Berlin, den 10.02.2012 Link Home Link Ticker Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

30.03.2006 - GENDER-FORSCHUNG

Schöne Seele und muskulöser Schreibstil

Forschungen zur Kulturgeschichte der Askese

von Josef Tutsch

 
 

Aktonskünstler David Blaine
in der Plexiglasbox

"Bekenntnisse einer schönen Seele": Wahrscheinlich hat schon diese Überschrift dazu beigetragen, dass viele Leser von Goethes "Lehrjahren" das sechste Buch überschlagen haben. "Schöne Seele" klingt reichlich konservativ, auch wenn heutzutage kaum noch jemandem geläufig sein wird, dass der Ausdruck auf die mittelalterliche Mystik zurückgeht und am Ende auf neuplatonische Gedanken zurückgeht: Die Seele muss schön geworden sein, wenn sie das Schöne schauen und verwirklichen soll. Die Stiftsdame, die mit Goethes Mutter eng befreundet war, versuchte dieses Ideal im Sinne christlicher Askese zu leben. Goethe überarbeitete ihren Text und fügte ihn seinem Roman ein.

Das Konzept der pietistischen Dame ist uns fremd geworden, so fremd, dass uns bei oberflächlicher Goethe-Lektüre vielleicht sogar die diffizile psychologische Analyse entgeht. Dieses asketische Ideal, so die Berliner Germanistin Inge Stephan, "führt in letzter Konsequenz zur Schwächung des Körpers und zum Verlust sozialer Kompetenz". Stephan hat Goethes Roman in den literaturhistorischen und literaturkritischen Kontext gestellt. Die Missverständnisse, denen der Roman ausgesetzt war, bieten ein hochkomisches Panorama. Goethes Mutter meinte, es handele sich um einen Beitrag "zur Erhaltung und Verbreitung dieser unverwelklichen Blätter". Goethes Schwager Schlosser dagegen warf dem Autor vor, er habe "dieser reinen Seele einen Platz in einem Bordell angewiesen, das nur zur Herberge dienen sollte für vagabundierendes Lumpengesinde"“. Der fromme Graf Stolberg gar verbrannte aus Goethes Roman die Bücher 1 bis 5 und 7 bis 8 und  ließ sich dieses 6. Buch als Erbauungsbüchlein separat binden ...  

Susanna Katharina von
Klettenberg, das Urbild von
Goethes "schöner Seele"

Inge Stephan hat sich mit Kollegen einige der Aspekte aus der Kulturgeschichte der Askese vorgenommen. Wie vielfältig und zwiespältig das Thema ist, fällt bereits bei einem Blick auf die Gegenwart auf. Einerseits werden kirchliche Konventionen wie Fastenzeit oder Zölibat belächelt oder auch befehdet, andererseits unterhält das Streben nach Schönheit und Gesundheit eine riesige Wirtschaftsbranche der Selbstkasteiung. Sportler, Event-Künstler und Medien-Stars zelebrieren vor der Weltöffentlichkeit die Überschreitung ihrer eigenen Grenzen. Ganz neu ist dergleichen nicht. Waltraud Pulz (München) berichtet von der – wirklichen oder bloß vorgetäuschten – Nahrungsabstinenz, die manche heilige Frauen im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit zur Schau trugen. Es waren fast ausschließlich Frauen: Männer, die sich langfristig der Nahrung enthielten, kamen gewöhnlich nicht in den Ruf der Heiligkeit, sondern in ärztliche Behandlung.

Offenbar muss eine Kulturgeschichte der Askese auch "Gender-Forschung" sein. Ruth Albrecht (Hamburg) ist dem christlichen Mönchtum der Spätantike nachgegangen. Die Nachrichten über asketische Frauen sind allerdings spärlich. Asketinnen verdienten größeres Lob als ihre männlichen "Kollegen", schreibt ein syrischer Autor des 5. Jahrhunderts. Begründung: Sie wären ja auch schwächer – eine Anspielung auf die Eva der Schöpfungsgeschichte. Jörg Dünne bestätigt, dass hier ein Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht wurde: "Wüstenaskese", wie sie uns bis heute aus der Lebensgeschichte des Eremiten Antonius vertraut ist, blieb weitgehend auf Männer beschränkt, sie wurde "als besondere athletische Leistung konzipiert, zu der allein Männer aufgrund ihrer physischen Überlegenheit fähig seien". 

Versuchung des heiligen Antonius,
von Lovis Corinth

Man muss nicht auf die aktuelle Event-Kultur schauen, um säkularisierte Formen dieser "männlichen", athletischen Askese zu finden. Christine Schmider (Nizza) führt Stellen aus den Briefen Gustave Flauberts an, wo das Ideal eines muskulösen Textkörpers beschworen wird: "Sätze mit hervorspringenden straffen Muskeln", "präzise wie die Sprache der Wissenschaft, geschmeidig wie der Bogen eines Cellos und im Feuer geschliffen“" Das Gegenbild boten die Romane der George Sand: "Das schmiert und die Idee fließt zwischen den Worten dahin wie zwischen Schenkeln ohne Muskeln."

Nur folgerichtig, dass der Autor sein Künstlertum in Parallele zur Selbstkasteiung des heiligen Antonius betrachtete: "Wie der Gott der Juden nährt sich die Kunst von Sühneopfern. Auf! Zerfetze dich, geißle dich, wälze dich in Asche, erniedrige dich, speie auf deinen Körper, entreiße dir dein Herz! Du wirst einsam sein, deine Füße werden bluten." Das ist wohl nicht bloß Kunstreligion, Schneider sieht hier auch die Abwehr einer"„alles verschlingenden Weiblichkeit". 

"Was bedeuten asketische Ideale?" fragte Nietzsche ein Vierteljahrhundert nach Flauberts "wütender und endloser Gymnastikübung" mit "Madame Bovary". Wenn man andere theoretische Konzepte bevorzugt: Max Weber sah in der "innerweltlichen Askese" das entscheidende Bindeglied zwischen der protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus, Michel Foucault entwickelte in seinem Spätwerk über Sexualität und Wahrheit eine Theorie des Unterschieds zwischen antiker und christlicher Askese.

Klicken zum schliessen
Aus Lucchino Viscontis Film "Tod in
Venedig"

Zwischen einem religiös motivierten Fasten einerseits, den allerneuesten, in den Massenmedien angepriesenen Schlankheitskuren andererseits liegen wohl doch mehr Phänomene, als sich unser Alltagsbewusstsein träumen lässt. Elisabeth Strowick hat die Figur des "Leistungsethikers" analysiert, die beim frühen Thomas Mann in Anlehnung an Nietzsches Moralphilosophie gezeichnet wird. Ein "Held der Schwäche", "der am Rande der Erschöpfung arbeitet und sich das Äußerste abgewinnt", ist über Gustav von Aschenbach zu lesen; „sein Lieblingswort war Durchhalten.“ Aber der Erzählverlauf im "Tod in Venedig" macht klar: Dieses asketische Ideal war nicht durchzuhalten.


Neu auf dem Büchermarkt:
Askese. Geschlecht und Geschichte der Selbstdisziplinierung,
herausgegeben von Irmela Marei Krüger-Fürhoff und Tanja Nusser,
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2005 (ISBN 3-89528-492-0), 38.- €
 


Mehr im Internet:
Askese 


 





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


forschung


politik


innovation


kultur


campus


kontakt