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13.12.2005 - HIRNFORSCHUNG

Ein Tor zum Paradies?

Vertrauensbildendes Hormon reduziert Angst bei Menschen

Christina Pietsch

 
 

Das Hormon Oxytocin (aus dem griechischen für Schnelle Geburt) wird von der Hypophyse ausgeschüttet. Rein körperlich spielt es zum Beispiel eine entscheidende Rolle beim Geburtsvorgang. Unter anderem hilft es dabei, die Wehen auszulösen. Nach der Geburt eines Babys stimuliert Oxytocin die Muskelzellen der Milchdrüsen und sorgt so für den Milchfluss beim Stillen. Fast wichtiger ist jedoch seine psychische Wirkung. Oxytocin sorgt für die enge Bindung zwischen Mutter und Kind. Aber auch für unsere Sexualität ist Oxytocin entscheidend. Es wird während des Orgasmus im Gehirn freigesetzt und entfaltet dort opiumartig seine Wirkung.

Es ist seit längerem bekannt, dass Oxytocin im Tierreich eine Schlüsselrolle für die Steuerung von komplexen emotionalen und sozialen Verhaltensweisen einnimmt. Vom Oxytocin-Niveau im Gehirn von Mäusen ist zum Beispiel abhängig, inwieweit die Tiere mütterliche Fürsorge, Bindungsverhalten oder Aggressivität zeigen. Oxytocin reduziert die Angst bei Tieren und verändert ihre Fähigkeit, Furchtreaktionen zu lernen und zu verlernen. Es ist somit offensichtlich ein zentraler Botenstoff für die Steuerung von sozialem Verhalten im Gehirn von Säugetieren.

Im Juni diesen Jahres konnten Forscher der Universität Zürich zeigen, dass Oxytocin auch beim Menschen eine zentrale Rolle für das soziale Verhalten spielt. Probanden, denen Oxytocin durch die Nase verabreicht wurde, zeigten im Vergleich zu Probanden, die ein Placebo erhielten, ein signifikant größeres Vertrauen in andere Menschen. Für ihre Untersuchung ließen die Forscher Studenten Geldgeschäfte miteinander tätigen. Dabei übergab jeweils ein „Investor“ eine von ihm gewählte Geldsumme an einen „Treuhänder“.

Einige der Investoren bekamen vor Beginn des Spiels das Oxytocin-Spray in die Nase verabreicht. Es zeigte sich, dass diese Spieler insgesamt mehr Geld investierten als jene, die eine unwirksame Substanz bekamen. Dieser Einfluss von Oxytocin sei jedoch nicht einfach Folge einer generell gesteigerten Risikobereitschaft. Das Hormon entfaltete seine Wirkung nur, wenn es um zwischenmenschliche Kontakte ging. Spielten die Investoren mit einem Computer verhielten sich beide Gruppen gleich. Oxytocin bringt uns unseren Mitmenschen näher, nicht der gesamten Umwelt.

Die Forschungsergebnisse aus der Schweiz veranlassten ein deutsch-amerikanisches Forschungsteam nach der biologischen Erklärung des Oxytocin Phänomens zu suchen. Die Studie der Wissenschaftler des Zentrums für Psychiatrie der Justus-Liebig-Unviersität Gießen und des amerikanischen National Instituts for Mental Health in Bethesda (NIMH) weist möglicherweise die Richtung für neue Behandlungsmöglichkeiten bei Erkrankungen, die mit einer Dysfunktion der Amygdala verbunden sind, wie z.B. soziale Phobie oder Autismus. Das jedenfalls berichteten sie in der Ausgabe vom 7. Dezember des Journals of Neuroscience (Band 25, Heft 49, Seiten 11489 - 11493).

Bekannt ist, dass beim Menschen in bedrohlichen Situationen direkt Verbindungen zwischen der „Amygdala“ und dem autonomen Nervensystem aktiviert werden. Sie ermöglichen eine Reaktion, bevor es zum Abschätzen der Situation kommen kann. Die bekannte Symptome der Angst treten auf: Herzklopfen, erhöhter Blutdruck, beschleunigte Atmung oder feuchte Hände. Wie die Wissenschaftler jetzt herausfanden, reduziert Oxytocin die Ängstlichkeit in jener Gehirnregion, in der sie entsteht: in der Amygdala, dem sogenannten „Mandelkern“.

Wie genau dies geschieht, untersuchten sie mit Hilfe von Freiwilligen, die Oxytocin oder ein Placebo in die Nase gesprüht bekamen und anschließend Fotos wütender oder ängstlicher Gesichter bzw. bedrohlicher Situationen betrachten mussten. Ihre Gehirnaktivität wurde dabei per Kernspintomographie kartiert. Ohne Oxytocin waren die Mandelkerne (Amygdalae) und die Umschaltstationen für deren Signale im Gehirnstamm aktiv. Unter Oxytocin-Einfluss blieb diese Aktivierung jedoch aus. So wirkt sich Oxytocin indirekt auf unser Vertrauensvermögen aus. Es unterdrückt die „Amygdala und deren angstauslösendes Netzwerk“.

Aus früheren Untersuchungen ist auch bekannt, dass eine erhöhte Aktivität der Mandelkerne im Zusammenhang mit sozialen Phobien, Angst- und Depressionsleiden sowie Autismus steht. So war zum Beispiel bereits gezeigt worden, dass Kinder mit Autismus eine erhöhte Aktivierung der Amygdala bei der Betrachtung von Gesichtern zeigen.

Der Initiator der Studie, Dr. Andreas Meyer-Lindenberg, ein ehemaliger Mitarbeiter am Zentrum für Psychiatrie der Justus-Liebig-Universität Gießen, der heute am NIMH forscht, blickt bereits in die Zukunft: "Zukünftige Studien müssen untersuchen, wie das Hormon bei Frauen wirkt, wie das verwandte Hormon Vasopressin wirkt und welche Auswirkungen genetische Veränderungen, die diese Hormone oder ihre Rezeptoren beeinflussen, haben."

Zumindest die Frage der Wirkung bei Frauen wird man in Kürze beantworten können. Eine solche Studie, erneut als Kooperation zwischen den Gießener und den amerikanischen Neurowissenschaftlern, wird derzeit am Zentrum für Psychiatrie der Justus-Liebig-Universität durchgeführt.

Wissenschaftler spekulieren jetzt, dass Oxytocin als Medikament eines Tages nicht nur Kranken, sondern jeglichen Personen mit „sozialen Dysfunktionen“ helfen könnte, ihre Hemmschwelle zu überwinden und Kontakte mit ihren Mitmenschen zu knüpfen. Doch das wirft Fragen jenseits der Hirnforschung auf: was sind soziale Dysfunktionen und vor allem wo fangen sie an, wo hören sie auf? Die Definition bleibt offen.

Erste kritische Stimmen wenden bereits ein, dass Segen und Fluch oft nahe beieinander lägen. Mit einer chemischen Beeinflussung zwischenmenschlichen Verhaltens begäbe man sich auf gefährliches Terrain. Missbrauch vorprogrammiert? Im Internet ist man da schon weiter: Die Betreiber der Internetseite oxytocin.org können sich bereits einen Pharmacocktail aus dem "zivilisierenden Neurotransmitter" Serotonin, dem "Liebeshormon" Oxytocin und dem "Schokoladenamphetamin" Phenylethylamine als Tür zum Paradies vorstellen. Nebenwirkungen inklusive.


Mehr im Internet:
Zentrum für Psychiatrie der Justus-Liebig-Unviersität Gießen 
National Institute of Mental Health, Bethesda, MD, USA 
Paradise Engineering - oxytocin.org 

 




Christina Pietsch

Biologin, studierte an der Uni Greifswald
Seit Oktober 2005 in Berlin

 

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