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kultur

25.01.2006 - MUSIKGESCHCHTE

Gewaltig viele Noten - gerade soviel, als nötig

Zum 250. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart

von Josef Tutsch

 
 

Wolfgang Amadeus Mozart
(Salzburg 27. 1. 1756 - Wien 5. 12. 1791)

Auch so kann man zu Unsterblichkeit gelangen. 1782 soll in der "Leipziger Zeitung" folgende Annonce gestanden haben: "Ein gewisser Mensch, namens Mozart, in Wien, hat sich erdreistet, mein Drama ‚Belmont und Constanze’ zu einem Operntext zu missbrauchen. Ich protestiere hiermit feierlichst gegen diesen Eingriff in meine Rechte und behalte mir Weiteres vor. Christoph Friedrich Bretzner." Die Geschichte findet sich seit zwei Jahrhunderten in allen Mozart-Biographien, wenn die Rede auf die "Entführung aus dem Serail" kommt. Völlig ohne historischen Grund: Ein Original der berühmten Annonce wurde nie aufgefunden, Bretzner verehrte Mozart, so bemühte er sich, "Così fan tutte" für das deutsche Musiktheater zu gewinnen.

Die Geschichte ist kein Einzelfall. Mitwelt und Nachwelt haben Mozart mit Mystifikationen umsponnen. Bekannt ist bis heute der geheimnisvolle Todesbote, der das Requiem bestellt haben soll. In Wirklichkeit handelte es sich um den Abgesandten eines musikbesessenen Grafen, der sich mit fremden Federn schmücken wollte und das Requiem nach Mozarts Tod tatsächlich unter eigenem Namen aufführen ließ. Die Aufklärung, dass große Teile von Mozarts Schüler Süßmayr hinzugefügt wurde, wollte die Nachwelt einfach nicht wahrhaben. Jahrzehntelang wurde gemunkelt, der Hofkomponist Antonio Salieri hätte seinen genialen Kollegen aus Neid vergiftet; auf dem Sterbebett hätte sich der Mörder zu seiner Tat bekannt. Alles frei erfunden, Salieri stand mit Mozart in bestem Einvernehmen. Aber Rimsky-Korssakow brachte die Mordgeschichte später sogar auf die Opernbühne.

Das Wunderkind Wolfgang vor
höfischem Publikum

Bereits Vater Leopold machte seinen Sohn Wolfgang zum Mythos. In wohlmeinendster Absicht, wie sich versteht. Der Vizehofkapellmeister beim Erzbischof von Salzburg ersehnte für das "Wunderkind" all das, was ihm selbst versagt geblieben war: die Künstlerkarriere in der großen Welt. Aber, wohlgemerkt, in gesicherter Stellung: Fast zwei Jahrzehnte lang bereisten die Mozarts die Höfe Europas, um Wolfgangs Zukunft zu sichern. Seine wachsende Verzweiflung, dass sich keine freie Stelle, keine "Vacatur", finden wollte, hat Leopold seit der Romantik den Ruf der Philistrosität eingetragen. Historisch betrachtet, sehr zu Unrecht: Das "freie" Künstlertum, wie es Sohn Wolfgang seit 1781 lebte (oder leben musste), war dem Vater noch unvorstellbar.

Ob der berühmte "Tritt in den Hintern", mit dem Mozart vom erzbischöflichen Hof verabschiedet wurde, wirklich stattgefunden hat, werden wir wohl nie erfahren. Jedenfalls muss dem "Obristküchenmeister" Graf Arco der Geduldsfaden gerissen sein, er hatte wochenlang alles getan, um den Konflikt zu vermeiden. Wahrscheinlich hat Erzbischof Colloredo gar nicht begriffen, warum der "liederliche Bursche" mit dem Hofdienst so unzufrieden war. Landaus, landein hatte der junge Mozart vergeblich nach einer Stellung gesucht; er selbst war doch bereit, ihn wieder einzustellen, noch dazu mit erhöhtem Salär. Was wollte Mozart eigentlich?

Mozart-Denkmal in Wien

Der Vater hat es auch nicht verstanden. In Wolfgangs Briefen ist zu lesen, in Salzburg würde "einem das Widersprechen abgewöhnt" und er hasse das "Kriechen". Es wird nicht klar, gegen wen sich diese Aufsässigkeit richtet, gegen den Erzbischof oder auch gegen den Vater. Norbert Elias hat in seiner unvollendeten Mozart-Studie präzise nachgezeichnet, was das Neue, das  Revolutionäre an diesem jungen Komponisten war: "Soviel er auch in höfisch-aristokratischen Kreisen verkehrte, er scharwenzelte nicht, er schmeichelte nicht, er kroch nicht." 

Freier Künstler in Wien, zunächst mit Erfolg. Eine Bewertung, wie sie angeblich Kaiserin Maria-Louise über den "Titus" abgegeben hat ("eine deutsche Schweinerei"), wird sehr selten gewesen sein, vermutlich handelt es sich auch hier um eine Legende. Aber von einer Situation, wie sie Beethoven ein Vierteljahrhundert später beschrieb – "ich fordere und man zahlt" – war Mozart weit entfernt. "Gewaltig viel Noten, lieber Mozart", soll Kaiser Joseph II. über die erste der großen Wiener Opern, die "Entführung", gesagt haben, und Mozart antwortete: "Gerade so viel, Eure Majestät, als nötig ist." Die Anekdote enthält eine Wahrheit. Mozart überforderte sein Publikum, er war der erste Komponist, der glaubte, sich das leisten zu können.

Klassiker heutzutage

Wahrscheinlich steht es mit der Tragödie Mozart, wie sie später Dutzende Biographen phantasievoll dargestellt haben, ganz banal: Das Musikgenie war als Vermarkter und Verkäufer viel weniger talentiert, und das in einer Situation, wo sich ein "freier" Musikmarkt gerade erst ausbildete. Die Nachwelt hatte es leichter, sie konnte in Mozarts Musik die letzte große künstlerische Äußerung des ancien régime genießen, mit viel aristokratischer Verruchtheit und ein wenig bürgerlicher Aufsässigkeit. Ein Glücksfall der Musikgeschichte: Niemals hatte ein Komponist einen derart kongenialen Textdichter zur Seite wie Mozart in Lorenzo da Ponte.

Nur eine der großen da-Ponte-Opern hat die Probe des bürgerlichen Musiktheaters fast zweihundert Jahre lang nicht bestanden. "O wie ist mir Mozart innig lieb und hochverehrungswürdig, dass es ihm nicht möglich war, zu ‚Così fan tutte’ eine Musik wie die des ‚Figaro’ zu erfinden", wand sich Richard Wagner, "wie schmählich hätte dies die Musik entehren müssen!" Dass zwei Liebhaber ihre Bräute über Kreuz auf Treue oder Untreue prüfen, war dem 19. Jahrhundert gar zu "unmoralisch", und die Musik wurde gleich mitverdammt.

Carl Friedrich Schinkels Bühnenbild zur
"Zauberflöte", 1815

Bemerkenswert, wie anders die "teutsche Oper", die "Zauberflöte", aufgenommen wurde. Schikaneders Textbuch mit seiner abrupten Umwertung aller Positionen im Finale des 1. Aktes gibt bis heute Rätsel auf, trotz Alfred Einsteins simpler Versicherung in seinem renommierten Mozart-Buch, "die Königin der Nacht, das war Maria Theresia" und Sarastros Priester "sind die Repräsentanten der Humanität, der Menschheitsverbrüderung". "Jedermann verstand das", behauptet Einstein, nämlich die Symbolik der Freimaurerei in diesem "Werk der Hoffnung auf den Sieg des Lichts".

Verstand das wirklich "jedermann"? Der Nachwelt ist keine Frage in Mozarts Welt so dunkel geblieben wie die Freimaurerei. Es kam sogar das Gerücht auf, der Komponist wäre von seinen Maurer-Freunden liquidiert worden, wegen des Verrats von Geheimnissen in der "Zauberflöte" ... 1784 war Mozart in einer der Wiener Logen Mitglied geworden, wie übrigens auch Joseph Haydn und Vater Leopold und so mancher andere prominente Zeitgenosse, ungeachtet der Vorhaltungen katholischer Prediger. War das Auflehnung gegen die Kirche? Mozart selbst scheint keinen Konflikt empfunden zu haben. In einer seiner Freimaurerkompositionen, der Trauermusik für einen Logenbruder, verwendete er unbefangen ein gregorianisches Choralmotiv.


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Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

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