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17.02.2006 - GESCHICHTE
Zweifelhafte Geschehnisse, absichtsvolle Erzählungen
Herrschaftskommunikation seit dem Mittelalter -
aus einem Sonderforschungsbereich der Universität Bielefeld
von Josef Tutsch
 | | Karl der Große (Frankfurt/Main)
| | | In Seminaren zur geschichtswissenschaftlichen Methode ist die Kaiserkrönung Karls des Großen ein beliebter Übungsfall. Vor allem die Darstellung von Karls Biographen Einhard gibt Anlass zu Kopfzerbrechen: "Dass er die Benennung Kaiser und Augustus empfing, war Karl so zuwider, dass er versicherte, er würde an jenem Tag, obwohl es ein hohes Fest war, die Kirche nicht betreten, haben, wenn er die Absicht des Papstes hätte vorhersehen können." Kann man sich wirklich vorstellen, dass Karl von Papst Leo III. derart überrumpelt wurde? In den drei anderen zeitgenössischen Berichten findet sich davon kein Wort.
In der Regel behelfen sich Historiker (und interessierte Laien) damit, aus allen vier Texten eine Collage zu flicken, etwa mit dem Ergebnis, dass Karl nicht von der Krönung selbst überrascht wurde, sondern von der "Regie" durch den Papst. Die Historikerin Janet L. Nelson hat nach dem Kontext gefragt, in dem die unterschiedlichen Versionen erzählt wurden. Und da ergibt sich für Einhards Biographie: Karls Griff nach dem Kaisertitel hatte zu Spannungen mit Byzanz geführt; die Version mit der "Absicht des Papstes" gehört wahrscheinlich zu den fränkischen Versuchen, das Verhältnis zum östlichen Kaisertum zu bereinigen.
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Kaiserkrönung Karls des Großen in Rom (Aachen, Rathaus)
| Seit 2001 arbeitet an der Universität Bielefeld der Sonderforschungsbereich "Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte". Schade, dass wissenschaftliche Arbeitstitel so spröde ausfallen. Bernhard Jüssen, Professor für mittelalterliche Geschichte in Bielefeld, drückt es so aus: Die Historiker interessieren sich für die "Logik von Kommunikationssituationen", "für Strategien und rituelle Praktiken, für symbolische Repräsentationen". Also ganz platt: Manchmal ist weniger wichtig, wie es "wirklich" geschehen ist, als was man am einen oder anderen Ort davon erzählt hat – nur dass unsere detektivische Neugier ("who has done it?") natürlich trotzdem bestehen bleibt.
Und was zwei Dutzend Historiker da zum Thema "Herrschaft" in Mittelalter und früher Neuzeit zusammengetragen haben, ist großenteils hochspannend. Zum Beispiel Philippe Buc über den Besuch von Papst Stephan II. bei Karls Vorgänger Pippin. Einem Text zufolge hat sich der König vor dem Papst auf den Boden geworfen, nach einem anderen der Papst vor dem König. Buc: "Für das Publikum in Rom war ein Bericht zu verfassen, der eine Reihe von Gesten enthalten musste, die zu anerkannten Mustern für Begegnungen zwischen Papst und weltlichen Herrschern gehörten. Auf den tatsächlichen Vollzug kam es dabei nicht an." Die fränkischen Quellen verfuhren nach einem ähnlichen Muster, nur umgekehrt.
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Franz Grillparzers Drama "Die Jüdin von Toledo", mit Josef Kainz, 1904
| Es könnte reizvoll sein, Aktionen auf dem politischen Parkett von heute daneben zu setzen. Buc deutet es nur an: "Radio und Fernsehen haben die Spielräume für Vieldeutigkeit politischer Rituale erneut vergrößert." Das Mittelalter hatte immerhin seine populäre Literatur. David Nirenberg hat sich der beliebten Geschichte von der Liebe zwischen einem König und einer Jüdin angenommen. Selbst wenn König Alfons VIII. von Kastilien niemals eine jüdische Konkubine gehabt haben sollte: In der Story wurde deutlich, dass "Königreiche, die ihrem König erlauben, Juden zu lieben, darunter zu leiden haben".
Noch ein Beispiel, dass Erzählschemata mächtiger sein können als Fakten. Frank Rexrodt hat bei den Königsabsetzungen des 14. und 15. Jahrhunderts eine verblüffende Gleichförmigkeit der Argumente festgestellt. Der König, lautete die stereotype Anklage, habe nicht nur zusammen mit seinen Günstlingen das Land ausgeplündert, sondern auch mit ihnen Unzucht getrieben: Das Unerträgliche schlechter Herrschaft kristallisierte sich im Bild vom "Sodomiter" – unabhängig von dem, was im Einzelfall in den königlichen Schlafgemächern real vorgefallen sein mag.
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Ein "absoluter" Herrscher? Ludwig XIV.von Frnkreich
| Verkneifen wir uns Seitenblicke auf die aktuelle Regenbogenpresse. 1473 in Trier. Herzog Karl der Kühne von Burgund hatte mit Kaiser Friedrich III. über eine Königskrone verhandelt. Ein Erfolg schien zum Greifen nahe, als der Kaiser plötzlich und unverhofft abreiste. "Den Grund in Erfahrung zu bringen, vermochten wir nicht", schrieb ein Beobachter ratlos. Die Analyse des Vorgangs durch Heribert Müller liest sich wie ein Diplomatenkrimi, kann aber die Frage, wer die entscheidende Strippe gezogen hat, auch nicht eindeutig beantworten. Wie es scheint, verlief sich das Projekt in den gegebenen Strukturen des Reiches. Der Kaiser und die Kurfürsten, jeder auf seine Weise, wollten alles vermeiden, was den Status in Frage stellen konnte.
Manchmal wirft eine sorgfältige Quellenanalyse sogar feste Denkgewohnheiten über den Haufen. Ludwig XIV. war wohl doch kein derart "absoluter" Herrscher, wie wir uns das gern vorstellen. Die Aktennotiz vom März 1661 ist berühmt geworden: Der König hätte "den Entschluss gefasst, seinen Staat selbst zu regieren und sich dabei nur auf seine eigene Sorgfalt zu stützen". Aber Albert Cremer stellt klar, dass dieser "Absolutismus" durch eine Bürokratie von Juristen bereits entscheidend beeinträchtigt war. "Im konkreten Einzelfall unterwarf sich Ludwig XIV. wie später seine Nachfolger dem Mehrheitsvotum des Staatsrates." Immerhin – der Sonnenkönig war als starke Persönlichkeit noch "Herr der Personalentscheidungen, während seine Nachfolger hier nur noch einen äußerst begrenzten Einfluss auszuüben verstanden".
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Belagerung Wiens durch die Türken 1683
| Noch etwas vage bildet sich in den Arbeiten des Bielefelder Sonderforschungsbereichs ein Wandel des historischen Paradigmas ab. Bernhard Jüssen: "Politische Institutionen werden gewissermaßen verflüssigt in Wiederholungshand-lungen, in Ereignisreihen." Da liegt der Vergleich mit dem Theater nahe; kein Wunder, dass sich Vokabeln wie "Akteure" und "Rollenstilisierung" häufen. Die Beispiele aus der Arbeitspraxis zeigen: Das neue Paradigma verspricht mehr an Erkenntnis als die altgewohnte Geschichte der "großen Männer" – und vor allem mehr Lust an Erkenntnis als die reine Struktur-geschichte, die seit den 1960er Jahren die Universitäten beherrschte.
Alles eine bloß "historische" und "akademische" Methodendiskussion? Jüssen betont zu Recht, dass hier auch "Marken" hervorgebracht werden für eine Erinnerungs- und Wissenskultur: "Ob die Türkei zu einem Teil der islamisch geprägten Zivilisation wird oder zur laikal und religiös geprägten des Westens, das hängt maßgeblich davon ab, welche historisch gebundenen Europavorstellungen sich durchsetzen." Und auch welche "Türkeivorstellungen", wäre zu ergänzen. Um bei der Theatermetapher zu bleiben: Ohne diese Erinnerungskultur wissen die Akteure gar nicht, was sie auf ihrer Bühne eigentlich vorstellen.
Neu auf dem Büchermarkt: Die Macht des Königs. Herrschaft in Europa vom Frühmittelalter bis in die Neuzeit, herausgegeben von Bernhard Jüssen, Verlag C. H. Beck, München 2005 (ISBN 3-406-53230-6), 38,- €
Mehr im Internet: SFB "Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte"
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation
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