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06.03.2006 - IDEENGESCHICHTE

Der Affe und der Gott

von Josef Tutsch

 
 

"Die Kenner und Nachahmer der griechischen Werke finden in ihren Meisterstücken nicht allein die schönste Natur, sondern noch mehr als Natur." Ob Johann Joachim Winckelmann geahnt hat, wie wörtlich seine Leser dieses Prinzip des Klassizismus nehmen würden? Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte der niederländische Anatom Pieter Camper eine Methode zur Erfassung menschlicher Rassen. Die Unterschiede sollten streng mathematisch, nämlich mittels Vermessung der Schädel, ausgemacht werden. Und siehe da, Camper konnte seine Profilzeichnungen in einer Reihe anordnen, nach der Zunahme des Winkels zwischen Kinn und Stirn. Die Serie ging, ganz wörtlich, vom Affen zum Apoll. Das "Ideal" der Schönheit hatte der Anatom in seiner Schädelsammlung nicht finden können, er entnahm es einem Abguss der berühmten Statue des Apollon von Belvedere.

Campers Zeichnung wurde immer wieder nachgedruckt, auch dort, wo es gar nicht die Absicht war, "Rassismus" zu predigen. Der Berliner Kulturwissenschaftler Thomas Becker ist dem wissenschaftlichen Diskurs über Rasse, Geschlecht und Intelligenz seit dem 17. Jahrhundert nachgegangen. Camper selbst hatte zwischen diesen Kategorien noch keinen Zusammenhang hergestellt; aber der Eindruck muss unabweisbar gewesen sein: Der Schädel des Europäers rückte dem des Apoll, des Gottes der Weisheit, am nächsten. Die Technik der Schädelvermessung schien eine höhere Intelligenz der weißen Rasse nachzuweisen; und die angeblich niedrigere Intelligenz von Frauen wurde mit der angeblich niedrigeren Intelligenz farbiger Rassen gleichgesetzt.

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 Aus Pieter Campers
 vergleichender Anatomie
Es geht um Macht. Becker zeichnet nach, wie sich im Diskurs über "Intelligenz" die Vorherrschaft der Europäer – der männlichen Europäer – biologisch, also wissenschaftlich rechtfertigen sollte. Wenn der Mensch als solcher in der Kette der Wesen durch Intelligenz und Moral eine Ausnahmestellung einnahm, dann erlaubte die Reihe dennoch, der weißen Rasse eine herausragende Position zuzuweisen. Die politische Konsequenz hat Becker zum Beispiel in einer Diskussion der Pariser Anthropologischen Gesellschaft 1860 formuliert gefunden: Der Weiße als der "Erste" aller Menschen habe der Diener aller zu sein. Er müsse den anderen wie schwer erziehbaren Kindern bei der Zivilisierung fürsorglich nachhelfen. Becker spricht von einem "Pastoralrassismus".

So stellte ein gewisser Gustav d’Eichthal bereits 1847 fest, die schwarze Rasse habe wie die Frau auf Grund widriger Umstände in ihrer Entwicklung nicht fortschreiten können. Sein Vorschlag: schwarze Männer mit weißen Frauen zu "kreuzen". Auf diesem Wege könnte man den Schwarzen aufhelfen, ohne sie durch eine zu starke Intelligenzdosis physiologisch zu überfordern ... Auch der Mythos vom Gorilla King-Kong, der eine weiße Frau raubt, scheint in diesen Zusammenhang zu gehören. Bis weit ins 19. Jahrhundert, berichtet Becker, war es immer eine schwarze Frau. Erst seit den 1880er Jahren galt in der europäischen Phantasie die weiße Frau als das eugenische Mittel zur Verbesserung der "niederen Rassen", die angeblich den Affen näherstanden.

Aus Lavaters "Physiognomie"
Becker stellt diese Phänomene in eine wahrhaft verwirrende Fülle ideengeschichtlicher Bezüge. Wem etwa ist geläufig, dass der klassizistische Maler Schadow auf den alten Goethe mit der Bitte zutrat, sein Gesicht nach Campers Methode mit Winkel und Lineal vermessen zu dürfen? Goethe verweigerte sich, die angestrebte exakt-mathematische Erfassung lief seiner idealisierenden Auffassung zuwider. Dagegen hatte der Schweizer Pfarrer Lavater schon Jahrzehnte zuvor eine lineare Serie vom Frosch zum Apoll aufgestellt – Apoll mit dem Lorbeerkranz des Dichters und den Gesichtszügen des jungen Goethe. Anders als Camper suchte Lavater die Norm jedoch nicht in der griechischen Plastik. Grundform aller menschlichen Gesichter sollte das – leider unbekannte – Antlitz Christi sein.

Wissenschaftsgeschichte kann Bescheidenheit lehren. Wie viel von dem, was heute als seriöse Erkenntnis gilt, mag in ein paar Jahrzehnten belächelt oder beklagt werden? Aus einer Vorlesung des Phrenologen Franz-Josef Gall wird erzählt, der Meister habe aus eine Reihe von Schädeln spontan einen herausgegriffen und doziert, hier handele es sich um Destruktionstrieb gepaart mit Sexualtrieb. Etwa 1830 entstand eine Zeichnung, auf der zu sehen ist, wie sich ein Mann mit der Rechten hinters Ohr fasst und mit der Linken dieselbe Stelle an einem Schädel auf seinem Schreibtisch berührt. Die Stelle war, den Phrenologen zufolge, der Sitz der Mordlust. Becker: "Der Schock des dargestellten Phrenologen besteht in der Entdeckung, selbst zu einem Killer disponiert zu sein."

Aus Galls Lehrbuch der Phrenologie
In diesem Rahmen wird begreiflicher, wie sich im 19. Jahrhundert Biologie und Sozialwissenschaft ineinander vermischten. Man würde es sich zu leicht machen, betont Becker zu Recht, wollte man die "Biologisierung" des Menschen seit über 200 Jahren einfach als "amoralische Abstraktion von seiner kulturellen Prägung" bezeichnen, Biologie und Kultur zu absoluten Gegensätzen erklären und alle Klarsicht der Kultur zusprechen. Die Ausbildung von autonomen Wissensfeldern gehört zur modernen Kultur dazu. "Eine Kulturgeschichte mit dem Hammer zu schreiben", hat der Autor mit einem halben Nietzsche-Zitat die Aufgabe formuliert, die er sich in dieser Studie über die wissenschaftlichen Ursprünge des modernen Rassismus gesetzt hat.

Nietzsche dachte an einen Bergwerkshammer, der hohle Stellen hörbar macht. Eine solche hohle Stelle hat Becker in jener berühmten Zeichnung ausgemacht, worin Camper die Schädelvolumina der Menschenrassen zwischen Affe und Apoll geometrisch ermittelte. Der Kopf des griechischen Gottes war mitsamt Haarpracht abgebildet, und Camper hat – bewusst oder unbewusst – offenkundig ein paar Zentimeter zuviel berechnet.


Neu auf dem Büchermarkt:
Thomas Becker, Mann und Weib – schwarz und weiß. Die wissenschaftliche Konstruktion von Geschlecht und Rasse 1600-1900,
Campus Verlag, Frankfurt/Main 2005, ISBN 3-593-37856-6, 39,90 €


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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

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