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03.01.2006 - DIGITALISIERUNG
Die Macher der virtuellen Weltbibliothek
Die Archivierung des Schrifttums der Welt tritt in neue Phase ein.
Andreas von Bubnoff / Sophie Bertone
 | | Sieht so die zukünftige Bibliotheke aus?
Bild: Ernst Fesseler | | | Vorbei die Zeiten, in denen Buchrücken in endlosen Regalzeilen vor sich hin verstaubten und unzählige Seiten gedruckten Papiers dem Gilb anheim fielen! Vorbei die Zeiten, in denen man zu den begehrenswerten Wälzern reisen musste, um an das über die Welt verstreute Spezialwissen zu gelangen! Die Pioniere der Textdigitalisierung haben eine Vision: das in aller Welt auf den Buchseiten gespeicherte Wissen im Netz jedem Interessierten zugänglich zu machen, per Mouse-Klick. Anstatt umständlich in den Bibliotheken nach speziellen, längst nicht mehr verlegten Büchern zu fahnden, könnte der Suchende bequem von zu Hause Nachforschungen im Internet anstellen, durch eine gezielte Textsuche, die den individuellen Suchanfragen des Lesers angepasst wäre. So würde die vielfältig vorhandene Spezialliteratur vielleicht sogar ein neues Publikum finden, sobald die Leserschar nur wüsste, was sich hinter so manch obskuren Buchtiteln für Texte verbergen. Auf Bibliothekare und Datenfachleute käme viel Arbeit zu, denn sie hätten die geeigneten Werkzeuge zu entwickeln, um die Katalogisierung der Datenflut und die Navigation durchs Datenlabyrinth zu ermöglichen und zu umsorgen. Auch Autoren und Verleger müssten zukünftig wie Webdesigner in digitalen Dimensionen denken – tief greifende Umwälzungen für Text-Produzenten wie Rezipienten.
Revolutionen verlaufen selten unblutig und fordern ihre Opfer. Auch die globalen Umbrüche in der Lesekultur durch die Digitalisierungswut könnten Hässliches mit sich bringen. In den Vereinigten Staaten kämpfen bereits Autoren und Verleger um ihre Urheberrechte und gehen gegen Goggle gerichtlich vor. Im Hintergrund der Klage steht die Sorge, private Unternehmen (wie Goggle oder Amazon) könnten die Kontrolle über das Schriftgut der Welt an sich reißen. Unter den Autoren und Herausgebern grassiert die Angst, die zahlreichen Verunsicherungen entspringt; niemand hat derzeit einen genauen Überblick über die unzähligen unabhängigen Scann-Projekte und vermag zuverlässig Auskunft zu geben, wer, was, wo und wie viele Informationen (frei) abrufbar im Netz zur Verfügung stellt, wie koordiniert wird und wer kontrolliert.
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| Bild: Franziskus | Dabei ist die Idee, Bücher zu digitalisieren und über ein elektronisches Netzwerk jedermann zugänglich zu machen, fast so alt wie das Internet selbst. Mit dem Eintippen der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika in den Computer am 04. Juli 1971 und deren anschließender, elektronischer Versendung an jede staatliche Einrichtung, die am Behördennetz hing, wurden die Geburtswehen des Gutenberg-Projekts eingeleitet. Das Projekt Gutenberg ist das erste, das sich dem Abenteuer der Buchdigitalisierung stellte. Michael Hart, der Initiator des Projekts, tippt bis heute freiwillig und unentgeltlich im Keller seines Wohnhauses in Urbana, Illinois, Texte in seinen PC – ausschließlich Texte, die von Urheberrechtsansprüchen befreit sind. Von den 1970er Jahren bis heute halfen ihm dabei ca. 20.000 Freiwillige, sagt Hart. Jeder einzelne trug unentgeltlich zum Wachstum der mittlerweile gigantischen digitalen Bibliothek bei. Bis dato sind es ungefähr 50.000 Bücher, die von den Helferhänden eingetippt oder eingescannt wurden. Nicht nur der idealistische Wunsch, das in den Schriftwerken gespeicherte Wissen für alle Menschen frei zugänglich zu machen, treibt Hart und seine unzähligen Helfer an, sondern auch die Aussicht, Texte oder Bücher kinderleicht aufzuspüren und nach eigenen Themenschwerpunkten durchstöbern zu können.
Die immensen Vorteile, die digitale Textsuche bietet, spornte beispielsweise auch die National Science Foundation (NSF) in Arlington (Virginia) an, in das internationale Million Book-Projekt einzusteigen – ein wie das Gutenberg-Projekt jedem frei zugängliches Bemühen. Neben vielen anderen beteiligt sich auch die Carnegie Mellon University in Pittsburgh (Pennsylvania) am Million Book-Projekt. Seit Projektbeginn im Jahr 2002 wurden 600.000 Bücher erfasst, annähernd die Hälfte davon steht für den Leser derzeit online bereit. Weil das Scannen der Bücher in Indien und China stattfindet, werden die Bücher dorthin vorübergehend von den ins Projekt involvierten Bibliotheken verschifft.
Die enormen Vorteile, die elektronisch erfasste und abrufbare Literatur im Hinblick auf Suche und ihre Durchsuchbarkeit bietet, machen auch die überwiegende Triebskraft für rein kommerzielle Bestrebungen aus, Bücher zu scannen. So erlauben Internet-Buchanbieter, die über ein digitalisiertes Buchangebot verfügen, ihren potentiellen Käufern, vorab ein paar Blicke in die Objekte ihrer Begierde zu werfen, etwas zu schmökern oder ein paar Seiten zu lesen. Bei Amazon beispielsweise sind, mit Erlaubnis der Herausgeber, die meisten der zum Verkauf angebotenen und urheberechtlich geschützten Bücher online einzusehen. Derzeit kann der lesehungrige Kunde auf diese Wiese nach 100.000 verschiedenen Büchern suchen. Die Möglichkeit, Bücher vor dem Kauf durchstöbern zu können, habe, nach Aussage des Unternehmens, den Absatz sogar um 8 % gesteigert. Amazon verkauft auch E-Bücher. Auf tragbare, handliche, mit Monitor versehene Geräte heruntergeladen, sind diese elektronischen Bücher genauso überall lesbar wie das "normale" Buch. Die Kritiker orakeln schon das Ende des Taschenbuchs. Auch die Herausgeber wissenschaftlicher Literatur, wie die US National Academies Press, verzeichnen den Anstieg der Absatzzahlen, wenn die angebotenen Fachbücher zumindest Auszugsweise vorab online vom Kunden eingesehen werden können.
Google vermeidet in der Ankündigung zum Google Book Search-Projekt tunlichst, von Geld oder gar Gewinnchancen zu sprechen. Der Unternehmenssprecher, Nate Tyler, betont allein die Motivation des Unternehmens, nämlich Informationen umfassend für jeden verfügbar zu machen. Dazu gehöre gerade die Literatur, die derzeit nur offline verfügbar ist. Die Möglichkeit, mit dem Projekt beträchtlichen Gewinn einzufahren, hat unter US-amerikanischen Autoren und Verlegern Wut entfacht.
Dieses Jahr im Herbst (2005) gingen die amerikanische Autorenzunft und der Verlagsbund gegen Google gerichtlich vor. Sie sehen mit dem Google Book Search-Projekt ihre Urheberrechte erheblich verletzt. Die Organisationen klagen Google an, nicht in jedem Fall der eingescannten, urheberrechtlich geschützten Bücher um Erlaubnis gefragt zu haben. Google hätte nur für einige der elektronisch bereitgestellten Arbeiten von Autoren und Herausgebern grünes Licht erhalten. Das Unternehmen argumentiert dagegen, dass das amerikanische Urheberrecht in bestimmten Fällen nicht zwingend vorschreibe, extra um Vervielfältigungserlaubnis zu fragen. Der Zweck, den das Unternehmen mit der Bereitstellung der Literatur im Netz beabsichtige, fiele unter die Ausnahme des "fair use" und wäre demnach gesetzlich gestattet. Das "fair use" erlaubt das Kopieren von Texten zu Zwecken der Lehre, Wissenschaft oder Forschung. Zudem plane Google nicht, besonders urheberrechtlich geschützte Texte vollständig ins Netz zu stellen, sondern nur Ausschnitte der Forschungsergebnisse zu präsentieren.
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Schmökern fördert Kauffreudigkeit Bild: E. Fesseler
| Die Firma hat analysiert, dass Leser eher Bücher kaufen oder auch ausborgen, wenn sie vorab besser wissen, welchen Inhalt sie erwarten können. Durch Vergleichen und Abstimmen der online zur Verfügung gestellten "Textschnipsel" mit bibliothekarischen Inhaltsangaben wird die Sicherheit, das man auch das "richtige" Buch erwischt, wesentlich erhöht. Paul Aiken, Mitglied der Autorenzunft New York City, hält vehement dagegen. Er argumentiert, dass es überhaupt keine Rolle spiele, wozu die Textausschnitte letztendlich genutzt würden und wem sie dienten, schon der Akt des Scannens wäre in jedem Fall eine Verletzung der Urheberrechte.
Der Ausgang des Prozesses hängt nun von der Entscheidung des Gerichtshofes darüber ab, ob und inwieweit das Konzept des "fair use" im Zeitalter von Internet und E-Büchern noch zutrifft. Der Rest der Welt gibt sich derweil der Beobachtung des Verfahrens hin und hält sich im Scannen zurück: Nur Bücher ohne Copyright oder mit ausdrücklicher Genehmigung der Herausgeber und Verleger werden digitalisiert.
Googles Vorhaben hat jedoch die Welt der Buchdigitalisierung kräftig wachgerüttelt. Vor allem hat die Firma die Konkurrenz geweckt, öffentlicher sowie privater Natur, und ein großes Fragezeichen gesetzt, das wie das Damoklesschwert über Bibliothekaren samt Bibliotheken baumelt. "Google ist eine Klasse für sich, … hat den Weg geebnet und den Appetit angeregt, aber auch Sorgen auf Seiten der Bibliotheken und Editoren hervorgerufen", sagt Daniel Greenstein, Bibliothekar der California Digital Library in Oakland.
Michael Gorman, der Präsident der American Library Association, ist nicht besorgt, dass die Bibliotheken verschwinden könnten. Schließlich würden sie nicht nur dem Buchverleih dienen, sondern wären darüber hinaus wichtige Orte gegenseitigen Treffens und gemeinsamen Studierens. Ebenfalls würden Bibliothekare als qualifizierte Informationsmanager weiterhin benötigt. Ihre Arbeit wandle sich zwar, aber dadurch werde sie nur um so attraktiver, findet zumindest Dennis Dillon, der Direktor der Abteilung Suchdienste der University of Texas libraries in Austin.
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| Norman Foster-Bibliothek der FU Berlin | Gormans Besorgnisse zielen eher in Richtung Leseverhalten. Eine allzu große Abhängigkeit von elektronischen Texten oder die Beschränkung der Leser auf sie allein, könnte nämlich bewirken, dass die Menschen das ausdauernde und tiefgründige Lesen verlernen, mit dem Effekt, den Gorman die "Atomisierung des Wissens" nennt. Google liefert dem Sucher handliche Textfetzen, knappe Textausschnitte zu Themen oder Suchworten. Doch der Inhalt einer Textpassage verändert sich mit dem Kontext, den das Buch insgesamt liefert. Wenn es der Leser stets nur bei diesen kurzen Passagen beließe, könnte dies, so Gorman, ein tieferes Verstehen verhindern, das sich nur durch ausführlichere Lektüre einstelle. Andernfalls kratze man immer nur an der Oberfläche eines Problems und dringe kaum in tiefere Wissensschichten ein. Dillon bestätigt diesen Wandel im Leseverhalten. Er ließe sich bei den E-Buch-Lesern heute schon beobachten, denn sie verwendeten genau dies Verfahren: ein eher flüchtiges Blicken auf dieses oder jenes Detail oder aktuell interessierende Themenabschnitte. Die Auseinandersetzung mit dem Text in Gänze finde eher selten statt.
Der Mix zwischen beidem wäre nicht schlecht. Zunächst würde der das dauerhafte Kopfzerbrechen der Bibliothekare über Aufbewahrungskosten und Regalplatzmangel für physische Bücher minimieren. Nach der Meinung von Dillon, müsste allerdings sichergestellt werden, dass einige Bibliotheken immer über physische Exemplare spezieller Arbeiten verfügen, die unter den Bibliotheken verliehen werden und an Leser gelangen können, die ein "richtiges" Buch benötigen.
Einige Bibliotheken verzichten bereits ganz auf die Anschaffung physischer Editionen. Die University of Texas in Austin hat in ihrem Bestand beispielsweise, nach Aussagen Dillons, 10.000 urheberrechtlich geschützte Bücher und 300.000 nicht urheberechtlich geschützte Arbeiten, die ausschließlich im E-Buch-Format vorliegen und verliehen werden.
Eine andere Person, die von Googles Bestrebungen ebenso mobilisiert wie alarmiert ist, ist Brewster Kahle, der Gründer der Non-Profit-Organisation "Internet Archive" in San Francisco. Obwohl Google nie angedeutet hat, Besitzer von seinen digitalisierten Werken sein zu wollen oder über Zugang und Suche zu bestimmen, will Kahle nicht, dass das Digitalangebot der Lektüre völlig den Händen privater Unternehmen überlassen wird.
Deshalb meldete er im Oktober 2005 die Gründung der "Open Content Alliance" (OCA) an. Das Ziel des Bündnisses ist der Aufbau eines dauerhaften Archivs für digitalisierte verschiedensprachige Texte und multimediale Inhalte, von denen soviel wie möglich im Internet für jeden frei abrufbar sein soll.
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| New York Public Library | Wie das Million-Book-Projekt auch will die OCA Bücher scannen, die nicht mehr verlegt werden; die ersten sind bereits online verfügbar. Die OCA hofft im Umfang dem Vorhaben Googles gleichzukommen; zu den Helfern, die das Scannen mitfinanzieren, gehören u. a. Yahoo und Microsoft. Einige Bibliotheken, die sich aus logistischen Gründen eher widerwillig dem Million-BookProjekt angeschlossen hätten, haben sich nun der OCA angeschlossen. "Wir haben das Million-Book-Projekt in Betracht gezogen, aber wir entschieden uns nicht dafür, weil wir das überseeische Verschiffen vermeiden wollten", sagt Tom Garnett, Stellvertretender Direktor für Digitale Bibliotheken und Informationssysteme der Smithsonian Institution Libraries in Washington DC und nun Mitglied der OCA.
Für den Biologen und Taxonomen Vishaws Chavan – der für das National Chemical Laboratory in Pune Daten darüber sammelt, welche Tierarten, wo in Indien leben – ist das OCA-Projekt das bisher interessanteste Scann-Vorhaben. Chavan hat Jahre damit zugebracht, Bibliotheken in der ganzen Welt aufzusuchen, um dort dicke Wälzer nach den Daten zu durchforsten, die er für die Datensammlung zur Artenvielfalt benötigte. Von den 7.000 relevanten Büchern, die Chavan weltweit ausgegraben hat, sind ca. 2.500 in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschrieben worden und somit frei von urheberrechtlichen Ansprüchen. Für Chavan würde ein Traum in Erfüllung gehen, diese Literatur eines Tages im Internet digital abrufen zu können. Der Erfüllung des Traums rückt man jeden Tag ein Stück näher. Acht Museen, einschließlich des renommierten Natural History Museum in London, haben das Biodiversity Heritage Library - Projekt gegründet, das, um den Scannaufwand von über einer Million Bände schneller zu bewältigen, eng mit der OCA zusammenarbeiten wird.
Der deutsche Verleger Matthias Ulmer, der hierzulande eine E-Buch Initiative der Deutschen Verlags- und Buchhandelsgesellschaft in die Wege geleitet hat, denkt hingegen, dass es Geldverschwendung ist, alte Bücher einzuscannen. "Die Wissenschaft wandelt sich unglaublich schnell, besonders auf dem Gebiet der Taxonomie", findet Ulmer. Für die Initiative haben sich einige 100 deutsche Herausgeber bereit erklärt, bis 2006 ca. 100.000 neu publizierte Bücher zu digitalisieren. Jeder digitalisiert zunächst für sich allein die Werke. Über einen Server-Verbund sollen die Bücher dann gegen eine Gebühr für Wissenschaftlern oder andere Leser erreichbar sein.
Mehr im Internet: Projekt Gutenberg - SpiegelOnline Gemeinsam an Gutenberg arbeiten - GaGa Million Book Project Open Contant Alliance (OCA) National Science Foundation Scienzz Ticker - Bund fördert KOPAL, 04.08.04 Scienzz Ticker - Open Source bei Archivierung, 16.12.05
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