Gebrauchsanweisung für Universitäten eines Schweizer Biochemikers und Wissenschaftsmanagers
Barbara Bachtler
Prof. Gottfried Schatz
"Solange viele unserer besten jungen Köpfe ihre Ausbildung nicht in Europa, sondern an Universitäten in den USA suchen, haben wir ein Problem, das wir lösen müssen". Das erklärte Prof. Gottfried Schatz, Universität Basel, in seinem Festvortrag auf dem Neujahrsempfang des Campus Berlin-Buch. "Universitäten sollten unbequeme, brodelnde Ideenküchen sein", stattdessen zählten sie zu den "konservativsten Institutionen unserer Gesellschaft", sagte er. Unter dem Titel "Gebrauchsanweisung für Universitäten" kritisierte der Biochemiker und ehemalige Präsident des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierates sowohl die Universitäten als auch eine zu dirigistische und auf schnelle Ergebnisse fokussierte Forschungspolitik und zeigte auf, wie das wissenschaftliche Niveau der Universitäten und die Ausbildung junger Forscher verbessert werden könnten. Politik und Universitäten sollten gemeinsam danach trachten, die besten Köpfe auszuwählen, ihnen gezielt die nötigen Mittel zu geben, und sie dann für "eine angemessene Zeit frei denken, forschen und lehren zu lassen."
Schatz plädierte in seiner Rede dafür, dass Universitäten ihren akademischen Nachwuchs "rigoros, aber fair und transparent auswählen". Die jungen Menschen sollten die Möglichkeit haben, zu zeigen, was sie aus eigener Kraft können, Leistung sollte belohnt und nur die Besten sollten behalten werden. In diesem Zusammenhang bezeichnete er die "Habilitation mit ihren unklaren Zeitvorgaben und persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen, die zeitlich zu rigide und Leistung nicht belohnende deutsche Juniorprofessur, die permanenten Assistentenstellen, und all die anderen in Europa üblichen Mittelbaustellen" als wenig geeignet, junge Talente und neue Ideen zu fördern. Da nütze es auch nichts, die Universitäten mit mehr Geld und noch mehr Autonomie auszustatten. "Bei Universitäten geht es in erster Linie um kluge Köpfe - und für diese gibt es keinen Ersatz."
Weiter kritisierte Prof. Schatz, Universitätsreformen zäumten oft das Pferd vom Schwanz auf und definierten erst Strukturen, Finanzen und politische Trägerschaft und versuchten danach, dem "Ganzen eine wissenschaftliche Vision überzustülpen". Umgekehrt sollte es sein. Jede Universitätsreform sollte zuerst die Bedürfnisse der Wissenschaft und erst dann die Rahmenbedingungen festlegen. Die Universitäten müssten dann auch der Politik und der Verwaltung deutlich machen, was sie brauchen.
Schatz, der an verschiedenen Universitäten Europas und der USA gelehrt und geforscht und nach eigener Aussage auch die "Minenfelder staatlicher Forschungs- und Bildungspolitik" kennen gelernt hat, betonte, die Forschung an den Universitäten dürfe nicht vorrangig auf schnellen Nutzen zielen. Vielmehr sollte sie den Boden für die technologischen und gesellschaftlichen Neuerungen der kommenden Jahrzehnte vorbereiten. "Europas Forschungspolitik ist jedoch heute vom Glauben besessen, gute Forschung müsse ein möglichst konkretes - und damit kurzfristiges - Ziel haben und sich auf ,relevante' Probleme konzentrieren: Waldsterben, Aids, Gender Studies, Krebs, Klimaveränderungen, oder Bioterror. ... Oft schreibt sie den Forschenden auch vor, als Netzwerk zu arbeiten, deren Partner nach Geschlecht, Sprache oder geografischer Lage ,ausgewogen' sind. Dies aber sei unsinnig. "Wenn Bildungspolitik zu dirigistisch und Universitäten zu hierarchisch sind, erwürgen sie das, was sie fördern sollten. Dies Politik und Verwaltung klar zu machen und konsequent zu vertreten ist eine Bringschuld der Universitäten."
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