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30.01.2006 - KULTURWISSENSCHAFT

Trauer ohne Riten, Riten ohne Trauer

Trauerrituale im Kulturvergleich

von Josef Tutsch

 
 

Willy Brandt 1970
in Warschau


Vor fast 40 Jahren sprachen Alexander und Margarete Mitscherlich von unserer "Unfähigkeit zu trauern". Weniger formelhaft ausgedrückt: Der Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes hat eine seelische Störung hervorgerufen, die so natürliche Reaktionen wie Trauer, Reue und Scham ausbleiben ließ. Es war eine westdeutsche Analyse, was die Mitscherlichs vorlegten. In der DDR stellte die Staatsmacht sich in die Nachkommenschaft der Opfer und verwies die Täter auf die Gegenseite, konnte mithin eine Trauer ohne Scham und Reue zelebrieren. Noch befremdlicher die Nachrichten, die uns gelegentlich aus Japan erreichen: Repräsentanten der demokratischen Regierung erstatten den verurteilten und hingerichteten Kriegsverbrechern bis heute in den shintoistischen Kultschreinen Reverenz.

"Nichts ist besser für die Trauer als ein Ritual – nichts ist unangemessener für die Trauer als das Ritual" stellt Axel Michaels, Indologe an der Universität Heidelberg, fest  Sozusagen ein anthropologisches Paradoxon und jedenfalls keine Randfrage, sondern ein zentrales Thema der Kulturwissenschaften. Jan Assman, drückt die Jahrtausende alte Erfahrung so aus: "Die Kultur entspringt dem Wissen um den Tod und die Sterblichkeit."

Abschied: "Good bye Lenin"
An der Universität Heidelberg arbeitet seit drei Jahren der Sonderforschungsbereich "Ritualdynamik", mit einem bunten Spektrum an Themen: aus dem indischen Raum ebenso wie aus dem Ägypten und dem Alten Orient, aber auch der westlichen Moderne. Am überraschendsten kommt vielleicht das zeitlich nächste Thema. Der Psychoanalytiker Eberhard Th. Haas hat sich den Film "Good bye Lenin" vorgenommen. Der Held Alex nimmt Abschied: von seiner sterbenden Mutter und von einem gescheiterten Kulturexperiment. Eine moderne Orpheus-Erzählung, Alex bemüht sich, seiner Mutter die versunkene Welt am Leben zu halten, ähnlich wie weiland der griechische Sänger seine Eurydike ins Diesseits zurückholen wollte. Haas: "Das Wesen der Trauer besteht darin, dass der Rettungsversuch scheitern muss."

Ein Großteil der Arbeiten ist den Trauerritualen in Indien, Sri Lanka und Nepal gewidmet. Klar, dass das "Scheitern", von dem der Psychoanalytiker spricht, in religiöser Perspektive anders aufgefasst wird. "Die persönliche Kontinuität ist das Wesentliche. Die Bestattung befördert eine Person zu der Gemeinschaft mit den Ahnen in eine sichere Existenz in der Vorväterwelt", fasst der Religionshistoriker David M. Knipe (Madison, USA) den Sinn des hinduistischen Totenrituals zusammen. Stuart Blackbunr (London) berichtet von den symbolischen Reisen ins Totenreich, die er in Nordost-Indien beobachtet hat. Jan Heestermann, Indologe aus Leiden, erläutert den Hintergrund der Feuerbestattung, wie er in einer alten mythologischen Erzählung zum Ausdruck kommt: Die Götter konnten erst dadurch unsterblich werden, dass sie das Feuer in ihrem eigenen Innern ergründeten.

Leichenverbrennung in Indien
Andere Projekte gelten der Religionsgemeinschaft der Sikhs, die sich von dem traditionellen hinduistischen Ritus absetzen; der Kombination alter brahmanische Bräuche mit einer buddhistischen Dogmatik vom Zwischenzustand bis zur Wiedergeburt in Sri Lanka; der Vermischung tantrisch-buddhistischer und sivaitisch-hinduistischer Traditionen in Nepal. Für den außenstehenden Laien macht sich als Hürde bemerkbar, dass diese historisch-ethnologischen Analysen zum südlichen Asien reichlich unverbunden neben jenen zu unserer Gegenwart stehen: Gegensätze, Gemeinsamkeiten, Unterschiede werden nicht thematisiert.

Ein Grund liegt zweifellos in dem, was das "Unvergleichliche" an der jüngeren deutschen Geschichte genannt wird. Assmann: "Wenn je eine Gegenwart von den Toten in die Pflicht genommen wurde, dann ist es die unsrige." Idith Zertal (Herzliya) macht auf eine Schwierigkeit aufmerksam, die der Erinnerung an den Holocaust grundsätzlich im Wege steht, weil sie nämlich das Zeugnis der Überlebenden in Frage zu stellen scheint: "Nach eigenem Bekunden oder nach Aussagen anderer waren sie nie bis zum äußersten Punkt der Auschwitzrealität vorgedrungen, in die Gaskammern, dorthin, von wo man nicht zurückkehrt."

Gedenkveranstaltung am 11. September
2004 in New York
Franz Maciejewski, Soziologe in Heidelberg, versucht einen Abriss der deutschen "Volkstrauer" nach 1945. In den ersten Monaten versuchten die Alliierten, die Einwohner durch Besuche in den Konzentrationslagern und durch Begrägnisarbeiten für die Opfer mit der "Vergangenheit" zu konfrontieren. Offenbar ist dieses "Reeducation"-Programm völlig gescheitert und wurde zugunsten einer Einzelfallprüfung, von "hauptschuldig" bis "entlastet", aufgegeben. Hannah Arendt stellte 1949 fest, "dass es keine Reaktion auf das Geschehene gibt", "dass niemand um die Toten trauert".

Auch nicht um die Toten des Bombenkrieges, jedenfalls nicht derart rituell ausgedrückt, wie es die christlich-abendländische Tradition nahe gelegt hätte. Maciejewski spricht von einem Auseinanderfallen zwischen "Trauer ohne Riten" einerseits, "Riten ohne Trauer" andererseits. Vielleicht hat dieser "rituelle Minimalismus" ja mit einem anderen Empfinden zu tun, das damals weit verbreitet war: Die Zerstörung historischer Städte wurde eine Generation lang mehr als Chance denn als Verlust gewertet, nicht nur im Westen, sondern auch im Osten. Wie der Architekturhistoriker Niels Gutschow feststellt, hat Walter Ulbricht auf dem Parteitag der SED 1950 Hitlers Ankündigung, die Städte würden "schöner denn je" wiederauferstehen, wortwörtlich wiederholt.

Mumifizierung des Toten im alten Ägypten
"Trauerrituale brauchen eine Form", sagt Gutschow. "Ritualisiertes Trauern braucht eine Instanz, die für die Inszenierung sorgt." Die Frage könnte lohnend sein, in welchen historischen Situationen ein "ritueller Minimalismus" – oder umgekehrt: Maximalismus – "vorzukommen pflegt, Gutschow kontrastiert Nachkriegs-Westdeutschland mit den Ritualen der Parteiherrschaft in der ehemaligen DDR, aber auch den jüngsten Gedenkveranstaltungen zu den Terroranschlägen in Spanien und den USA.

Dass Ägypten als das klassische Land der Totenriten gelten darf, ist jedenfalls nicht zu bezweifeln. Jan Assmann, selbst Ägyptologe, interpretiert den Brauch der Mumifizierung: Der Tote wird in seine "Ewigkeitsgestalt" überführt, durch das Totengericht wird er "zwar nicht ins Leben zurückgeholt, aber sein Sozialselbst, seine Ehre, Würde, sein soziales Prestige, der Respekt vor ihm ist wiederhergestellt". Was das bedeutet hat, wird wohl erst im Kontrast zur privatisierten und anonymisierten Trauer unserer Gegenwart klar. In manchen deutschen Großstädten werden mehr als zwei Drittel aller Toten anonym bestattet.


Neu auf dem Büchermarkt:
Der Abschied von den Toten. Trauerrituale im Kulturvergleich,
herausgegeben von Jan Assmann, Franz Maciejewski und Axel Michaels,
Wallstein Verlag, Göttingen 2005 (ISBN 3-89244-951-1), 34,- €




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation


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