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kultur

30.12.2011 - KULTURGESCHICHTE

Blei gießen, Sterne beobachten, Träume deuten

Allerlei Methoden, in die Zukunft zu schauen

von Josef Tutsch

 
 

Nostradamus (1503-1566):
gilt bis heute als glaub-
würdig - Bild: Wikipedia


"Helft mir armem Mann! Was fange ich Silvester an?“, seufzte einst Kurt Tucholsky. Eine seiner Erwägungen: Bleigießen. Bis heute eine beliebte Option; schließlich will man wissen, was das neue Jahr bringen könnte. Statt des flüssigen Bleis kippen Gesundheitsbewusste Zinn oder Wachs in eine Schale mit kaltem Wasser. Das ist nicht giftig; aber das Prinzip bleibt dasselbe: Die Figuren, die sich am Grund der Schale bilden, dürfen gedeutet werden. Ein Herz kündigt neue Liebe an, eine Glocke Nachwuchs, eine Leiter beruflichen Aufstieg – auf dem Büchermarkt und im Internet finden sich lange Tabellen mit Deutungsmöglichkeiten.

Nicht dass jemand sich dazu bekennen würde, an die Ergebnisse zu glauben; aber man weiß ja nie ... Und wie oft liegen zum Beispiel die Experten für die Entwicklung an den Finanzmärkten, die sogenannten "Analysten“, mit ihren Vorhersagen daneben? Das gesellige Spiel im Freundes- und Familienkreis soll schon bei den alten Römern beliebt gewesen sein. Es war eine preiswerte Alternative, wenn man sich keine Tieropfer und keine "Haruspices“, das waren die Spezialisten für die Deutung der Eingeweide, leisten konnte.

Unter den Eingeweiden galt vor allem die Leber als aussagekräftig. Die Archäologen haben Bronzestücke gefunden, die zeigten, wie eine "normale“ Leber aussieht und welche Veränderungen etwas zu "bedeuten“ hätten. "Ein fehlender Wulst am Ende des rechten Lappens war ein Vorzeichen des Todes“, berichtet der französische Historiker Georges Minois in seiner "Geschichte der Prophezeiungen“, "war er doppelt, so kündigte dies einen Konflikt an; lag ein Riss vor, so bahnte sich Zwietracht an.“

Keine politische oder militärische Aktion, die ohne solche Opfer durchgeführt wurde. Und nicht nur aus Eingeweiden versuchte man, die Zukunft abzulesen. Auch Sonnen- und Mondfinsternisse, seltsame Wolkenbildungen, Blitzeinschläge, der Flug der Vögel, die Geburt von monströsen Tieren und missgestalteten Kindern konnten Hinweise geben.

Natürlich wollten die Römer nicht nur um die Zukunft wissen, sie wollten sie auch gestalten können. Aber da tat sich ein logischer Widerspruch auf, dem noch keine Wahrsagekunst, wenn sie wissenschaftlich präzise sein will, entgehen konnte. Cicero hat ihn in seinem Buch "Von der Weissagung“ analysiert: Die Zukunft lässt sich nur dann vorhersagen, wenn sie jetzt bereits unausweichlich feststeht. Gerade unter dieser Voraussetzung ist ihre Kenntnis für den Menschen, der sie doch beeinflussen will, sinnlos.

Der DDR-Kabarettist Werner Lierck
beim Bleigießen zu Silvester 1957
Bild: Hans-Günter Qzaschinsky/
Deutsches Bundesarchiv/Wikipedia

Die Ironie der Geschichte will es, dass – wenn man den antiken Berichterstattern glauben will – gerade in jenem Jahr 44 vor Christus, als Cicero seine Schrift verfasste, eine der berühmtesten Weissagungen der Weltgeschichte ausgesprochen und prompt erfüllt wurde: "Hüte dich vor den Iden des März!“ soll ein Seher zu Caesar gesagt haben. Caesar habe gelächelt; wenige Tage später, an den "Iden“, also am 15. Tag des Monats, wurde er im Senat ermordet. Hätte der Diktator die Warnung ernst genommen – vielleicht wäre er dem Anschlag entgangen, wollten die Erzähler damit ausdrücken.

Damals wie heute waren viele Wahrsager eben klug genug, der messerscharfen Logik in Ciceros Argumentation auszuweichen. Die angekündigten Ereignisse und Entwicklungen seien eben nur "Trends“, nur "Möglichkeiten“. In unserer Gegenwart haben die Bemühungen um "Prognosen“, also um die wissenschaftliche Feststellung von Entwicklungstendenzen, einen enormen Aufschwung genommen. Das Bedürfnis ist plausibel: Wenn die Gestirne sich seit Jahrtausenden mit immer derselben Verlässlichkeit bewegen und auch die Meteorologie inzwischen wenigstens für einige Tage zu verlässlichen Aussagen in der Lage ist – müsste nicht auch auf dem Gebiet der Wirtschaft oder der Gesellschaft Vergleichbares möglich sein, wenigstens annähernd?

"Das Ziel ist weniger, das zukünftige Geschehen vorherzusagen, als vielmehr durch geeignete Maßnahmen einen verhängnisvollen Kurs zu verhindern“, schreibt Minois. Die alten Römer hätten gesagt: Wenn man rechtzeitig um den drohenden Zorn der Götter wusste, durfte man vielleicht hoffen, ihn durch die richtigen Rituale doch noch abzuwenden. Solange die derzeitigen Trends sich fortsetzen, haben sich die sozialwissenschaftlichen Prognosen in der Regel ja auch als realistisch erwiesen; wenn es ganz anders kommt, lässt sich das damit begründen, dass wichtige Voraussetzungen nicht absehbar waren und darum nicht in die Modelle eingehen konnten. "Eine prospektive Untersuchung hat unter anderem das Ziel, die Gemüter auf Reformen vorzubereiten“, stellt Minois nüchtern fest.

Noch eine Vorsichtsmaßnahme, die seit der Antike praktiziert wird: Die Aussagen lassen sich in verschiedene Richtungen hin interpretieren. Als klassischer Fall solcher Doppeldeutigkeit gilt seit jeher der Spruch des Orakels von Delphi an den lydischen König Krösus, er werde mit seinem Krieg gegen Persien ein großes Reich zerstören. Wie sich dann herausstellte, war es sein eigenes.

Selbst eindeutig fehlerhafte Voraussagen konnten das Ansehen der Orakel in der Antike niemals erschüttern. Schlimmstenfalls wurde angenommen, korrupte Priester hätten die Prophezeiungen verfälscht, oder auch, der Gott selbst habe den Fragesteller ins Unglück stürzen wollen. Manche Politiker wussten mit solchen Ungewissheiten tatkräftig umzugehen. Vor seinem Feldzug gegen Persien wollte sich Alexander der Große in Delphi einen unterstützenden Orakelspruch holen. Leider traf er an einem Sperrtag ein. Als er die Seherin gewaltsam zum Tempel zerrte, klage sie: "Du bist unwiderstehlich, mein Knabe.“ Der Geschichtsschreiber Plutarch: "Alexander sagte, er brauche weiter kein Orakel, denn er habe schon den Wahrspruch von ihr, den er sich wünsche.“

Etruskische "Bronzeleber von Piacenza"
Bild: lokilech/Wikipedia

Ein Höchstmaß an Dunkelheit brachte im 16. Jahrhundert der Astrologe Nostradamus in seine Voraussagungen. Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart wird es kaum ein Ereignis geben, dessen Ankündigung man nicht im Nachhinein bei Nostradamus gefunden hätte. Dabei wurde gerade die Astrologie Jahrhunderte lang als ernsthafte Wissenschaft gepflegt. Dass die Gestirne Einfluss etwa auf das Wetter hätten, wurde ohnehin allgemein angenommen; aber zum Beispiel der Scholastiker Albertus Magnus entwickelte im 13. Jahrhundert die Theorie, wenn der Mensch sich den "Neigungen des Fleisches“ hingebe, gerate auch er damit unter die Macht der Gestirne.

Unter den Theologen war Albertus eine Ausnahme; die große Mehrzahl sah in diesem Glauben einen Widerspruch sowohl zur menschlichen Willensfreiheit als auch zur Allmacht Gottes. 1327 verfertigte in Florenz ein gewisser Cerco d’Ascoli nach den biblischen Angaben über den Stern von Bethlehem das Horoskop Christi und "bewies“, dass man seinen Tod am Kreuz hätte vorhersagen können. Damit war die christliche Dogmatik insgesamt in Frage gestellt. Die Kirche reagierte hart und ließ d’Ascoli verbrennen.

Dem Einwand, mit dem Stern von Bethlehem, der die Geburt Christi ankündigte, habe Gott selbst doch ein Phänomen am Himmel mit "Bedeutung“ ausgestattet, hatte bereits der Theologe Tertullian um 200 nach Christus mit dem Argument zu begegnen versucht, die Weisen aus dem Morgenland seien eben die letzten erlaubten Astrologen gewesen; seitdem seien solche Techniken insgesamt verboten. Die Neugier auf die Zukunft war für Tertullian der Inbegriff der antiken Kultur, die durch Christi Erlösungswerk als überholt gelten sollte.

Die einzige erlaubte Art, über die Zukunft zu sprechen, sollte nun die biblische Verkündigung sein. Die Verbote im Alten Testament gaben die Grundlage: Es soll "keinen geben, der Losorakel befragt, Wolken deutet, aus dem Becher weissagt, zaubert, Gebetsbeschwörungen hersagt oder Totengeister befragt, keinen Hellseher, keinen, der Verstorbene befragt.“ "Der Traumseher soll mit dem Tod bestraft werden.“ Ob die Verfasser dieser Stellen geahnt haben, dass später auch der Bibeltext selbst für solche Zwecke genutzt werden konnte? Beim sogenannten "Bibelstechen“ schlug man aufs Geratewohl eine Seite auf, tippte blind auf eine Stelle und versuchte, sich aus dem getroffenen Vers einen Reim auf die Zukunft zu machen.

Tertullians Abgrenzung der biblischen Prophetie von der heidnischen Wahrsagung konnte jedenfalls nicht verhindern, dass auch die Prophezeiungen der Bibel  in der Aufklärung unter den Generalverdacht gegen jede Art von Zukunftsdeutung gerieten. Ende des 17. Jahrhunderts bestritt der französische Philosoph Pierre Bayle in seinem Buch über den Kometen von 1680 nicht nur, dass Himmelskörper etwas über die menschlichen Dinge aussagen könnten; er zog generell die Möglichkeit von Vorhersagen in Frage. Ein halbes Jahrhundert danach wurde Voltaire deutlicher. Nicht anders als Astrologen oder Eingeweidebeschauer seien auch Propheten bloß Scharlatane: "Der erste Prophet war der erste Schurke, der einem Dummkopf begegnete.“

Die Wahrsagerin, Gemälde
von Michael Alexandrowitsch
Wrobel, 1895 Tretjakov-Gale-
rie Moskau - Bild: Wikipedia

Aber auch dieses Verdikt war kein Hindernis, dass  immer wieder neue Propheten auftraten, die mit Bestimmtheit sagen konnten, wie die Geschichte demnächst ausgehen würde – mit der klassenlosen Gesellschaft, dem Untergang des Abendlandes, einem technokratischen Despotismus, dem weltweiten Sieg der Demokratie, der ökologischen Katastrophe ... Oder ganz einfach mit dem Weltuntergang, der oft dann auch gleich präzise datiert wurde. Beliebt ist, ganz aktuell, der 21. Dezember 2012; in diesem Fall dient der Maya-Kalender als Grundlage.

Zurück zur Astrologie. Im 13. Jahrhundert verdammte Dante alle Astrologen in die Hölle, darunter einen, der für den päpstlichen Hof gearbeitet hatte – auch Bischöfe und Päpste ließen sich von den theologischen Argumenten gegen die Astrologie nicht unbedingt beeindrucken. Noch Johannes Kepler, einer der Begründer der neuzeitlichen Astronomie, verdiente sein Brot mit astrologischen Berechnungen; auch aus der Feder von Galilei sind Horoskope belegt. Erst nach und nach traten naturwissenschaftliche Einwände den theologischen zur Seite. 1666 ordnete Colbert, der Finanzminister des Sonnenkönigs, an, die Pariser Académie des sciences dürfe astrologische Forschungen nicht mehr fördern. Die Royal Society in London, die 1662 gegründet worden war, entschloss sich etwa gleichzeitig, die Astrologie nicht in ihr Fächerspektrum aufzunehmen.

Was als wissenschaftliche Disziplin im 17. Jahrhundert sein Ende fand, lebt als soziale Technik bis heute fort. Und zwar über alle sonstigen Gegensätze hinweg: Im Zweiten Weltkrieg konsultierten sowohl Franklin D. Roosevelt als auch Adolf Hitler und Josef Stalin Astrologen und Hellseher. Minois zitiert demoskopische Untersuchungen, dass in den westlichen Ländern ein Drittel bis die Hälfte der Befragten an Horoskope glaubt.  Bekennen will sich zu solchem Glauben heute aber niemand mehr. In den intellektuellen Eliten der westlichen Welt ist die Kunst, in die Zukunft zu schauen, seit der Aufklärung in Misskredit geraten – jedenfalls mit den herkömmlichen Methoden, von der Eingeweideschau bis zur Berechnung des Umlaufs der Gestirne.

Abseits dessen, was als "Wissenschaft“ anerkannt ist, hat sich die Zahl der Voraussagetechniken dagegen sogar noch vermehrt. Ende des 17. Jahrhunderts kam das Lesen aus dem Kaffeesatz auf, um 1850 die Kristallkugel. Und Praktiken wie das Kartenlegen, die zuvor von sozialen Randgruppen angeboten worden waren, drangen nun in die Mitte der Gesellschaft vor. Der Traumdeutung, einer der ältesten aller Vorhersagemethoden, brachte die Psychoanalyse neuen Aufschwung –  Symboldeutung à la Freud ist heutzutage ein hochbeliebtes Konversationsthema, nicht nur auf Silvesterpartys. Dicke Handbücher sind auf dem Markt, und nicht alle Autoren bringen die Klugheit des griechischen Autors Artemidoros auf, der im 2. Jahrhundert nach Christus den Traumdeuter als eine Art Therapeuten betrachtete und ihm riet, vor allem die Persönlichkeit des Kunden und seine aktuellen Sorgen in Betracht zu ziehen.

Offenbar ist das Bedürfnis, die Zukunft zu kennen, heute so drängend wie eh und je. Aber geht es eigentlich um Wissen? fragt Minois. "Was zählt, ist nicht, dass das Vorhergesehene eintritt, sondern dass diese Vorhersage hilft, erleichtert, beruhigt und zum Handeln anregt.“ Die Aussage über die Zukunft wirkt auf die Gegenwart und macht sich damit, wörtlich genommen, sogar selbst zunichte; sinnlos wird sie  darum nicht unbedingt, weil sie Handlungsmöglichkeiten aufzeigen kann. Dazu braucht man nicht einmal einen professionellen Therapeuten, das gesellige Gespräch über die Figuren beim Bleigießen tut es vielleicht auch.


Mehr im Internet:
scienzz Dossier Rund um den Jahreswechsel
Wahrsagen - Wikipedia



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen
aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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