Venedig als Zentrum der europäischen Gesellschaft im 18. Jahrhundert
von Josef Tutsch
Die "bauta", die typisch vene-
zianische Karnevalsmaske
Bild: Wikipedia
"Edward, Bruder des Königs von England, kommt mit großem Gefolge nach Venedig ..." Von dieser Aussicht war der Schriftsteller Giorgio Baffo so begeistert, dass er dem Anlass ein ganzes Sonett widmete. In den Schlussversen stellt sich heraus, worum es dem Satiriker in Wirklichkeit ging. "Die Liebhaber sind in Aufregung: Da sie wissen, dass ihm die Frauen sehr gefallen, denken sie, nicht ohne Grund, daran, der Geliebten den Keuschheitsgürtel anzulegen."
Das Gedicht entstand 1764. Venedigs Karneval stand auf dem Höhepunkt seines europäischen Ruhms. "... und so bin ich denn zum Karneval nach Venedig gekommen", legte ein paar Jahre zuvor Voltaire in seinem Roman "Candide" einem halben Dutzend entthronter Könige in den Mund. Es war eine Vorform des modernen Tourismus. "Man versichert mir, dass beim letzten Karneval sieben regierende Fürsten und mehr als 30.000 Ausländer waren", schrieb bereits 1688 ein niederländischer Beobachter.
Was suchten sie alle an der Adria? Politisch war Venedigs große Zeit vorbei. Die Republik des heiligen Markus hatte ihre letzten Besitzungen im Orient an die Türken verloren. Und auch wirtschaftlich war die Stadt ins Abseits geraten. Die großen Handelswege führten nicht mehr durchs Mittelmeer, sondern über die Weltmeere. Aber "Venedig ist der Ort in der Welt, wo die Vergnügungen am raffiniertesten sind", vermerkte 1686 ein Engländer. Kurzum: die Stadt galt als Kompensation für den "puritanischen" Lebensstil, der sich im protestantischen wie auch im katholischen Europa ausgebreitet hatte.
Venezianische Kostüme Bild: aasemerdominos
Heutzutage wird der venezianische Karneval gern auf die Antike zurückgeführt, etwa die Saturnalien, bei denen im alten Rom die Sklaven mit ihren Herren verkehrte Welt spielen durften. Historisch nicht zu belegen; der Karneval in Venedig wie auch sonst in Europa war im Mittelalter Vorbereitung auf die Fastenzeit: ebenfalls eine verkehrte, sündige Welt, die am Aschermittwoch als überwunden gefeiert wurde. Und damit eine Lizenz zur vorübergehenden Ausschweifung. In einem venezianischen Liedchen aus dem 16. Jahrhundert war es ungeschminkt ausgesprochen: "Der Karneval macht mich potent." Zwei Jahrhunderte später ließ der Romancier Wilhelm Heinse seinen venezianischen Erinnerungen – oder auch bloß Phantasien – freien Lauf: "Jeder Ruck des Gondelführers mit dem Ruder ist ein Wollluststoß."
Wie freizügig es wirklich zuging, konnten bereits die zeitgenössischen Besucher nicht genau sagen. Ein französischer Reisender behauptete, "die edlen Frauen brechen ihre Ketten und sind frei, sich zu maskieren und auf den Bällen zu treffen"; dagegen versicherte ein Engländer, es werde "den Ehefrauen und Töchtern nur selten erlaubt, maskiert auszugehen, in Begleitung ihrer Ehemänner oder Eltern oder eines anderen Vertrauten". Es war wohl schwer zu beurteilen, ob sich hinter der Maske eine ehrbare Dame oder eine Kurtisane verbarg. Trug eine Frau die besonders beliebte "moretta", konnte sie nicht einmal sprechen: Diese ovale Gesichtsmaske aus schwarzem Samt musste mit den Zähnen festgehalten werden. Ein bunter Umhang wurde dazu über den Kopf geschlagen.
Oft nahmen die Frauen auch das männliche Gegenstück, die "bauta", einen schwarzer Schleier über Ohren und Haar, ergänzt durch einen schwarzen Dreispitzhut und eine weiße Gesichtslarve. "Man unterscheidet die Frauenspersonen nur an den unter dem Mantel hervorragenden Röcken", heißt es in einem Reisebericht von 1771. In älterer Zeit hatte die Signoria gelegentlich versucht, die Masken und falschen Bärte und künstlichen Haare zu verbieten, ohne nachhaltigen Erfolg. Aber bald kamen Beobachter auf den Gedanken, "dass die nicht sehr beliebten Adligen ganz froh sind, ein passendes Mittel gefunden zu haben, das Volk zu belustigen".
Frau mit "Moretta" Bild: MorettaMask
Nur geistliche Reformer wollten die "Exzesse" immer wieder zurückdrängen. Besonderen Anstoß erregte, dass auch Kleriker an dem bunten Treiben teilnahmen. Und umgekehrt, dass sich Laien – und gerade Frauen mit zweifelhaftem Gewerbe – in Mönchskutten kleideten. Casanova erzählt von einem Tanz im Kloster: "In Venedig gestattet man den Nonnen während des Karnevals dieses unschuldige Vergnügen."
Dass gerade Venedig zum Zentrum des Amüsements in Europa wurde, dürfte an den Pilgerströmen liegen, die seit dem späten Mittelalter ins Heilige Land zogen. Während die Pilger in den italienischen Hafenstädten auf günstigen Wind warteten, wollten sie unterhalten werden. Manche dieser "Unterhaltungen" müssen recht blutig gewesen sein. Im 13. Jahrhundert erzählt ein Chronist, dass auf dem Markusplatz "Schweine von Hunden gehetzt wurden". "Ein Mann kam mit blankgezogenem Schwert und hieb den Schweinen die Köpfe ab."
Mit der Zeit wandelten sich die Vorstellungen von einem "schicklichen" Karneval. 1594 wurden die Schweine durch Stiere ersetzt. Die Arbeit mit dem Schwert hatten statt der Patrizier inzwischen professionelle Fleischer übernommen. 1740 bewunderte Goethes Vater auf seiner Italienreise das Spektakel: "Man trieb zwanzig Stiere und eine entsprechende Anzahl von Hunden in das Gehege, so dass sich im Nu zwischen diesen Bestien eine fürchterliche Jagd anhob."
Der Brauch sei entstanden, erzählte man sich in Venedig, um einen Sieg über den Patriarchen von Aquileia im 12. Jahrhundert zu feiern: Stellvertretend für den Patriarchen würden die Tiere zum Tode verurteilt. Daneben wurden auch "lebende Bilder" aufgeführt, halb und halb ernsthafte Kampfspiele zwischen den Bewohnern verschiedener Stadtteile sowie unzählige Maskeraden mit Bären, wilden Männern, Göttern der antiken Mythologie, malerischen Schwarzen, grausamen Türken ...
Ende des Jahrhunderts kam die Sitte auf, Masken der commedia dell’arte zu wählen, Venedigs Straßen füllten sich mit würdigen Vätern und komischen Dienern, unheimlichen Pestärzten und aufschneiderischen Soldaten. Vorübergehend waren die strengen Luxusgesetze außer Kraft gesetzt. Die Kurtisanen erschienen "mit Juwelen behängt, als ob sie Königinnen wären", wer wollte, präsentierte sich auf den Bällen als Doge. "Ein Lastenträger verkleidet sich als Ritter, ein Edelmann als Bäcker; die Frau aus dem einfachen Volk gibt sich den Anschein einer feinen Dame, während eine Gräfin sich in eine Bauersfrau verwandelt", liest man in einer Schilderung aus dem 17. Jahrhundert. Weniger spaßig fanden Besucher von außerhalb vermutlich jene "Leute, die ganze Körbe voller Eier mit sich herumtrugen". "Manche Eier sind mit Rosenwasser gefüllt, die werfen sie auf ihre Freunde", andere "mit nicht so wohlriechendem Wasser".
Attraktion des Karnevals 1751: ein Rhinozeros; Bemälde von Pietro Longhi Bild: Cà Rezzonico, Venedig
Der Trubel begann unmittelbar nach Weihnachten, am 26. Dezember, und dauerte bis zum Aschermittwoch, wenn um Mitternacht die Totenglocken von San Francesco della Vigna die Fastenzeit einläuteten. Höhepunkt war der "fette Donnerstag" in der Woche zuvor, der "Giovedì grasso", wo vor dem Dogenpalast die Schweine- oder Stierhatz stattfand. Irgendwann genügten die sechs bis zehn Wochen den Besuchern (und jenen, die mit dem Tourismus ihr Geld verdienten) nicht mehr. Im Mai/Juni wurde ein Sommerkarneval eingeführt und eine dritte Saison im Herbst. Besucher aus dem Norden Europas hatten den Eindruck, in Venedig sei das ganze Jahr über Karneval, ausgenommen gerade mal die Fastenzeit vor Ostern und ein paar hohe kirchliche Feiertage. Als im Februar 1789 der Doge starb, hieß es, sein Tod sei wochenlang geheim gehalten worden, um den Karneval nicht zu stören.
1797 war dann alles vorbei. Ohne Widerstand ergab sich die Republik den Truppen des Generals Bonaparte. Von den französischen, später den österreichischen Besatzern wurde der Karneval als subversiv verdächtigt. Was blieb, war eine für manche Ohren wenig festliche Ruhestörung, wie aus einem deutschen Reisebericht von 1857 zu ahnen ist: "Bei Nacht riefen unaufhörlich die hin- und herziehenden Masken ihre lauten Begrüßungsworte oder ihre Jubellaute des Erkennens aus." 1979/80 wurde der Karneval wiederbelebt. Was dieses touristische Event von heute mit dem 18. Jahrhundert zu tun hat, lässt sich ebenso fragen wie in Köln oder Mainz oder Basel. Bei den Masken immerhin zeigt sich Venedig von auf Authentizität bedacht: Sie werden nach historischen Vorbildern angefertigt.
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