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31.01.2006 - GELOTOLOGIE
Bitte lächeln - aber richtig!
Lachen konnte der Mensch schon vor dem Reden
Christina Pietsch
 | | | | | Etwas merkwürdig ist der Anblick schon: Ein Mensch schüttelt sich und zuckt, wirft den Kopf in den Nacken und stößt Laute aus, die irgendwo zwischen Singen und Grunzen anzusiedeln sind. Er lacht.
Warum um alles in der Welt lachen wir? Was hat sich die Evolution dabei gedacht, uns mit der Fähigkeit des Lachens auszustatten? Worüber und mit wem wird gelacht? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigen sich weltweit rund 200 Lachforscher. Die Gelotologie (vom griechischen gelos = Gelächter) ist ein Wissenschaftszweig, der von der Fachwelt wie von der Öffentlichkeit seinerseits lange belächelt wurde. Zu Unrecht.
Denn spätestens seit Lachen nachweislich als gesundheitsfördernd gilt, hat sich der Blickwinkel geändert. In den letzten 30 Jahren wurden zahlreiche Arbeiten veröffentlicht, die das Geheimnis des Lachens teilweise lüften konnten. In ihrer im Dezember erschienenen Studie analysierten die amerikanischen Biologen Matthew Gervais und David Sloan Wilson einen Großteil dieser Arbeiten. Sie werteten empirische Daten von Studien aus unterschiedlichen Disziplinen aus, um Evolution und Funktion des Lachens beim Menschen zurückverfolgen zu können. Besonderes Augenmerk hatten sie dabei auf Unterschiede zwischen dem unwillkürlichen „echten“ Lachen und dem bewusst erzeugten "unechten" Lachen.
Lachen kann der Mensch seit insgesamt 7 Millionen Jahren. Vor etwa 2 Millionen Jahren entwickelten unsere Vorfahren die Fähigkeit ihre Gesichtsmuskeln willkürlich zu steuern. Als Folge lernten die Frühmenschen das zuvor „unwillkürliche“ Lachgesicht für eine Reihe neuer Funktionen einzusetzen. „Lächeln und Lachen sind heute vor allem sozialer Klebstoff“, sagt Carsten Niemitz. Er ist Professor für Humanbiologe und Mimikforscher an der Freien Universität Berlin und beschäftigt sich seit etwa 20 Jahren mit dem Thema. Etwa 80% unseres Lachens beruht nicht auf Humor. „Wir lachen nicht nur, weil etwas lustig ist, sondern vor allem, um soziale Bindungen aufzubauen.“
 | Das beweist auch die aktuelle Studie einer Berliner Linguistin. In ihrer kürzlich veröffentlichten Doktorarbeit ging Barbara Mertzinger der Frage nach, welche Bedeutung das Lachen von Frauen heutzutage hat. Sie lud insgesamt 34 Frauen zwischen 18 und 81 Jahren zu einem Gespräch über Shopping und Sexualität zu sich nach Hause ein. Den eigentlichen Grund der Einladung kannten die Frauen nicht. Die Forscherin zeichnete die Interviews auf Video und Tonband auf und wertete sie anschließend das Lachverhalten aus. Dabei fand sie heraus, dass die Frauen das Lachen oft gezielt einsetzten. Damit unterteilten sie ihre Redebeiträge in verschiedene Abschnitte. So nutzten sie das Lachen vor allem um den Gesprächsablauf zu ordnen.
„Menschen können heute freiwillig das ‚Lachprogramm’ abrufen und es für ihre eigenen Zwecke einsetzen“, bestätigt auch Matthew Gervais. „Um beispielsweise in einer Konversation die Interaktion zu glätten, anderen zu schmeicheln und bei ihnen positive Reaktionen hervorzurufen, aber auch um Menschen auszulachen, die sie nicht mögen.“
Bereits 1862 unternahm der französische Neurologe Guillaume Duchenne erste Versuche, um echtes und unechtes Lachen zu unterscheiden. Er reizte mit elektrischem Strom durch Elektroden auf dem Gesicht verschiedene Gesichtsmuskeln und schrieb über diese "elektrophysiologische Analyse von Gefühlsausdruck" in der menschlichen Physiognomie 1862 in Paris eine grundlegende Arbeit. Beim heute noch nach ihm benannten „Duchenne-Lächeln“ wird nicht nur der Jochbeinmuskel, der sogenannte Zygomaticus major angespannt, sondern es müssen auch die Augenringmuskeln beteiligt sein, die für die Lachfalten zuständig sind. Unbewusst erkennen wir anhand dieses universellen „Lachmusters“, ob das Lachen unseres Gegenübers ernst gemeint ist oder nicht.
Carsten Niemitz ist sich deshalb sicher: Nicht nur das Lachen ist angeboren, sondern auch unsere Fähigkeit, es zu interpretieren. Um das zu beweisen, filmte er Testpersonen, die glaubten, ihr Sprachgeschick soll untersucht werden. Er ließ die Freiwilligen verschiedene Zungenbrecher aufsagen. Was sie nicht wussten: Dabei wurde ihre Mimik vermessen. Je öfter die Probanden sich verhaspelten und lachten, um so besser, denn in mit seiner Untersuchung wollte der Humanbiologe herausfinden, wodurch ein besonders angenehm wirkendes Lachen gekennzeichnet ist. Anschließend musste eine Gruppe von Leuten das gefilmte Lachen subjektiv beurteilen. Diese Einschätzungen wurden dann mit den objektiven Messergebnissen verglichen. Probanden, deren Lachen als angenehm bewertet wurde, zeigten einen ganz charakteristischen Gesichtsausdruck. Ein „echtes“ Lachen.
„Echtes“ Lachen wird unbewusst erzeugt und von unseren Mitmenschen instinktiv gewertet. Sowohl die Fähigkeit zu lachen als auch die Fähigkeit es zu interpretieren müssen demnach als eine Art allgemeingültiges „Lachprogramm“ genetisch festgelegt sein. „Diese Art von Kommunikation funktioniert nicht nur transkulturell sondern auch transspezifisch.“, erzählt Professor Niemitz. „Das typische Bild des „echten“ Lachens ist auch bei Tierprimaten erhalten. Wir verstehen Affen, wenn sie lachen.“
 | Unsere Vorfahren konnten sich zunächst nur durch das Spiel von Mimik und Gestik verständigen. Die Fähigkeit Laute auszusenden und zu verstehen, entwickelte sich erst im Lauf der Jahrmillionen. Das beobachteten Anthropologen bei unseren nächsten Verwandten: den Affen. Paviane grinsen. Die schlauen Schimpansen erzeugen schon Geräusche beim Lachen.
Haben die Schimpansen den Pavianen damit tatsächlich etwas voraus? Carsten Niemitz sieht vor allem im Erreichen einer breiteren Masse den selektiven Vorteil des geräuschvollen Lachens. Kommen akustische Signale dazu, ist die Kommunikation nicht mehr nur auf einen Sender und einen Empfänger beschränkt. Blickkontakt ist keine Voraussetzung mehr, um Informationen austauschen zu können.
Wenn der Mensch schon seit mehreren Millionen Jahren lacht, muss dann nicht diese Eigenschaft im Lauf der Evolution sein Überleben gefördert haben? Jaram van Hooff ist Sozioökologe an der Uni Utrecht. Für ihn sind Lachen und Lächeln qualitativ verschiedene Ausdrucksmuster, die sich unabhängig voneinander entwickelt haben. Er untersuchte die Gesichtsausdrücke von Affen und stellte bereits in den siebziger Jahren die Theorie auf, das Lächeln sei aus der „Angstgrimasse“ der Affen entstanden. Es sicherte unseren Urahnen als beschwichtigendes „Ich-tu-dir-nichts-du-tust-mir-nichts“ das Überleben. Wer friedliche Absichten zeigen konnte, geriet einfach seltener in Auseinandersetzungen.
Lachen verhindert demnach also Aggressionen – bei der nächsten Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln könnte man das vielleicht einmal ausprobieren...
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