Berlin, den 10.02.2012 Link Home Link Ticker Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

19.01.2006 - KOMIK

Wie die Deutschen ernsthaft wurden

Lachen, verlachen, mitlachen - zum Lustspiel des 18. Jahrhunderts

von Josef Tutsch

 
 

Hanswurst (18. Jahrhundert)

Kann man sich vorstellen, dass Lessings "Minna von Barnhelm" beim Publikum Protest hervorrief? Der Reitknecht Just hatte ein abscheuliches Wort ausgesprochen: "Hure". Wie Lessings Bruder Karl von der Berliner Aufführung berichtet, erstickte es dem Schauspieler "halb im Munde".

Das war 1768  Es war noch keine vier Jahrzehnte her, dass der Leipziger Professor Johann Christoph Gottsched sich daran gemacht hatte, den Theaterbesuchern das "abgeschmackte Zeug" abzugewöhnen, "darüber ein Kluger entweder gar nicht lacht oder sich doch schämt, gelacht zu haben". Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das bürgerliche Theaterpublikum in Deutschland plötzlich ernsthaft, auch (oder vielleicht gerade) in der Komödie.

Die  Wiener Germanistin und Theaterwissenschaftlerin Daniela Weiss-Schletterer hat diesen Prozess unter die Lupe genommen. Lessings brillante Polemik gegen Gottsched hat den Vorgang den Augen der Nachwelt eher verdunkelt. Der Schulbildung sind bloß zwei, halb und halb legendarische Punkte präsent geblieben: dass Gottsched gemeinsam mit der

Johann Christoph Gottsched
(1700-1766)

Theaterunternehmerin Caroline Neuber den Hanswurst oder Harlekin in aller Form von der Bühne vertrieben wollte und dass Lessing ihm das Narrenjäckchen wieder anzog.

Weiss-Schletterer liefert einen Mosaikstein zur Vorgeschichte der Moderne, genauer: des deutschen Wegs in die Moderne; denn in Frankreich oder Italien scheint es einen vergleichbaren Bruch zwischen literarischer Komödie und volkstümlichem Theater nicht gegeben zu haben. Den anthropologischen Hintergrund fand sie in Zedlers Universallexikon aus dem Jahre 1737 formuliert: "Menschen, die mit tiefsinnigen Betrachtungen und ernsthaften Gedanken beschäftigt sind, lachen nicht leicht, weil sie sich an dergleichen Lachens werte Kleinigkeiten nicht kehren."

Das gäbe viel Stoff für ideengeschichtliche Analysen. Die Arbeit konzentriert sich auf den Umgang von Gottsched, Gellert und Lessing mit dem Komischen. Wer weiß schon, dass der junge Gottsched in der Euphorie nach seinen ersten Theaterbesuchen eine ganz und gar "regellose" Komödie verfertigt hat? Seine Kritik der herrschenden Theaterpraxis, sein Widerwille vor allem gegen die Narrengestalt hat sich erst allmählich entwickelt: "Ausdruck bürgerlich-rationaler Ablehnung gegenüber jeder Form von Kommunikation und Realitätswahrnehmung, die der vernünftigen Ordnung der Welt zuwiderläuft", schreibt Weiss-Schletterer.

Christoph Fürchtegott Gellert
(1715-1769)

Ein Motiv scheint – Originalton Gottsched – die Abgrenzung vom "üblen Geschmack des großen Haufens" gewesen zu sein. Bereits in diesem frühen Stadium der Aufklärung ist jene Ambivalenz zu erkennen, die das deutsche Bürgertum in der Folge begleitet hat: Einerseits war der Abscheu vor allem Unvernünftigen und Unnatürlichen allgemein konzipiert, eben mit Bezug auf eine allgemein-menschliche Natur und Vernunft, andererseits gab es den Bedarf, sich vom "ungebildeten" Massengeschmack abzusetzen. Bemerkenswert übrigens der Schleichweg, den Gottsched fand, um die "klassische" antike Tragödie, also Aristophanes mit seinen "Unflätereien" und "Narren-Possen", nicht als Autorität anerkennen zu müssen: Anders als ihre Schwester, die Tragödie, wäre die Komödie in Athens klassischer Zeit noch nicht "zur Vollkommenheit gebracht" worden.

Die Konsequenz für die zeitgenössische Komödie damals sind wiederum bei Zedler ausgesprochen: Das Lachen müsse der eigentlichen Aufgabe des Theaters, der Beförderung "der philosophischen Tugend und der guten Sitten", weichen. Teil eines umfassenden "bürgerlichen Werte- und Affektwandels", erläutert Weiss-Schletterer. Es könnte sein, dass Norbert Elias Theorie zunehmender Affektkontrolle, die ansonsten in den letzten Jahr heftig bestritten wird, sich in diesem Sektor der deutschen Aufklärung bestätigt. Die Autorin nennt vor allem die Figuren in Gellerts empfindsamen Komödien. Es sind "Komödien", in denen Komisches – im Sinne eines Anlasses zu lautem Gelächter – nicht im geringsten beabsichtigt wird. Ausgerechnet Gottsched selbst, der als Pedant verschriene Professor, hielt dagegen am Lachen als einem Element des Theaters fest: Das Verlachen der Laster und Torheiten auf der Bühne sollte dazu verhelfen, sie im täglichen Leben zu vermeiden. 

Gotthold Ephraim Lessing
(1729-1781)

Was Gottsched am Harlekin störte, war also nicht, dass das Publikum über ihn lachte, sondern dass dieses Lachen schwer in Moral umzumünzen war. Gegen die herrschende Lehre in der Germanistik stellt Weiss-Schletterer detailliert dar, dass die Neubersche Schauspieltruppe sich Gottscheds Reformplänen nur ganz wenige Jahre verschrieben hat. "Die Lust soll ehrbar sein, bezaubernd und gelehrt; ich wünsch das auch und habe es lange schon begehrt, allein umsonst gesucht", gestand sie 1739 ihrem Publikum. Ohne Harlekin war in der Konkurrenz mit anderen Bühnen schwer auszukommen.

Als Lessing 1767 ausrief: "Die Neuberin ist tot, Gottsched ist auch tot: ich dächte, wir zögen ihm [dem Harlekin] das Jäckchen wieder an", war das reichlich irreführend. Mit "wir" kann Lessing jedenfalls nicht sich selbst gemeint haben. Seine "Minna von Barnhelm" kommt tatsächlich ohne Harlekin oder Hanswurst aus, Commedia dell’arte-Elemente sind ausgeschieden, ganz wie Gottsched es gewollt hatte. Lessings Publikum hatte den Geschmackswandel anscheinend noch radikaler vollzogen als der Dichter selbst. Die einzige wirklich komische Figur, die des Falschspielers Riccaut de la Marlinière, war nach dem Urteil vieler Zeitgenossen "mehr als überflüssig".

Harlekin in Porzellan
(Fulda, um 1770)

In den wenigen Jahrzehnten seit Gottsched hatte das Lachen einen völlig anderen Sinn erhalten. In Lessings eigenen Worten: "Die Komödie will durch Lachen bessern, aber eben nicht durch Verlachen." Lachen vielmehr als ein Mit-Lachen und Mit-Leiden. Die folgende Wirkungsgeschichte deutet Weiss-Schletterer nur kurz an: Die "Moral behauptete ihr Vorrecht gegenüber dem Lachen", und zwar in der gesamten "deutschen, bürgerlichen Hochkultur". Wirklich in der gesamten Hochkultur? Nun, das Wiener Volkstheater mit seinen Kasperln muss man vielleicht nicht dazu rechnen. Dort ist Gottscheds Reformprojekt niemals durchgedrungen; sehr erstaunlich, dass eine Dissertationsschrift ausgerechnet aus Wien darauf mit keinem Worte eingeht. Es wäre eine spannende Frage, inwieweit auch unter diesem Gesichtspunkt für den süddeutsch- österreichisch-katholischen Raum ein anderer Weg in die Moderne anzusetzen ist.


Neu auf dem Büchermarkt:
Daniela Weiss-Schletterer: Das Laster des Lachens. Ein Beitrag zur Genese der Ernsthaftigkeit im deutschen Bürgertum des 18. Jahrhunderts, Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar 2005 (ISBN 3-205-77387-X), 24,90 €


Mehr im Internet:
Komödie





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


forschung


politik


innovation


kultur


campus


kontakt