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22.02.2006 - DEUTSCHE KLASSIK

Bildung in Krähwinkel

Jenaer Wissenschafter forschen über "Kultur um 1800"

von Josef Tutsch

 
 

Die beiden "Dioskuren" vor dem
Weimarer Nationaltheater

"Unter den 11.000 Menschen, welche die Stadt bewohnen, ist bei weitem die größere Zahl eine Rasse von kleinstädtischen Spießbürgern, welchen man weder die Verfeinerung einer Hofstadt noch sonderlichen Wohlstand anmerkt." So zu lesen 1796 in einem Reisebericht aus Weimar, der Stadt Goethes. Und 1804 fühlte sich die russische Großfürstin Maria Pavlovna, als sie den Weimarer Erbprinzen heiratete, an "Krähwinkel" erinnert, das Örtchen der "deutschen Kleinstädter" in Kotzebues Komödie. Die Merkwürdigkeit, dass ausgerechnet die winzige thüringische Residenz zu Deutschlands literarischer Hauptstadt geworden war, ist auch Madame de Stael aufgefallen, die im selben Jahr Deutschland bereiste. Ihre Erklärung: "Weimar war keine kleine Stadt, es war ein großes Schloss, wo eine ausgesuchte Gesellschaft sich interessiert über jedes neue Kunstprodukt unterhielt."

Mit einer solchen Formel können sich moderne Historiker nicht zufrieden geben. An der Universität Jena arbeitet seit 1998 der Sonderforschungsbereich "Ereignis Weimar-Jena". Zusammen mit der benachbarten Universitätsstadt, stellen der Jenaer Historiker Hans-Werner Hahn und sein Frankfurter Kollege Dieter Hein fest, war die Residenz um 1800 ein "Laboratorium bürgerlicher Werteproduktion". Bei Goethe finden sich zahlreiche Stellen, die seine Wertschätzung von "Bürgerlichkeit" bezeugen: "Wo käm die schönste Bildung her, und wenn sie nicht vom Bürger wär?"

 
 Geselliges Beisammensein im Hause
 Goethe

Es waren jedoch, so Hahn und Hein, gerade nicht die "städtischen Bürger", sondern vielmehr "die Angehörigen der Staatsverwaltung und der Universität, hofnahe Künstler und Literaten und außerhalb des Stadtbürgertums stehende Verleger", von denen eine neue bürgerliche Kultur geprägt und getragen wurde. Auch die Bezeichnung "Kleinstadt" könnte in die Irre führen, wie Manfred Hettling (Universität Halle-Wittenberg) feststellt: Die "Großstadt" als Gegenmodell – Beispiel: Paris oder London – gab es in Deutschland gar nicht. Man sollte Goethes einst so populäre Versidylle "Hermann und Dorothea" lesen, um sich ein Bild von den face-to-face-Beziehungen in solchen Landstädtchen zu machen, wie sie um 1800 – Hettling: "als positive Grunderfahrung" – noch völlig selbstverständlich waren.

Damit ist das Rätsel natürlich längst nicht gelöst. Unser Bild von den Realitäten im klassischen Weimar wird durch unsere Kenntnis der klassischen Dichtertexte vielleicht sogar verstellt. Sollte man sich, wenn es um Ehe und Familie geht, an Schillers "Glocke" orientieren? "Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau ..." Caroline Schlegel schreibt in einem Brief, dass sie und ihre Freunde bei der Lektüre vor Lachen fast vom Stuhl gefallen sind. Wie realitätsnah kann umgekehrt Goethes "Stella" sein, wo in der ersten Fassung alle Beteiligten sich mit einer Dreiecksbeziehung einverstanden erklären? Einige "Ausnahmeerscheinungen" unter den Frauen in Weimar/Jena, stellen Katja Deinhardt und Julia Frindte (Jena) dar, zwangen die Öffentlichkeit zur "Wertediskussion" – und gaben Schiller die berüchtigten Verse ein "Da werden Weiber zu Hyänen und treiben mit Entsetzen Scherz".

 
 Klassisches Bildungserlebnis: Goethes
 "Iphigenie auf Taurus"

"Bildung" als der zentrale Wert: "Ablehnung beruflicher und ständischer Bildung, Postulat der Universalität, bei partieller Übernahme adliger Bildungsziele", versucht Michael Maurer, Kulturhistoriker in Jena, eine Umschreibung dessen, was der Begriff um 1800 bedeutete. Maurer verweist auf die Spannung zwischen universalem Anspruch einerseits, sozial beschränkter Realisierung andererseits, die Marxisten später so wortreich gegeißelt haben. "Die Griechen, genauer gesagt, die Athener der klassischen Polis, erschienen gerade als Sklavenhalter zur Avantgarde der Menschheit berufen, als Freie mit Muße, die sich auf zweckfreies Denken und gemeinwohlförderndes Handeln stellen konnten."  

Inwieweit gehören die "bürgerlichen" Werte überhaupt mit dem „Bürgertum“ als sozialer Gruppierung zusammen? Ewald Frie (Universität Duisburg-Essen) meldet Zweifel an: Zumindest das "bürgerliche" Familienideal mit seiner zunehmenden Privatheit und Emotionalität wurde auch im Adel gepflegt, man wird es "vielleicht besser als ein ständeübergreifendes romantisches Phänomen begreifen". Gerhard Müller (Jena) hat ein wichtiges "Medium bürgerlicher Wertevermittlung" unter die Lupe genommen, die Freimaurerei. Formell gab es keine sozialen Schranken, statt dessen eine "informelle Exklusivität von Kultur und Bildung". Offenbar verfolgten Großherzog Carl August und sein Minister Goethe eine wohl durchdachte politische Strategie: die Kompensation kleinstaatlicher Machtlosigkeit durch die – Goethe – "gegen unsere Kräfte proportionierte Beförderung der Künste und Wissenschaften".

Durchweg fortschrittlich wird man sich das Großherzogtum dennoch nicht vorstellen dürfen. Zur Frage der bürgerlichen Gleichstellung von Juden, damals sehr aktuell, hat Hahn sowohl positive als auch negative Stimmen ausgemacht. In der deutschen Provinz war, darauf macht Ralf Roth (Universität Frankfurt am Main) aufmerksam, der überlieferte Glaube um 1800 "bei allen Säkularisierungstendenzen noch eine feste Macht und Realität". Der Trierer Andreas Gestrich hat für die "rousseauistische" Umdeutung christlichen Traditionen ein merkwürdiges Zeugnis gefunden, bei dem Pädagogen Salzmann: "Es gibt eine Erbsünde, eine Neigung zum Bösen und eine Abneigung vom Guten, die die Kinder von ihren Eltern bekommen; sie wird ihnen aber nicht sowohl angeboren als anerzogen."  

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 Im Jenaer Romantikerhaus

Da würde der neugierige Laie gern weiterfragen, nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden gegenüber der Weltmetropole Paris in der Zeit der Revolution und Napoleons. "Bildung" hatte in Deutschland einen anderen Sinn als in Frankreich, konstatiert Maurer pauschal: der "Fachmensch" dort, der "allseitig entwickelte Mensch" hier, "dessen Brauchbarkeit gewissermaßen ein Nebeneffekt seiner allseitigen Ausbildung sein sollte". Aber das Jenaer Forschungsprojekt ist weitgehend monographisch angelegt – Ansätze bloß für so etwas wie eine vergleichende Soziologie der klassisch-romantischen Epoche in Deutschland.

Frank Wogawa (Jena) gibt einen Hinweis, warum der Anspruch der "Klassiker" im deutschen Bürgertum nur in Grenzen durchdringen konnte: "Gerade die ästhetischen Positionen Schillers und Goethes, die auf eine Erziehung und Bildung und auf eine noch zu leistende Konstituierung des Publikums zielten, machten es den Lesern mitunter schwer." Etwa Goethes "Wahlverwandtschaften", worin ein ethisches Problem im Kontext naturwissenschaftlicher Überlegungen episch gestaltet ist. Die Verlegergattin Johanna Frommann hat ihre Schwierigkeiten in einem Brief ausgesprochen: "Wir ahnen nur erst, was der Dichter meint und bezweckt. Mir ist es oft, als stiegen alte weise Griechen und Juden aus ihren Gräbern und sagten: Für Euch ist es zuviel." 


Neu auf dem Büchermarkt:
Bürgerliche Werte um 1800. Entwurf – Vermittlung – Rezeption,
herausgegeben von Hans-Werner Hahn und Dieter Hein,
Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien 2005, ISBN 3-412-16904-8, 44,- €



Mehr im Internet:
Ereignis Weimar - Jena. Kultur um 1800





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

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