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kultur

15.02.2006 - LITERATURGESCHICHTE

"Aber ist's nicht schön ausgedrückt?"

Heinrich Heine zum 150. Todestag

von Josef Tutsch

 
 

Heinrich Heine
* 13. 12. 1797, + 17. 2. 1856

 
 
Es war am 19. Mai 1831. Der Emigrant Heinrich Heine war in Paris angekommen und sein erster Gang führte ihn in die Bibliothèque Royale, wo er sich vom Aufseher den Manessischen Kodex der Minnesänger hervorholen ließ. "Seit Jahren gelüstete mich, mit eigenen Augen die teuern Blätter zu sehen, die uns unter anderem die Gedichte Walthers von der Vogelweide, des größten deutschen Lyrikers, aufbewahrt haben."

So jedenfalls erzählte Heine es zehn Jahre später. Nicht das Pantheon oder die Grabmäler Rousseaus oder Voltaires, sondern die Minnesänger des deutschen Mittelalters ... Der Mitemigrant Ludwig Börne sah darin "Indifferentismus für die heilige Sache der Menschheit". Es ist nicht zu leugnen, Heinrich Heine – heute darf man sagen: neben Goethe und Walther von der Vogelweide der größte Lyriker, den die deutsche Sprache besitzt – interessierte sich nicht ausschließlich für die "revolutionären Interessen des Tages". Eine politisch korrekte, künstlerisch unbedarfte Tendenzpoesie war seine Sache nicht. In seinem „deutschen“ Bären Atta Troll hat er sie karikiert: "sehr schlecht tanzend, doch Gesinnung tragend in der zottgen Hochbrust; manchmal auch gestunken habend; kein Talent, doch ein Charakter!" 

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 Eine von vielen hundert
 Bildern zu Heines populärstem
 Gedicht: "Loreley"
War das unpolitisch? Klarer als viele Zeitgenossen sah Heine, dass es in Deutschland für seinesgleichen keine politische Heimat gab: nicht die Regimes der Fürsten, die mit aller Kraft dabei waren, die Errungenschaften der Französischen Revolution rückgängig zu machen, nicht die oppositionellen Burschenschaften. Bei deren Sieg, sagte Heine voraus, würden "einige tausend jüdische Hälse abgeschnitten".

Längst vor dem Nationalsozialismus diente Heine antisemitisch gesinnten Literaturwissenschaftlern als Paradefall. "Sein scharfer, in der Schule Hegels durchgebildeter jüdischer Verstand und die frühreife zynische Welterfahrung, die er unter den sittenlosen Millionären Hamburgs angesammelt hatte, lehnten sich beständig auf wider die romantischen Träume." Heinrich von Treitschke 1879, mit dem widerwillig hinterher geschobenen Kompliment: "In den Stunden, da er ein Dichter war, empfand er ganz deutsch." Im Dritten Reich wurden solche Inkonsequenzen vermieden, in populären Gedichtsammlungen stand unter der "Loreley" nun der Vermerk „Dichter unbekannt“.  

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 Heine-Denkmal auf Korfu,
errichtet von Kaiserin
Elisabeth von Österreich 
Der große Ironiker hätte den NS-Editoren ein Plagiat vorhalten können. In seine "Reisebilder" hatte er ein paar Verse aus Homers "Ilias" eingesetzt, von der lieblichen Leier Apollons und dem Gesang der Musen. In der Unterschrift wurden die Verse tatsächlich als Zitat aus der Vulgata ausgewiesen, aus der lateinischen Bibelübersetzung ... Eine Camouflage, mit der Heinrich Heine – als Jude geboren, protestantisch getauft, später katholisch verheiratet – den Leser auf ein Grundschema seines Denkens hinwies: die Spannung  zwischen antikem "Sensualismus" einerseits, jüdisch-christlichem "Spiritualismus" andererseits.

Schwer nachvollziehbar, dass Heine sich ausgerechnet unter diesem Motto in den unseligen Streit mit August von Platen verstrickte. Der eine warf dem anderen seine jüdische Abstammung vor, der andere dem einen seine homoerotischen Neigungen. Der Literaturhistoriker Hans Mayer hat die Fronten bündig zusammengefasst: "Hier kämpften Außenseiter miteinander, die ein Außenseitertum beim Widersacher denunzierten, das zufällig nicht das eigene war." Mag sein, dass Thomas Mann diese Polemik gegen Platen im Sinn hatte, als er die Geschichte kolportierte, Heine habe zu "Anstößigkeiten" in seinen Büchern schlicht und entwaffnend gesagt: "Aber ist’s nicht schön ausgedrückt?" 

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 Henri Heine mit Ehefrau Mathilde
Das ist es allemal. Thomas Mann sprach von der "genialsten deutschen Prosa bis Nietzsche". Friedrich Nietzsche meinte zu Heines Lyrik, er "suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich süßen und leidenschaftlichen Musik". "Er besaß jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommene nicht zu denken vermag." Freilich – es ist nicht mehr jene "klassische" Vollkommenheit, die sich für uns mit dem Namen Goethes verbindet. "Wie ist doch die Natur im allgemeinen so schön!" Kaum vorstellbar, dass irgendein Schriftsteller vor Heine das Schauspiel eines Sonnenuntergangs mit einem solchen Satz abgeschlossen hätte.

Heine selbst bezeichnete sich gern als letzten Dichter der deutschen Romantik. Aber in seinem Fall war der romantische Traum von Anfang an aufgeklärt und desillusioniert. Aufmerksame Leser verfolgt noch heute stellenweise eine Irritation: Wo endet das authentische Gefühl, wo beginnt die absichtsvolle Sentimentalität? "Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu; und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei." Die "Kunstperiode" war zu Ende gegangen. Will man Heines Selbstdarstellung glauben, ist ihm das revolutionäre Potential in Hegels Dialektik bereits zur Studienzeit in Berlin gewusst geworden. "Als ich einst unmutig war über das Wort: Alles was ist, ist vernünftig, lächelte Hegel sonderbar und bemerkte: Es könnte auch heißen: Alles was vernünftig ist. muss sein. Er sah sich hastig um, beruhigte sich aber bald ...

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 Heines Grab in Paris
Der Poet war eben auch ein klarsichtiger Analytiker der Ideengeschichte. "Hört Ihr das Glöckchen klingeln? Kniet nieder – man bringt die Sakramente einem sterbenden Gotte." Heine über Kants "Kritik der reinen Vernunft". Und manchmal ließ sich der kühle Denker wohl doch von Gefühlen überwältigen, wenn er daran dachte, was unter anderen Umständen aus Deutschland und Europa hätte werden können. Die anderen Umstände hatten einen Namen: Napoleon – nicht als Liquidierung der Revolution, sondern als ihre Ausbreitung über den Kontinent. "Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab", singt in einem frühen Gedicht der sterbende Grenadier, "viel Schwerter klirren und blitzen; dann steig ich gewaffnet hervor aus dem Grab – den Kaiser, den Kaiser zu schützen." Solche Verse wurden dem Dichter in Deutschland sehr übel genommen, auch von Kritikern, deren Blick nicht durch Judenhass getrübt war.


Mehr im Internet:
Heinrich Heine

 
 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

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