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20.12.2005 - MEDIÄVISTIK

Die Weisen im Wunderland

Bilder der Fremde in den Alexanderromanen des deutschen Mittelalters

von Josef Tutsch

 
 

Beschäftigte die Phantasie:
Alexanders Indienzug
(Mosaik in Pompeji)

Die alte Religion der Brahmanen sei offenkundig der Ursprung des Christentums, vermerkte Voltaire gelegentlich in einem Brief an König Friedrich II. von Preußen. Aus dem Zusammenhang wird nicht klar, wie ernst es Voltaire mit dieser Aussage meinte. Soweit es ihm bloß um die eine oder andere Analogie ging, hätte er sich auf eine lange Reihe von Vorgängern berufen können.

In einem spätantiken Roman, dem sogenannten "Pseudo-Kallisthenes", findet sich eine Unterhaltung Alexanders des Großen mit dem indischen Weisen Dandamis. Alexanders Gesprächspartner predigt gegen allerlei Zivilisationserscheinungen, kritisiert auch die zeitgenössischen Philosophenschulen. Leitmotiv: "Selig ist, wer nichts bedarf und wer sich nur um den Herrn des Weltalls kümmert." Unter Wissenschaftlern wird heute vermutet, dass diese Romanpassage von einem Christen stammt, der seine asketischen Ideale den Weisen im fernen Indien (und Jahrhunderte vor Christi Geburt) in den Mund gelegt hat. im Vergleich mit dem einen oder anderen Kirchenvater zweifellos eine sehr radikale Form asketischer Ideale: Florian Kragl verweist auf die christliche Einsiedlerbewegung, die sich ab Mitte des 3. Jahrhunderts in Ägypten ausbreitete, prominentes Beispiel: Antonius der Große.

Alexander begegnet den indischen
Brahmanen (Paris, um 1475)

Kragl hat sich in seiner germanistischen Dissertationsschrift an der Universität Wien mit den Alexanderromanen des deutschen Mittelalters befasst. Und entsprechend den antiken Quellen nimmt die Auseinandersetzung mit den indischen Weisen auch dort immer wieder eine prominente Stellung ein. Historisch Zuverlässiges darf man selbst von der antiken Tradition nicht erwarten, auch nicht bei dem sachlichsten Autor, Arrian, der sich im 2. Jahrhundert nach Christus noch auf den Bericht eines Teilnehmers am Alexanderzug stützen konnte. (Nebenbei bemerkt: Warum Kragl den Arrian-Text weder im griechischen Original noch in Deutsch zitiert, sondern ausgerechnet in Englisch, bleibt sein Geheimnis.)

Was die indischen "Philosophen" von sich geben, spiegelt vielmehr das Denken griechischer Philosophen, vor allem der Kyniker und Stoiker. Bei der Zeichnung des Königs geben sich die alten Autoren uneinheitlich. Arrian setzt einen rücksichtslosen und selbstherrlichen Alexander voraus, der Roman des Pseudo-Kallisthenes hat dagegen ein freundliches, jedenfalls entschuldigendes Alexanderbild: "Auch ich möchte aufhören, Krieg zu führen", doch es sei "von der Vorsehung so eingerichtet". Die Literaten des christlichen Mittelalters schrieben diese Ambivalenz fort: "Die Alexanderfigur oszillierte", stellt Kragl fest, zwischen einem abschreckenden Beispiel sündhafter Überheblichkeit und einem bewundernswerten Vorbild ritterlicher Tugend und christlicher Herrschaft, mit heilsgeschichtlicher –Bedeutung.

Alexander begegnet in Indien den
Gymnosophisten, den "nackten Weisen"
(Paris, um 1475)

In der Hauptsache gilt Kragls Aufmerksamkeit jedoch den "fremden" Weisen, mit denen Alexander konfrontiert wird. Indien war für das Mittelalter der Paradefall einer fremden Welt, der literaturhistorischen Analyse ist denn auch eine sehr ausführliche, wohl doch überdimensionierte Studie zur "Fremdheitswahrnehmung" im Mittelalter vorangestellt. Zum Beispiel im längsten mittelalterlichen "Alexander", dem des Ulrich von Etzenbach aus den 1280er Jahren, sieht Kragl das Verfahren der antiken Autoren wiederholt: In den Brahmanen spiegelt sich das zeitgenössische christliche Eremitentum, wie es etwa der Kartäuserorden auf seine Fahnen schrieb. "Die Brahmanen als Christen vor Christus, als Präfiguration eines idealen Christentums" – zum Vergleich führt Kragl eine heilsgeschichtliche Dichtung des Heinrich von Neustadt an, etwa 20 Jahre später, wo die Brahmanen in eine Reihe von Wundern gestellt sind, welche die Geburt Christi anzeigen.

Alexanderroman des Ulrich
von Etzenbach

In späteren Dichtungen predigen die indischen Weisen ganz unverhüllt eine christliche Theologie und polemisieren gegen das Heidentum des griechischen Feldherrn, etwa der "Große Alexander" Ende des 14. Jahrhunderts: "Das ist der ewige Gott, der uns nach dem Tod das ewige Leben gibt, das eure Götter nicht zu geben vermögen." Dass die Religiosität der Alexander-Belletristik oft mehr mit Volksfrömmigkeit als mit offizieller Kirchenlehre zu tun hat, dürfte ein durchgehender Zug populärer Literatur sein, nicht nur damals im Mittelalter. Ulrichs Lob des Einsiedlerwesens war im Sinne der kirchlichen Obrigkeit ebenso überzogen wie so manche Vorstellung in dem "Alexander" des Johann Hartlieb, um 1453, schlicht abergläubisch.

Verwirrend wirkt für den heutigen Leser auch, dass die Verfasser mancher Alexanderromane auf logische Stringenz offenbar nicht viel Wert legten. In den meisten Texten ist Alexander, wenn er mit den indischen Weisen streitet, keineswegs der Unterlegene, seine Reverenz bleibt eine vorübergehende Geste. Wurde es vielleicht gar nicht als Problem wahrgenommen, dass die indischen Weisen, trotz aller christlichen Stilisierung, argumentativ manchmal schwach wirken? Die Frage stellt sich bereits für die späte Antike. Irgendwann im 4. oder 5. Jahrhundert wurde ein Briefwechsel Alexanders mit Dindimus oder Dandamis abgefasst, offenbar von einem christlichen Verfasser für ein christliches Publikum. Unverkennbar sind die Lehren des indischen Weisen christlich aufgeladen, und dennoch – Alexander, resümiert Kragl, "geht als Sieger aus der Konfrontation hervor".

Aus dem französischen
Alexanderroman des Walter von
Chatillon (um 1175)

Ein "literarisches Vexierbild", vermerkt der Verfasser und lässt das Rätsel ungelöst. Die Autoren des Mittelalters konnten daraus nach Belieben diesen oder jenen Aspekt herausgreifen. Und in der Neuzeit hat sich zwar die Blickrichtung verändert, aber nicht etwa das Interesse an den indischen "Christus vor Christus": Man fragt nicht mehr nach Vorausdeutungen dessen, was sich dann in Christus erfüllte, sondern nach historischer Genese. Kragl nennt bloß Voltaire, er hätte auch Schopenhauer anführen können: "Das Neue Testament muss irgendwie indischer Abstammung sein, davon zeugt seine durchaus indische, die Moral in die Askese überführende Ethik." So wenig ernsthafte Wissenschaft hat finden können – das Internet ist voll von Spekulationen über indische Lehrjahre Jesu.


Neu auf dem Büchermarkt:
Florian Kragl, Die Weisheit des Fremden. Studien zur mittelalterlichen Alexandertradition, mit einem allgemeinen Teil zur Fremdheitswahrnehmung,
Peter Lang, Bern 2005 (ISBN 3-03910-437-3), 57,20 €


Mehr im Internet:
Alexander der Große
Alexanderroman


 





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

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