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03.02.2006 - TOLERANZ

Karikierte Propheten - gekränkte Gläubige

Aus der Kulturgeschichte von Blasphemie und Intoleranz

Josef Tutsch

 
 

Schreckliche Vorwürfe standen in der Bannbulle, die Papst Gregor IX. 1239 gegen Kaiser Friedrich II. erließ: "Offen hat dieser König der Pestilenz behauptet, dass alle Welt hintergangen sei von drei Betrügern, Jesus Christus, Moses und Mohammed. Und weiter hat er mit lauter Stimme zu lügen sich unterfangen, dass alle jene Narren seien, die da glaubten, aus einer Jungfrau habe der Gott geboren sein können, der die Natur und alles andere erschuf."

Ob der Kaiser das Wort von den drei Betrügern wirklich gesagt hat, muss acht Jahrhunderte später offen bleiben. Wahrscheinlich handelt es sich ursprünglich um einen Einfall von Schultheologen, die an der Widerlegung dieses Satzes ihre dialektische Gewandtheit demonstrieren wollten. Die Empörung des Papstes kommt uns reichlich bekannt vor. Wer weiß – vielleicht ließe sich mit dieser Blasphemie, ohne Hinweis auf die historische Quelle vorgetragen, in manchem europäischen Land auch heute noch heftige Entrüstung produzieren.

 Papst = Teufel, Umkehrbild auf Münze
  um 1530

Religionen, Konfessionen, Weltanschauungen sind sehr sensibel, wenn es um die jeweils eigenen Werte geht – und oft sehr robust, soweit gegen andere argumentiert wird. „Nichts anderes als Teufelei“, wetterte Martin Luther gegen das Papsttum. "Sowenig wir den Teufel selber als einen Herrn oder Gott anbeten können, so wenig können wir deshalb auch seinen Apostel, den Papst oder Antichristen, als Oberhaupt ertragen." Die Konzilsväter von Trient waren nicht weniger deutlich: Ihre Verurteilungen der reformatorischen Lehrsätze münden immer wieder in die Formel "Er sei verdammt".

Offenbar die Kehrseite eines als göttlich empfundenen Auftrags, die ganze Welt zur rechten Lehre zu bekehren und innerhalb der Gemeinde abweichende Meinungen zu vermeiden. Ein frühes Beispiel findet sich in jener Nachricht, die griechische Historiker von den alten Persern verbreiteten: Lügen sei bei ihnen das Schlimmste. Damit war nicht etwa subjektive Ehrlichkeit gefordert, sondern das Bekenntnis zur religiösen Orthodoxie.

 
 Berühmte Wandkritzelei eines
 römischen Buben, der seinen
 christlichen Nachbarn verspot-
 tet: Auf eine Mauer hat er ein
 Kreuz gemalt, an dem ein Mann
 mit Eselskopf hängt: "Alexame-
 nos verehrt seinen Gott".

Polytheistische Religionen waren da weniger streng. Sokrates wurde 399 vor Christus angeklagt, weil er "die Götter, welche der Staat annimmt", durch andere ersetzen wolle. Das "Anstelle" also war anstößig, nicht ein "Daneben". Dass der jüdische Monotheismus den Angehörigen des auserwählten Volkes eine Beteiligung am Kaiserkult verbot, muss den Römern als absonderlicher Eigenwille erschienen sein; sie blickten darüber hinweg. Zum Konflikt kam es erst, als die Christen diesen rigorosen Monotheismus übernahmen und im ganzen Reich auf Mission gingen.

"Ich sehe den Erstgeborenen Satans", pflegte im 2. Jahrhundert nach Christus der heilige Polykarp in die Menge zu rufen, wenn er dem "Häretiker" Markion begegnete. Ein "Hassprediger", wenn man so will. Zu öffentlich-rechtlicher Geltung kam die Intoleranz, als Kaiser Theodosius im Jahre 390 verkündete: "Wir wollen, dass alle Völkerschaften, die die maßvolle Herrschaft unserer kaiserlichen Gnade regiert, an der Religion in der Version teilnehmen, wie sie der heilige Apostel Petrus den Römern überliefert hat."

Diese Einheit von Religion und Politik hat sich im westlichen Europa erst in der Neuzeit allmählich aufgelöst, durch Renaissance, Glaubensspaltung, Konfessionskriege und Aufklärung. Inzwischen haben die Historiker entdeckt, dass diese Säkularisierung im hohen Mittelalter ausgerechnet durch die Päpste vorbereitet worden ist: Seit dem 11. Jahrhundert arbeiteten sie hartnäckig daran, der weltlichen Gewalt ihre religiöse Aura zu entziehen – mit dem paradoxen Ergebnis, dass in westlichen Demokratien heute nicht mehr der religiöse Inhalt selbst, sondern bloß noch der "öffentliche Friede" ein Rechtsgut darstellt.

   
  Stein des Anstosses: Seite aus
  Jyllands Posten

Bekenntnisse sollen also vor öffentlicher Beschimpfung geschützt werden; aber die Freiheit der Meinungsäußerung, des Glaubens- und Gewissens und der Kunst genießt im Zweifelsfall Vorrang. Bereits ein flüchtiger Blick in die Klassiker lehrt, dass es gar nicht anders sein kann, wenn man nicht einige hundert Jahre Ideengeschichte abschneiden will. Zum Beispiel Friedrich Nietzsche: "Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die eine große innerlichste Verdorbenheit, den einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist – ich heiße es den einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit ..."

Oder der italienische Dichter Ariost dreieinhalb Jahrhunderte zuvor, in seinem "Rasenden Roland". Der Evangelist Johannes hält eine Rede über die lügnerischen Dichter, die ihren Gönnern fälschlich alles Gute und Edle nachsagen, weil sie dafür bezahlt werden. Der Evangelist schließt mit der Bemerkung, dass auch er sich einstmals als Schriftsteller betätigt hat – und lässt durchblicken, dass der hochgelobte Christus ihm den gebührenden Lohn gezahlt hat, nämlich die Unsterblichkeit. Von Repressionen gegen Ariost ist nichts bekannt. Aber die Stelle kann im katholischen Italien des 16. Jahrhunderts keine geringere Provokation gewesen sein als Salman Rushdies "Satanische Verse" in der islamischen Welt des 20. Jahrhunderts.

Es ist nicht zu leugnen: Überzeugte Christen in Europa haben sich in den letzten Jahrhunderten an mancherlei Irritationen und Provokationen gewöhnen müssen, gar nicht zu reden von dem, was heutzutage in theologischen Lehrbüchern als Ergebnis der Forschung zur Bibel verzeichnet wird. Etwa Hans Conzelmann vermerkt in seinem verbreiteten Arbeitsbuch zum Neuen Testament zu einer Leben-Jesu-Episode nach der anderen, es sei "auch hier klar, dass die Szene keinen historischen Kern enthält".

 Klicken zum schliessen
  George Grosz: Maul halten und
 weiter dienen!. 1927

"Der erste Prophet war der erste Schurke, der einem Dummkopf begegnete",  schrieb Voltaire in seinem Traktat gegen den Fanatismus, und deutete mit keinem Wort an, die Prophezeiungen der Bibel könnten von diesem Verdikt ausgenommen sein. Mit der Figur des Mohammed in seiner großen Verstragödie, gezeichnet als skrupelloser Massenverführer, meinte Voltaire denn auch keineswegs bloß den Stifter des Islams. 1993 war in Zürich eine szenische Vorlesung aus dem Stück geplant. Auf muslimischen Protest hin wurde sie abgesagt.

Man hätte aus der Geschichte der europäischen Aufklärung wissen können, dass das nicht der Weg ist, um gekränkte Gläubige zu einer Auseinandersetzung mit der "Karikatur" ihres Propheten zu bringen. Im Fall der Zeichnungen vom September 2005 aus "Jyllands Posten" haben viele Protestierer wohl nicht einmal die Frage gestellt, wer oder was da eigentlich satirisch getroffen wird. "Stop, stop, die Jungfrauen sind aus!", ruft der Prophet den Selbstmordattentätern an der Paradiesespforte zu. Eine Anspielung auf die Jungfrauen, die dem Märtyrer als himmlischer Lohn verheißen sind. Aber wird da eigentlich der Prophet selbst karikiert und nicht vielmehr eine – übrigens auch im Islam selbst keineswegs allgemein akzeptierte – Auslegung von Paradies und Märtyrertod?

Diesen Unterschied zu machen, ist auch im "christlichen" Abendland niemals leichtgefallen. 1927 zeichnete George Grosz einen Christus mit Gasmaske. Es kam zu einem jahrelangen Gotteslästerungsprozess. Das Gericht der ersten Instanz gelangte zu dem Schluss, das Bild greife unverkennbar Christus selbst an. Erst das Berufungsgericht gab Grosz' Argumentation Recht, er habe vielmehr die Kirche und ihre "kriegshetzenden" Vertreter kritisieren wollen. Vielleicht würden viele die Zeichung als geschmacklos bezeichnen, entschied der Richter, mit einer Verletzung religiöser Gefühle habe dies nichts zu tun.


Mehr im Internet:
Blasphemie 
Jyllands Posten
scienzz artikel Religiöse Ethik






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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