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10.02.2006 - BILDUNGSGESCHICHTE
Die erste deutsche Bildungsreform
Vor 1.150 Jahren starb der "Lehrer Deutschlands"
von Josef Tutsch
 | | Monogramm Kaiser
Karls des Großen
| | | Eltern wollen für ihre Kinder immer das Beste, nur leider haben die oft andere Vorstellungen. Das war vor 1.200 Jahren nicht anders als heute. Ein sächsischer Graf hatte seinen Sohn der Abtei Fulda zur Ausbildung übergeben; doch der junge Gottschalk mochte nicht Geistlicher werden und verlangte seine Freiheit zurück. Abt Hrabanus Maurus schrieb eine lange Abhandlung, um die elterliche Entscheidung zu rechtfertigen. Der Fall ging 829 bis vor die Mainzer Bischofssynode, die dem rebellischen jungen Mann Recht gab.
Es war die Zeit der "karolingischen Renaissance". "Deutschland" gab es noch gar nicht; aber was Karl der Große initiierte, war tatsächlich eine erste deutsche Bildungsreform. Für die Länder östlich des Rheins, bisher von aller antiken Tradition unberührt, wurde Hrabanus Repräsentant dieser Bewegung. Die Nachwelt gab ihm den Ehrentitel "Praeceptor Germania", "Lehrer Deutschlands". In Tours an der Loire war Hrabanus Schüler von Alkuin, Karls wichtigstem Berater in Bildungsfragen, gewesen. 803 wurde er Leiter der Klosterschule in Fulda, 822 Abt, 847 Erzbischof von Mainz. Am 11. Februar 856, vor 1.150 Jahren, ist er gestorben.
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Hrabanus übergibt sein Buch Erzbischof Otgar, in der Mitte: Alkuin
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Von PISA aus zurückgeblickt, stellten Alkuin und Hrabanus bescheidene Anforderungen an ihre Schäflein. Der allergrößte Teil der Bevölkerung bestand aus Bauern; sie sollten lernen, wenigstens das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis zu sprechen. Die beiden Stücke, wie sie im "Weißenburger Katechismus" überliefert sind, gehören denn auch zu den ältesten Schriftzeugnissen deutscher Sprache. Schwer zu sagen, inwieweit die herrschende Adels- und Kriegerschicht gründlicher "gebildet" war. Kaiser Karl umgab sich gern mit Gelehrten. In hofferne Kreise wird davon nicht viel durchgedrungen sein.
Höher gesteckt war das Bildungsprogramm für die Weltgeistlichen. Ein durchschnittlicher Pfarrer, erläutert der Kulturhistoriker Pierre Riché, musste neben Credo und Paternoster auch die übrigen Messgesänge und eine Reihe Psalmen vortragen können, auf Lateinisch, wie sich versteht, und "ohne grobe Schnitzer". Außerdem sollten sie den Bibeltext und die gängigen Kommentare zu lesen verstehen. Vor der Ordination prüfte der Bischof die Eignung des Kandidaten mit einem Frage-Antwort-Spiel. In den erhaltenen Formularen ist die richtige Antwort jeweils hinzugesetzt, vielleicht, meint Riché mokant, weil man befürchtete, der Fragesteller selbst könnte seiner Sache nicht ganz sicher sein. Jedenfalls war die Unbildung vieler Geistlicher ein beliebtes Scherzthema bei Hofe.
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Hrabanus übergibt sein Buch Papst Gregor IV.
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"Allgemeinbildung", wie man später gesagt hätte, also das System der sieben freien Künste von Sprachbeherrschung bis Mathematik, war mehr für die angehenden Klostergeistlichen vorgesehen. Unter den vornehmen Geschlechtern des Frankenreiches war es Mode geworden, einen der Söhne für das Klosterleben zu bestimmen – zweifellos auch in der Hoffnung, seine Gebete könnten dem Rest der Familie zum Seelenheil verhelfen. Laien, die lesen und schreiben konnten, waren recht selten, wenngleich Alkuin immer wieder betont, dass Bildung kein Privileg der Geistlichkeit sei. Angeblich hat sich Kaiser Karl selbst bis ins hohe Alter vergeblich bemüht, die Schreibkunst zu erlernen.
Mehr nebenbei wurde zum Beispiel die Astronomie zum Bestandteil des abendländischen Bildungskanons. Alkuin in einem Brief an Karl den Großen: "Was bewundern wir bei Sonne, Mond und Gestirnen, wenn nicht die Weisheit des Schöpfers?" Oder die antike Literatur. Abt Ermenrich von Ellwangen: "Die Worte der Heiden sind übelriechend, weil unwahr, helfen aber dennoch sehr viel zu einem besseren Verständnis der Worte Gottes." Dass wir bis heute das Hildebrandslied als älteste große deutsche Dichtung lesen können, verdanken wir vermutlich einer klösterlichen Schreibübung in dem noch ganz ungelenken deutschen Dialekt. Nichts spricht dafür, dass der Fuldaer Mönch der Poesie des Textes irgendein Interesse entgegen gebracht hätte.
Und dennoch muss die neuentdeckte Bildungswelt eine ungewohnte Leidenschaft hervorgerufen haben. Aus dem Schulunterricht sind Denk- und Rechenaufgaben überliefert, wie man sie noch heute kennt: Drei Brüder sind, jeder mit seiner Schwester, unterwegs. Sie kommen an einen Fluss, aber das einzige vorhandene Boot fasst nur zwei Personen. Die Schicklichkeit verlangt, dass jede Schwester mit ihrem Bruder zusammen übersetzt ... Die Höflinge stellten einander Rätselfragen ("Was macht den Menschen nie überdrüssig? – Der Gewinn"), die manchmal wohl auch Anlass für ernsthafte theologische und philosophische Diskussionen gaben.
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Handschrift von Hrabanus' Buch über das Lob des heiligen Kreuzes
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Besonders gern demonstrierten die Hofpoeten der Karolinger ihre virtuose Wortbeherrschung. Da findet sich zum Beispiel ein lateinisches Gedicht über die Kahlköpfe, dessen 146 Zeilen alle mit dem Buchstaben C – wie "calvus", Kahlkopf – beginnen. Spielereien, denen sich auch mancher fromme Geistliche hingab. Hrabanus Maurus verfasste ein "Lob des heiligen Kreuzes", dessen Gedichte in Figuren angeordnet sind, zumeist in Kreuzform. Poesie fürs Auge, sozusagen: Im letzten Stück hat der Abt sich selbst, am Kreuze kniend, dargestellt.
Es war nicht bloß religiöser Eifer, wenn Karl der Große, sein Sohn Ludwig der Fromme und sein Enkel Karl der Kahle die Bildung fördern wollten. Es ging auch um die Einheit des Reiches. Alkuin hat die Verknüpfung klipp und klar ausgesprochen: "Jesu Macht wird durch die Triumphe von Karls Tapferkeit vielen Reichend er Erde offenbar." In einem Fall konnte auch Hrabanus Maurus der großen Politik nicht widerstehen. Im Thronfolgestreit unter Karls Enkeln trat er für Lothar I. ein; da Fulda unter der Herrschaft Ludwigs des Deutschen stand, musste der Abt 842 zurücktreten. Offenbar wusste Ludwig aber den gelehrten Benediktinermönch zu schätzen. Fünf Jahre später hob er ihn auf den erzbischöflichen Stuhl.
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Kunstvolle Buchmalerei aus dem 9. Jahrhundert: die vier Evangelisen
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Dennoch ging die große Zeit der karolingischen Bildungsreform in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts ihrem Ende zu. Und wiederum spielte dabei jener sächsische Grafensohn eine Rolle. Gottschalk entschied sich, trotz seiner wiedergewonnenen Freiheit, für die Priesterlaufbahn. Seine eigenwillige Theologie, so hat es der Historiker Arno Borst formuliert, "zerstörte jeden Zusammenhang zwischen Gottesvolk und Frankenreich", sein Leitbild war nicht der wissenschaftlich geschulte Theologe, sondern "der erbärmliche Knecht des barmherzigen Gottes".
Wegen seiner Leugnung der menschlichen Willensfreiheit wurde Gottschalk 849 zu lebenslanger Klosterhaft verurteilt. Auch Hrabanus hatte seinen ehemaligen Schüler erbittert bekämpft. "Nichts Gesundes fand ich in Gottschalks Sinn", schrieb der Erzbischof an seinen Kollegen Hinkmar in Reims, "nur Überheblichkeit. Was soll ich gegen den schreiben, der die ganze Kirche verachtet?" Nicht nur die Kirche, wäre hinzuzufügen; auch die karolingische Renaissance und ihre Bildungsreform.
Mehr im Internet: Hrabanus Maurus Karolingische Renaissance
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation
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