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04.01.2006 - MODERNE LYRIK

Leiden am Ich und Flucht ins Ganze

Politische Zwangsvorstellungen deutscher Dichter

von Josef Tutsch

 
 

Titel der Roten Fahne,
13. Mai 1928

"Die Ergänzung dieses auszuscheidenden minderwertigen Volksteils soll durch qualitativ hochwertiges Menschenmaterial erfolgen." Das hat nicht irgendein Rassentheoretiker im Umkreis des Nationalsozialismus geschrieben, der Satz stammt von dem vielleicht bedeutendsten deutschen Lyriker der klassischen Moderne, Gottfried Benn. Es ist nicht zu leugnen, 1933/34 setzte Benn seine Hoffnungen auf den neuen Staat als ein Absolutes, dem sich das Individuelle "opfern" müsse.

Benns Irrweg ist kein isoliertes Phänomen. Man könnte Stefan Georges Kritik des neuzeitlichen Pluralismus daneben setzen. Oder auf der linken Seite des Spektrums Bertolt Brechts Lob- und Preisgedichte auf die kommunistische Partei. Oder Johannes R. Bechers schwärmerische Verse vom Aufgehen des Individuums im Kollektiv: "Ich legte ab meinen Namen, ich heiße Genosse." Der Saarbrücker Germanist und Lyriker Dirk von Petersdorff hat sich mit diesen Dichtern des frühen 20. Jahrhunderts befasst, die "Pluralität als Gefährdung ansehen und die Moderne als Verlustgeschichte". "Sie wollen gar keine selbstkonstruierten Welteinschnitte, sondern möchten in einem höheren Ganzen aufgehen."

Gottfried Benn
Benn selbst wies später auf die Entwicklungsgeschichte dieser Ideen hin: "Eigentlich hat alles, was meine Generation diskutierte, innerlich sich auseinander dachte, man kann sagen: erlitt, man kann auch sagen: breittrat – alles das hatte sich bereits bei Nietzsche ausgesprochen und erschöpft, definitive Formulierung gefunden, alles weitere war Exegese." Nietzsches Ausgang, stellt Petersdorff in seiner luziden Analyse fest, war die Modernisierung: "der Verlust von Bezügen, aus denen der Lebensvollzug unbefragt und selbstverständlich hervorging", andererseits als Gewinn "die neue Möglichkeit, zwischen Lebensformen zu wählen". Das erklärt die Wechsel und Widersprüche. "Wir sind Experimente: Wollen wir es auch sein!"

Und es macht auch die Schwierigkeiten des Pfarrersohnes nachvollziehbar, sich in diesem universalen Perspektivismus auf Dauer einzurichten. Begreiflich, dass der Ironiker Nietzsche vor dem Verlangen nach einem festen, nicht ironisierbaren Prinzip auf Dauer nicht standhalten konnte. Petersdorff: "Man sollte den späten Nietzsche, die Idee des Übermenschen, die Hass-Ausbrüche und Gewaltphantasien ernst nehmen. Sie stellen einen Versuch dar, der Situation eines nach-metaphysischen Individuums zu entkommen."

Stefan George als mittelalterlicher Ritter
Es war die Not, an der sich auch die Lyriker ein, zwei Generationen später abarbeiteten. Zum Beispiel Stefan George, der im Abscheu gegen die ständigen Wahlzwänge der modernen Umwelt mit seinem "Kreis" eine Ordnung schaffen wollte, in der Notwendigkeit herrschte. Petersdorff kontrastiert den Dichter mit dem Soziologen Max Weber, der die Pluralität der Werte als irreversibel akzeptieren wollte. George dagegen war verzweifelt bestrebt, die gesamte Umwelt von einer einzigen Wertsphäre her zu steuern. Unvermeidlich glitt seine neu-"religiöse" Lyrik stellenweise ins Komische ab. Im Grunde wusste George genau, dass  seiner privaten Religionsstiftung jede Allgemeinverbindlichkeit abging.

George und der Nationalsozialismus? Der Dichter ist 1933, bereits im Schweizer Exil, gestorben. Andererseits – wenn in den Gedichten von "Führung" die Rede ist, sind Affinitäten schwer zu übersehen. Der Eindruck bleibt zwiespältig. 1914 ließ George sich im Gegensatz zur großen Mehrzahl der deutschen Intellektuellen nicht von der allgemeinen Kriegsbegeisterung mitreißen. Und gerade im Spätwerk, erklärt Petersdorff, zeigen sich bemerkenswerte Selbstzweifel. Das mag damit zusammenhängen, dass Georges Antimodernismus in einer Hinsicht noch radikaler war als der anderer deutscher Intelligenzvertreter damals. George "geht nicht dazu über, die industrielle Arbeitswelt und ihr technisches Instrumentarium zu akzeptieren und zu funktionalisieren, um die Individualisierung zu bekämpfen".

Bertolt Brecht
Von den "linken" Literaten Brecht und Becher wurden individualistische Werte ebenso wenig geschätzt. Petersdorff führt einen Brechtschen Gedichtentwurf von 1926/27 an: "Dich kennen wir ... Haut ihm doch bitte in die Fresse, ihr! So, jetzt weiß er Bescheid hier. Was, er quatscht noch? Nehmt ihn euch mal vor, er quatscht immer. Zeigt dem Mann mal, auf was es hier ankommt ..." Anders als bei George oder Benn ist bis heute ungeklärt, inwieweit Brechts Gedankenwelt durch Nietzsche-Lektüre beeinflusst war. In der Sache ist die Parallele deutlich. Brecht war zu dem Schluss gekommen, dass das freigesetzte Ich nur als Teil einer größeren Einheit Festigkeit gewinnen könne. Die Rettung lag im Kollektiv.

Merkwürdig, dass sich ausgerechnet bei Becher, der unter diesen Autoren am wenigsten von traditioneller Religiosität geprägt war, die religiösen Metaphern häufen, wenn es um seinen neuen Glauben, um das "heilige Reich" der Sowjetunion geht. Lenins Name, heißt es in Anspielung auf das Vater-Unser, soll "wie ein täglich Wort" verwendet werden. Das Individuelle wird von Becher noch konsequenter negiert, als es in dem einen oder anderen Brecht-Gedicht zum Ausdruck kommt: "Denn der Name tut nichts zur Sache, hat keinen Wert – Wert hat nur, dass du weißt, Kamerad, dass du und ich eins sind, eine Not, ein Handgriff, ein Tempo."

Johannes R. Becher
Verse, wie sie bei Gottfried Benn nicht zu finden sind, auch nicht aus der Zeit seines politischen Einsatzes. "Keine Götter mehr zum Bitten, keine Mütter mehr als Schoß – schweige und habe gelitten, sammle dich und sei groß!" Sollte damit ein Engagement begründet werden? Eher glaubt man eine Klage über die Unwiederholbarkeit der alten Werte herauszuhören, mit dem Anlauf zu einem "Dennoch". Gewaltsame Vereindeutigungen wie oft in den Essays erlaubte Benn sich in seiner Lyrik nicht. Aber auch die theoretischen, politischen Außerungen muss man, wie Petersdorff zu Recht betont, ernst nehmen: Sie "demonstrieren wie die entsprechenden Entscheidungen Brechts und Bechers die Schnittmenge, die zwischen ästhetischer Moderne und politischen Zwangsvorstellungen besteht".

Es wäre reizvoll, die Fragestellung auf die großen Romanciers der Epoche auszudehnen, zum Beispiel den Versuch Thomas Manns im Ersten Weltkrieg, Freiheit und Kultur gerade im Widerspruch gegen die "westliche" Zivilisation zu sichern. Und in jüngerer Vergangenheit? Die Reaktion der literarischen Intelligenz auf die Wende 1989, den großen Objektivitätsverlust mit dem Zerfall des real existierenden Sozialismus, wäre ein anderes Thema, irgendwann einmal mit historischem Abstand zu betrachten. Wenn man den Intellekt nicht opfern will, zieht Petersdorff als Bilanz, empfiehlt sich dem Intellektuellen vielleicht, was Friedrich Nietzsche einmal formuliert: "nicht mehr in den Fesseln von Liebe und Hass, ohne Ja, ohne Nein, freiwillig nahe, freiwillig ferne". Es ist eine Haltung, wie sie – manchmal – auch bei Benn, Brecht oder George zum Ausdruck kommt.


Neu auf dem Büchermarkt:
Dirk von Petersdorff, Fliehkräfte der Moderne. Zur Ich-Konstitution in der Lyrik des frühen 20. Jahrhunderts, May Niemeyer Verlag, Tübingen 2005 (ISBN 3-484-15107-2), 54,00 €







Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

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