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22.11.2005 - ISLAMWISSENSCHAFT

Weltreligion zwischen Tradition und Fortschritt

Das Handbuch "Islam in der Gegenwart" in neuer Bearbeitung

von Josef Tutsch

 
 

Die Islamische Konferenz, Zusam-
menschluss von 51 Staaten mit
islamischer Bevölkerung

"Die Feinde haben sich jetzt die Welt dienstbar gemacht. Für sie ist die Welt zu einem Traumland geworden. Wir sind entlassen, andere verwalten die Welt." Die Verse stammen von dem hindustanischen Dichter Muhammad Iqbal, in seinem Gedicht aus dem frühen 20. Jahrhundert beklagt er das Unglück der Muslime zur Zeit der europäisch-amerikanischen Weltherrschaft. Eine andere Stelle lässt Hoffnung durchschimmern: "Die Ungläubigen haben Huris und Schlösser, die armen Muslime dagegen nur die Verheißung der Huris." Iqbals Dichterkollege Hali setzt dagegen die verklärte Vergangenheit der islamischen und arabischen Kultur: "Die Christen nahmen von ihnen Wissenschaft und Kunst, die Geistlichen erwarben Ethik, die Perser lernten von ihnen Bildung ... Alles hat zum Grünen gebracht der Segen der Araber."

Man könnte das in dieser Pauschalität als Geschichtsklitterung abtun. Wichtig ist, dass viele Muslime den Lauf der Weltgeschichte so sehen und empfinden. Johann Christoph Bürgel zitiert die beiden Stellen im Handbauch "Islam in der Gegenwart", das jetzt in neuer Bearbeitung herausgekommen ist. Ein Schwergewicht des umfangreichen Bandes liegt nach wie vor auf der Darstellung einzelner islamisch geprägter Länder, daneben finden sich grundsätzliche Artikel vom Wirken des Propheten Muhammad bis zur zeitgenössischen Literatur islamischer Völker.

Der Prophet Muhammad lehrt
den Koran

Weitgehend neu ist ein Kapitel über den "Islam in der Diaspora", also Europa und Amerika. Wer sich über den Hintergrund aktueller Diskussionen informieren will, kommt aber auch sonst auf seine Kosten. Da könnte sich so mancher "Islamexperte" in unseren Massenmedien ein Beispiel nehmen, in puncto Deutlichkeit wie in puncto Sachlichkeit. Zum Beispiel bei Rudolph Peters über "Erneuerungsbewegungen": "Da das Hauptelement des christlichen Fundamentalismus in der Schriftfrömmigkeit und der Zurückweisung der Bibelkritik besteht, können die meisten Muslime in dieser Hinsicht fundamentalistisch genannt werden."

Leider fehlt eine systematische Darstellung, wie islamische Theologen heute mit den Herausforderungen der westlichen Moderne umgehen. Das wäre angesichts der Bemühungen um Islamunterricht an europäischen Schulen auch ganz praktisch von Belang: Wieweit ist das, was – Schlagwort "Euro-Islam" – gefordert wird, konzeptionell entwickelt? Zum Inhaltlichen bleibt auch der Text über die Türkei zurückhaltend. Ursula Spuler-Stegemann berichtet von Plänen, das Präsidium für Religionsangelegenheiten aus staatlicher Abhängigkeit zu lösen. Das klingt sehr "westlich", nach einer konsequenten Trennung von Staat und Religion. Aber was folgt daraus für die zur Zeit noch auferlegte Pflicht, "sich im Einklang mit dem Prinzip des Laizismus jeglicher politischer Stellungsnahmen zu enthalten"?

Das heilige Buch des Islams

Sehr ausführlich sind die Artikel von Johannes Reissner und Volker Nienhaus über Theorie und Praxis einer islamischen Wirtschaftsordnung. Der Anspruch auf ein ethisch gelenktes Wirtschaftshandeln wird ja auch in der christlichen Soziallehre formuliert; die islamischen Rechtsgelehrten leiten daraus nach wie von ein Zinsverbot ab. Inzwischen gibt es eine verwirrende Vielfalt von Experimenten mit einem zinslosen (oder manchmal wohl bloß vorgeblich zinslosen) Finanzmarkt. Nienhaus: "Der Beweis der Funktionsfähigkeit vollständig islamisierter Systeme steht noch aus."

Mindestens ebenso vielfältig sind heute die Strafrechtssysteme islamischer Länder. "Die Mehrheit der Muslime im allgemeinen und der Rechts- und Religionsgelehrten im besonderen erkennt die Sharia als rechtlich relevant an", erklärt Hans-Georg Ebert. Aber viele Staaten folgern aus dem Wandel gesellschaftlicher Verhältnisse, dass die islamischen Strafen faktisch überholt sein müssten. Saudi-Arabien praktiziert nach wie vor ein traditionell-islamisches Strafrecht, Iran und Sudan haben ihr Rechtssystem in den letzten Jahrzehnten wieder islamisiert. Ebert weist darauf hin, dass mancherorts die Bevölkerung mit sogenannten "Ehrenmorden" ihre eigenen Rechtsvorstellungen umsetzt, auch am staatlichen Strafrecht vorbei, vom Staat mehr oder weniger geduldet.

 Sharia im Iran

Demokratie und Menschen- rechte im Islam? Alexander Flores stellt die zeitgenössischen Bemühungen dar, den Gedanken von der alleinigen Souveränität Gottes mit der Volksherrschaft überein zu bringen. Zum Beispiel wird gern argumentiert, dass der Koran an einer Stelle den Wert von "Beratung" hervorhebt, sozusagen als Pflicht jedes Machthabenden, sich beraten zu lassen. Eine solche Anknüpfung muss künstlich wirken. Die Ursprünge unserer modernen Demokratiekonzeption im Mittelalter waren jedoch kaum weniger mühsam. Hinzu kommt, dass Demokratie in der islamischen Welt mit dem Schreckgespenst westlicher Sittenverderbnis assoziiert wird. Darüber hat sich der ägyptische Philosoph Fuad Zakariya lustig gemacht: "Alle glauben, dass die Gesetzgebung in den europäischen Ländern auf den Schutz Perverser abzielt und die Unzucht verteidigt."

Frau mit Burkha
Das Problem ist aber doch ernsthafter, als es in diesem Ausspruch eines westlich beeinflussten Intellektuellen zum Ausdruck kommt. Die Analyse des Schriftstellers Muhammad Amara, die europäische Neuzeit sei unlösbar mit dem "Säkularismus" verbunden, trifft ins Schwarze, ebenso seine Aussage, dass der arabisch-islamische Kultur in ihrer goldenen Zeit ein solcher Säkularismus fremd war. Schlaglichtartig macht die "Universelle Islamische Erklärung der Menschenrechte", die 1981 in Paris verabschiedet wurde (zitiert in dem Beitrag von Johanna Pink über nichtislamische Minderheiten), den Unterschied deutlich: Statt einer Gleichstellung der Religionen wird für Minderheiten ein Schutz der Religionsausübung zugesichert – bloße Duldung also. Ob es eigentlich Reflexionen gibt, wie sich der Islam zu Atheisten zu stellen hat, die in westlichen Staaten heutzutage eine beachtliche Gruppe bilden?

Die relativ kurzen Überblicksartikel zu islamischen Minderheiten in den Ländern Europas konzentrieren sich aber mehr auf die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen. Aufschlussreich angesichts der jüngsten Unruhen in den französischen Banlieues sind die unterschiedlichen Interpretationen des Postulats Religionsfreiheit: In Frankreich gelten gesellschaftliche "Subgruppen" potentiell als Bedrohung für die "laicité" und für das Individuum, in Großbritannien dagegen wird es begrüßt, wenn Minderheiten ihre Identität in der Öffentlichkeit zeigen. Merkwürdig, dass ausgerechnet in Deutschland, wie Nico Landmann feststellt, bereits seit Jahrzehnten über einen Gegensatz zwischen Koran und Grundgesetz diskutiert wird.

Das Kopftuch - in Europa auch ein
Identitätszeichen

Genauer: auf den Gegensatz zwischen dem Grundgesetz und jenen aktiven Gruppen, die (Definition des "Islamismus" von Guido Steinberg und Jan-Peter Hartung) "ihre eigene Interpretation des Islams als politisches Programm verkünden und die Positionen Andersdenkender zumindest implizit mit Unglauben gleichsetzen". Vielleicht ist ja beruhigend, dass historische Verzerrungen im Ergebnis durchaus heilsam sein können. Rotraud Wielandt berichtet, dass der Tunesier Khair ad-Din at-Tunisi 1887 die Theorie entwickelte, die moderne europäische Zivilisation sei in allen ihren positiven Aspekten aus dem islamischen Mittelalter hervorgegangen. Die Theorie wurde zum Credo der Modernisierungsbefürworter: Mit Anleihen aus Europa holte man doch nur zurück, was ursprünglich zur eigenen Tradition gehörte.


Neu auf dem Büchermarkt:
Der Islam in der Gegenwart,
herausgegeben von Werner Ende und Udo Steinbach unter redaktioneller Mitarbeit von Renate Laut,
5., aktualisierte und erweiterte Auflage,
Verlag C. H. Beck, München 2005 (ISBN 3-406-53447-3), 49,90 €



Mehr im Internet:
Islam 
Islamische Konferenz 
scienzz artikel Islam

 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

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