggeber ausdrücklich einen Goldgrund bestellt haben. Das kostbarste aller Materialien signalisierte nicht nur Heiligkeit, sondern auch irdischen Reichtum und Prestige, eine
Bartolo di Fredi (Werkstatt), Bestattung
des hl. Paulus Eremita (Ausschnitt), um
1385.- Bild: Christoph Schmidt
Ambivalenz, auf die Michelangelo in jener Anekdote anspielte. Soweit es auf die Künstler ankam, war die Frührenaissance eher eine Zeit des Abschieds vom Gold. Wenn im 16. Jahrhundert dieser Ton dennoch gelegentlich eingesetzt wurde, dann als "Zitat", um die besondere Heiligkeit der Bildfiguren zu betonen oder um an die alten, immer noch vertrauten Bildkonventionen anzuknüpfen. Im 19. Jahrhundert haben die Nazarener die mittelalterliche Tradition wieder aufgenommen.

Und eine vollends überraschende Wiederbelebung erfuhr der Goldgrund in den 1950er Jahren. Nur von Gott und seinen Heiligen ist auf Yves Kleins "Monogold"-Bildern nichts mehr zu finden. Geblieben ist allein der goldleuchtende Grund selbst.


Ausstellung:
Geschichten auf Gold - Bilderzählungen in der frühen italienischen Malerei, Gemäldegalerie Berlin, Kulturforum, Potsdamer Platz, Eingang Matthäikirchplatz
bis 26. Februar 2006 geöffnet Dienstag/Mittwoch und Freitag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 22 Uhr; Montag geschlossen, an Weihnachten und Neujahr Sonderregelungen



Mehr im Internet:
Geschichten auf Gold






Josef Tutsch


Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

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