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09.12.2005 - ROMANTIK

Die Lust an der Hölle

"Gothic Novel" und Verwandtes - Englands Schwarze Romantik im europäischen Kontext

von Josef Tutsch

 
 

Horace Walpole (1717-1797),
Verfasser des Schauerromans
Schloss Otranto
"Alles, was auf irgendeine Weise geeignet ist, die Ideen von Schmerz und Gefahr zu erregen, ist eine Quelle des Erhabenen", schrieb Edmund Burke 1757. Wenn man so will, das Geburtsmanifest der "Schwarzen Romantik", kaum zwei Jahre, nachdem Winckelmann mit seiner Formel von "edler Einfalt und stiller Größe" in den griechischen Bildwerken den Klassizismus begründet hatte. Auch Burke freilich konnte sich auf die Antike berufen. Im Gedicht des Römers Lukrez war ausgemalt, wie sich vom sicheren Ufer aus der Sturm des aufgewühlten Meeres beobachten lässt. Burke: "Aus einer gewissen Entfernung und unter gewissen Modifikationen" könnten Gefahr und Schmerz gefallen – "und tun es wirklich, wie wir alle Tage erfahren".

Eine Erfahrung, die dem Filmliebhaber von heute sehr geläufig ist. Das England des späten 18. Jahrhunderts hatte stattdessen seine "gothic novel" sowie, nicht zu vergessen, die Bildwelten des Migranten Henry Fuseli (vielmehr Johann Heinrich Füssli) aus Zürich und dann William Blake. Der Greifswalder Anglist Jürgen Klein hat jetzt einige Studien zur englischen Literatur und ihrem europäischen Kontext in einem Sammelband neu herausgegeben.

William Blake, Nabucodonosor
Der Titel "Schwarze Romantik" klingt ehrgeiziger, als es gemeint ist. Es geht nicht um eine neue Gesamtdarstellung des Phänomens, dreiviertel Jahrhunderte nach Mario Praz’ brillantem Buch über "Liebe, Tod und Teufel". (Das italienische Original machte sich damals übrigens noch ein Stück drastischer: Statt von "Liebe" war von "Fleisch" die Rede.) Nur "Reflexionsansätze" zum Projekt einer neuen Gesamtschau. "Es versetzt uns heute in Erstaunen", formuliert Klein das zentrale Thema, "wenn wir feststellen, wie intensiv englische Schriftsteller und Künstler des 18. Jahrhunderts – noch vor der Französischen Revolution – Zerstörung, Vernichtung, Schrecken und Selbstbehauptung des Menschen zum Thema ihrer Arbeiten erhoben." Konkret: "der Tod, der Schrecken, die Grausamkeit, die Lust an sexueller Perversion und Verfolgung".

Zum Beispiel Horace Walpoles "Schloss Otranto" von 1765. In diesem ersten aller englischen Schauerromane, analysiert Klein, wird der Schrecken nicht bloß durch die Verletzung aller moralischen Normen hervorgerufen; vielmehr können sich Akteure und Leser nicht mehr auf die natürliche Kausalität verlassen. Klein stellt eine Beziehung her zum Philosophen David Hume, der ein Vierteljahrhundert zuvor den Notwendigkeitscharakter eben dier Kausalitätsgesetze bestritten hatte. War die empiristische Philosophie Englands, im Gegensatz zur Tradition eines René Descartes auf dem Kontinent, eine Wiegestätte der "schwarzen Romantik"?

Aus G. B. Piranesis "Carceri"
Dass der Band einen Aufsatz über Giovanni Battista Piranesis Radierungen enthält, könnte auf den ersten Blick überraschen. Aber die Bezüge sind deutlich. Walpole schrieb bewundernd, Piranesis Kerkerdarstellungen würden die Geometrie durcheinanderbringen – eine präzise Parallele zur Phantastik von Walpoles Romanwelt. Noch eine Parallele zu einem anderen englischen Roman der Zeit: Der unterirdische Palast des Höllenherrschers in William Beckfords "Vathek" (1786) wirkt wie eine Abschilderung von Piranesis labyrinthischen "carceri". Es ist nachgewiesen, dass Beckford sein Landhaus für die berüchtigten Orgien am Weihnachtsfest 1781 mit Dekorationen im Stil Piranesis hat ausstaffieren lassen.

"Ich schaue diese grauenvollen Räume des Universums, die mich einschließen ...", hatte Pascal gut ein Jahrhundert vor Piranesi und Walpole geschrieben. Man darf die vielzitierte Stelle nicht missverstehen: Pascal konnte seine Angst im christlichen Glauben überwinden. Irgendwann um die Mitte des 19. Jahrhunderts, das bestätigen Kleins Studien, hat sich die Situation geändert: Bei Piranesi bleibt das Übermächtige anonym. Für die englische Romantik scheut Klein denn auch nicht vor der Vokabel "Nihilismus" zurück. Beckfords Kalif Vathek propagiert eine finstere Ästhetik des Bösen, ohne Liebe und ohne Hoffnung. Der traditionellen Religion bleibt der Held paradox verbunden: Das unendliche Streben nach dem Reiche Gottes wird – Klein – umgekehrt in ein "totales Habenwollen des negativen Reiches".

Noch einen Schritt weiter geht Lord Byron, dem das umfangreichste Kapitel in diesem Band gewidmet ist: Die Dichotomie
Frühes Beispiel englischer
Neugotik: Die Bibliothek von
Strawberry Hill
Himmel/Hölle wird als irrelevant erklärt. Byrons Held Manfred ist "in die Welt hineingeworfen", formuliert Klein gewollt anachronistisch mit Anspielung auf existenzialistische Positionen des 20. Jahrhunderts. Aufschlussreich ist die Kontrastierung mit Goethes "Faust": Während dem deutschen Professor eine Versöhnung mit der Welt offen gehalten wird, bleiben für Manfred Wissen und Leben schlechterdings unvereinbar. "Irdisches Leben", fasst der Anglist pointiert zusammen, "wird zur Groteske, so dass selbst noch die Hölle zum aparten Aufenthalt werden kann."

Kein Wunder, dass der alte Goethe bei aller Bewunderung für Byron doch zu dem Schluss kam, "die düstere Glut einer grenzenlosen reichen Verzweiflung" werde "am Ende lästig". Klein interpretiert Manfreds radikale Skepsis gegenüber den menschlichen Vermögen wiederum auf dem Hintergrund der englischen philosophischen Tradition. Die Untiefen der menschlichen Seele konnten deshalb ins Blickfeld rücken, weil Hobbes, Locke und Hume sich an eine schonungslose Analyse der menschlichen Vermögen gemacht hatten. Hier wäre mancher Leser vom Kontinent, der eher in den Denkwegen des Rationalismus oder Idealismus eingeübt ist, dem Autor für eine systematischer Darstellung wohl dankbar gewesen.

Byron in orientalischem Gewand
Reizvoll wäre an dieser Stelle zweifellos, die deutsche Entwicklung – Kant hat in seiner "Kritik der reinen Vernunft" Humes Anregungen aufgenommen, die "Kritik der Urteilskraft" bewegt sich mit ihrer Theorie des Schönen und des Erhabenen in Burkes Spuren – der englischen gegenüberzustellen. Klein verweist des öfteren auf Friedrich Schlegels Forderung nach einer "neuen Mythologie"- Sehnsucht nach "Kompensation" in einer zivilisierten und zunehmend organisierten Welt.

Auch Walpoles gotischer Roman, betont Klein, beschäftigt sich mit einem "Stattdessen", sogar mit offen eskapistischen Zügen. Das ritterliche Lanzenstechen muss dem Romanautor im Zeitalter der beginnenden Industrialisierung reichlich weltfremd vorgekommen sein. "Angesichts der Strukturierung moderner Lebensprozesse mutete sich Walpole Mythenarbeit zu, die ihm zugleich zur Entlastung diente." Das bizarre Dekor der Neugotik war wohl die Kehrseite der "schwarzen Romantik" – nicht zum Schrecken, sondern zu ästhetischen Gefallen. Auch zu diesem Punkt ist Klein keineswegs auf Spekulationen angewiesen: Walpole schrieb eine der frühesten Verteidigungen des gotischen Geschmacks.


Neu auf dem Büchermarkt:
Schwarze Romantik. Studien zur englischen Literatur im europäischen Kontext,
Peter Lang, Frankfurt am Main 2005 (ISBN 3-631-38977-9), 45,50 €



Mehr im Internet:
Schwarze Romantik  
Horace Walpole 









Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 
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