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16.01.2006 - SPÄTANTIKE

Einsam in der Wüste, versucht von Dämonen

Vor 1650 Jahren starb der "Vater der Mönche"

von Josef Tutsch

 
 

Salvador Dalí, Versu-
chung des hl.
Antonius (Detail)

Hat es ihn überhaupt gegeben? Als ein paar Jahre nach seinem Tod der Bischof Athanasius ein Buch über "Leben und Wirken" schrieb, war der ägyptische Einsiedler längst zur Legende geworden, Dichtung und Wahrheit waren kaum noch zu unterscheiden. Der Bischof hatte auch gar nicht die Absicht zu unterscheiden. Er schrieb nicht als Historiker, sondern wollte dem "heiligen Vater Antonius" Nachfolger heranziehen. Die Geschichte von dem vitalen jungen Mann, der sich vor allen weltlichen Versuchungen in die Wüste zurückzieht und in langen Jahrzehnten zu immer größerer Vollkommenheit gelangt, war bereits bei Athanasius eine Geschichte der Wunder.

Aber Antonius der Große, "Stern der Wüste" und "Vater des Mönchtums", wie ihn die Nachwelt nannte, hat wirklich gelebt. Er führte einen regen Briefwechsel mit Kaiser Konstantin und dann mit dessen Nachfolger Constantius, versuchte, sie von "Irrlehren" abzubringen. Mag sein, dass die Geschichte anders verlaufen wäre, wenn sich Antonius im Streit um die Göttlichkeit Christi nicht auf die "rechtgläubige" Seite geschlagen hätte. Die Schülerschar, die Antonius heranzog – allein durch sein Vorbild, nicht durch irgendwelche Propaganda –, bildete bald eine Macht in den theologischen Auseinandersetzungen der Zeit.

Martin Schongauer: Versuchung
des hl. Antonius (um 1480)

Wie die Einsiedlerbewegung im Christentum damals aufgekommen ist, liegt im Dunkel. Irgendwann um die Mitte des 3. Jahrhunderts verbreitete sich in wohlhabenden Kreisen Ägyptens der Gedanke, mit Jesu Gebot Ernst zu machen. "Wenn du vollkommen sein willst, dann verkaufe alles, was du hast, und verteile es an die Armen!" Die frommen jungen Leute gingen in die Wüste, siedelten sich in Höhlen oder Grabkammern an, verbrachten ihr Leben mit Fasten, Beten, mechanischer Arbeit, Nachtwachen und – Stoff für psychoanalytische Deutungen – mit Visionen und Ekstasen.

Antonius war nicht der erste, aber er ist die erste historisch halbwegs fassbare Gestalt der Bewegung. Dass daraus eine Massenbewegung wurde, muss ihn überrascht haben. Er zog sich immer weiter in die Wüste zurück, doch es half nichts. Die einsamen Mönchszellen wurden modische Pilgerorte, manche Besucher blieben als Schüler, um später selbst "Väter" zu werden.

Wie es scheint, übte Antonius im Vergleich mit manchen Zeitgenossen eher eine gemäßigte Askese. Jedenfalls wurde von ihm das Wort kolportiert, die Strenge müsse "von Zeit zu Zeit gelockert werden". Wie auch immer, was dort, um den eigenen Willen abzutöten, an Gehorsam praktiziert wurde, ist schwer vorstellbar. So wird erzählt, dass einem Jünger befohlen war, ein verdorrtes Stück Holz tagaus, tagein fortwährend mit dem spärlich vorhandenen Wasser zu begießen. Nach drei Jahren geschah das Wunder. Der dürre Zweig schlug aus und brachte Frucht.

Mathis Grünewald, Ver-
suchung des hl. Antonius
(um 1514, Colmar)
 
Versuchungen: Die hat die fromme Phantasie bei Antonius mit soviel Farbe ausgemalt wie bei keinem anderen Heiligen. "Mit der Kraft seines Geistes reizte er die Dämonen zum Kampf. Da erschienen sie ihm in Gestalt verschiedener wilder Tiere und zerrissen ihn aufs grausamste mit ihren Zähnen, Hörnern und Krallen." Im späten Mittelalter wurde die Szene ein beliebtes Motiv der bildenden Kunst, am berühmtesten von Mathis Grünewald um 1514 auf dem Isenheimer Altar.

Der Romancier Gustave Flaubert orientierte sich in seiner "Versuchung des heiligen Antonius", erschienen 1874, an einem Bild Brueghels des Jüngeren und gestaltete den verzweifelten Kampf mit den Dämonen zum Sinnbild des eigenen Künstlertums, seines Ringens um die künstlerische Form. Hintersinnigkeiten, von denen Antonius selbst weit entfernt war. Spätantike und Mittelalter verstanden den Teufel und die Versuchungen sehr konkret. Aus der "Legenda aurea", der vielgelesenen Legendensammlung des 13. Jahrhunderts: "Antonius sagte: Man muss wissen, dass es drei Regungen des Leibes gibt: eine von der Natur her, eine andere infolge Fülle der Nahrung und eine dritte vom Teufel her." "Als er einmal mit der Kraft des Glaubens den Geist der Unzucht überwunden hatte, erschien ihm zu seinen Füßen der Teufel in Gestalt eines schwarzen Knaben und musste gestehen, er sei von ihm besiegt worden."

Als Antonius 356 nach Christus im biblischen Alter von über 100 Jahren starb, als Festtag hat sich bald der 17. Januar eingebürgert, konnte er nicht ahnen, was aus seiner Bewegung von "Anachoreten", also einsam lebenden Asketen, einmal werden würde. Bereits Antonius’ jüngerer Zeitgenosse Pachomius ließ seine Mönche in Gemeinschaft zusammen leben, auf Dauer entwickelte sich eine straffe Organisation von Klöstern und Orden. Noch fremder wäre ihm die Vorstellung gewesen, dass christliche Mönche die Bildungswelt der Antike wenigstens zum Teil ins Mittelalter hinüberretten würden; er selbst konnte vermutlich weder lesen noch schreiben!

Max Ernst, Versuchung des hl. Antonius
(1945, Duisburg)

Es ist nicht ohne Paradoxie, dass im 11. Jahrhundert der Name des Einsiedlers für den neugegründeten "Antoniterorden" vereinnahmt wurde. Seit 1491 werden die Reliquien in Arles in der Pfarrkirche St-Julien verehrt; dass die Legende gleichzeitig behauptet, der Leichnam sei auf einen Wunsch an einem unbekannten Ort beigesetzt worden, hat nicht gestört. 561 wurden die Gebeine aufgefunden und zunächst nach Alexandrien überführt. Im Volksglauben vermischte sich der ägyptische Eremit gelegentlich mit einem anderen Antonius, jenem Franziskanermönch von Padua im frühen 13. Jahrhundert, dem die Fische bei der Predigt zugehört haben sollen, weil die Menschen so unaufmerksam waren.

Bloß durch diese Verwechslung kam auch die berühmte Schlussszene in Wilhelm Buschs ganz und gar nicht frommer Bildergeschichte von 1870 zustande. Antonius von Padua darf gemeinsam mit seinem Wildschwein in den Himmel eingehen. "Willkommen! Gehet ein in Frieden", entscheidet die Jungfrau Maria, "Hier wird kein Freund vom Freund geschieden. Es kommt so manches Schaf herein, warum nicht auch ein braves Schwein!!" Dabei ist auch der Eremit Antonius erst viele Jahrhunderte nach seinem Tod zu diesem tierischen Attribut gekommen. Der Antoniterorden widmete sich der Krankenpflege und erhielt zur Versorgung seiner Spitäler das Privileg der Schweinezucht. In der Konsequenz wurde Antonius zum Schutzpatron der Haustiere und zum Nothelfer gegen Viehseuchen.


Mehr im Internet.
Antonius der Große

 



 


 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

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